USA

Frost/Nixon (2008)

Seit im Juni 1972 fünf Leute im Watergate-Gebäudekomplex dabei erwischt wur­den, wie sie Wanzen in den Büros der Demokratischen Partei instal­lier­ten und gene­rell am her­um­spio­nie­ren waren, ver­bin­det man mit Richard Nixon vor allem die Erinnerung an den bekann­tes­ten Politikskandal der Geschichte. Die Details der Vorgänge, die zu sei­nem Rücktritt geführt haben, mögen bei den meis­ten in Vergessenheit gera­ten sein, und alles andere, was er als 37. Präsident der USA sonst noch so getan hat, wusste schon Mitte der Siebziger kein Mensch mehr, aber die Endsilbe „-gate“ erkennt sogar auf unse­rer Seite des Atlantiks fast jeder Zehnjährige als Symbol für Korruption und unde­mo­kra­ti­sche Umtriebe.

Dass Nixon mit die­sem Erbe nicht beson­ders glück­lich war, kann man sich leicht den­ken. Er hat immer bestrit­ten, selbst an irgend­wel­chen ille­ga­len Aktivitäten betei­ligt gewe­sen zu sein und wird wohl noch ein paar Jahre lang gehofft haben, sich reha­bi­li­tie­ren zu kön­nen. Zu die­sem Zweck schrieb er seine Memoiren, und zu die­sem Zweck gab er dem bri­ti­schen Fernsehmoderator David Frost ein aus­führ­li­ches Interview. Frost war damals bereits recht popu­lär, aber mit einer Vergangenheit als Komiker galt er nicht unbe­dingt als der seriö­seste Fernsehjournalist weit und breit; es ist also gut mög­lich, dass Nixon hoffte, da einen Gesprächspartner gefun­den zu haben, der sei­ner Rhetorik wenig ent­ge­gen­zu­set­zen hatte. Entscheidend war aber, dass Nixon seine Anwaltslizenz ver­lo­ren hatte und schlicht und ein­fach Geld brauchte: Frost bot die fabel­hafte Summe von 600.000 Dollar, ein Vielfaches des­sen, was andere Interessenten zu zah­len bereit waren. Er hätte daher ver­mut­lich sogar dann den Zuschlag bekom­men, wenn er bis dahin nur die Sesamstraße anmo­de­riert hätte.

Für Frost lohnte sich das Geschäft auch lang­fris­tig. Nixon been­dete die Fernsehaufzeichnung mit eini­gen sehr per­sön­li­chen, nach­denk­li­chen Bemerkungen — kein Geständnis, nur mit viel Phantasie eine Entschuldigung, aber immer­hin genug, um die Sendung zu einem fan­tas­ti­schen Quotenerfolg wer­den zu las­sen. Darauf konnte David Frost eine seriöse Fernsehkarriere auf­bauen, die bis heute anhält und ihm neben Ruhm und Reichtum auch den Ritterschlag der Queen einbrachte.

Die Entstehungsgeschichte die­ses Interviews und das Interview selbst wur­den 2006 von Peter Morgan zu einem Theaterstück ver­ar­bei­tet und zwei Jahre spä­ter, nach einer erfolg­rei­chen Zeit in London und am Broadway, in die Kinos gebracht. Die Hauptdarsteller, Frank Langella als Nixon und Michael Sheen als Frost, über­nahm man aus der Bühneninszenierung, und weil man eine etwas grö­ßere Zielgruppe anspre­chen wollte als das lang­wei­lige Politikfilme übli­cher­weise tun, durfte der eta­blierte Hollywood-Unterhaltungsspezialist Ron Howard Regie führen.

Das Kalkül ging nicht auf — es gab zwar fünf Oscar-Nominierungen, wie sich das für ein anspruchs­vol­les Drama gehört, aber die Einspielergebnisse waren nicht sehr berau­schend. Dabei wird die Story durch­aus flott und humor­voll erzählt, Sheen und Langhella gestal­ten ihre Figuren sym­pa­thisch und ori­gi­nell, und recht schnell hängt man als Zuschauer am Haken und will wis­sen, wie die­ser ver­bale Schlagabtausch zwi­schen dem etwas halb­sei­de­nen Playboy und dem net­ten Opa, in dem ein geris­se­ner Politiker steckt, wei­ter­geht. Alles in allem ist das recht unter­hal­tend und durch­aus auch für Leute geeig­net, die über Politik nicht viel mehr wis­sen, als dass sie wohl ein schmut­zi­ges Geschäft sein soll.

Aus his­to­rio­gra­phi­scher Sicht ist das ande­rer­seits lei­der genau das Problem des Films. Er erkauft sich viel von sei­nem Entertainment-Faktor mit einer deut­li­chen Tendenz zur Über­zeich­nung. Frost mag ein Lebemann und Frauenheld gewe­sen sein, aber nach allem, was man über ihn lesen kann, scheint er auch ein akri­bi­scher Arbeiter gewe­sen zu sein, der wohl kaum so schwach vor­be­rei­tet in eine Sendung gegan­gen wäre wie uns die­ser Film glau­ben machen will. Und Langellas oscar­no­mi­nier­ter Nixon wirkt zwar ange­mes­sen gebro­chen und ein­sam, aber von ein paar Anflügen abge­se­hen ist er sicher­lich nie­mand, den man jemals, wie den ech­ten Richard Nixon, „Tricky Dick“ nen­nen würde. In sei­nen schwächs­ten Momenten wirkt Langella vor allem alt und ein klei­nes biss­chen senil, und das wird dem schlag­fer­ti­gen, wort­ge­wand­ten Nixon, den man in den Original-Interviews bewun­dern kann, auf gar kei­nen Fall gerecht.

Ron Howard setzt dabei oben­drein auf einen sehr doku­men­ta­risch inspi­rier­ten Stil, mit viel Handkamera und sogar „Talking Heads“, die die Vorgänge in der Rückschau erläu­tern und inter­pre­tie­ren. Wenn es die ech­ten Mitarbeiter Frosts wären, die da auf­tre­ten und ihre Sicht der Dinge aus­brei­ten, wäre das natür­lich ein gro­ßer Pluspunkt für die Glaubwürdigkeit der Darstellung, aber tat­säch­lich sehen wir wie­der nur die Schauspieler, die, vor­sich­tig umge­stylt, ihren aus­wen­dig­ge­lern­ten Text zum Besten geben. Damit ober­fläch­lich zwar der Anspruch auf Authentizität erho­ben, aber es bleibt bei der lee­ren Form ohne jede inhalt­li­che Unterfütterung, und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Films stellt sich nur umso intensiver.

Und um den scheint es ins­ge­samt nicht allzu gut bestellt zu sein. Wie es um David Frosts Arbeitsmoral bestellt war, ob er tat­säch­lich an sei­ner läs­si­gen Einstellung zu schei­tern drohte und ob die Finanzierung des teu­ren Interviews tat­säch­lich der­art am sei­de­nen Faden hing wie Frost/Nixon uns glau­ben machen möchte, das ist so ohne Weiteres nicht leicht nach­zu­prü­fen. Dafür fin­det man sehr leicht eine gute Quelle über die Vorgänge wäh­rend des Interviews selbst und das Zustandekommen der selbst­kri­ti­schen Bemerkungen, die der Film als Sieg Frosts fei­ert. Wie Nixons Biograph Jonathan Aitken berich­tet, sind ihm die näm­lich kei­nes­wegs in einem emo­tio­na­len Augenblick unter der Last sei­nes Gewissens ent­fleucht, und Frosts jour­na­lis­ti­sches Talent hatte auch wenig damit zu tun. Vielmehr hatte Nixon die Situation der­art gut unter Kontrolle, dass ihn schließ­lich sogar seine eige­nen Mitarbeiter bedräng­ten, den Zuschauern ein biss­chen mehr zu geben. Was im Film als spon­ta­nes Geständnis gefei­ert wird, war in Wirklichkeit ein sorg­fäl­tig geplan­tes und geschickt prä­sen­tier­tes Statement, und nie­mals ist einer Mitarbeiter sei­ner Mitarbeiter her­ein­ge­platzt, um Nixon in letz­ter Sekunde davon abzu­hal­ten. Ganz im Gegenteil — alle mach­ten sich Sorgen, dass er es doch noch unter den Tisch fal­len las­sen könnte.

Es gibt einige andere erzäh­le­ri­sche Freiheiten, die sich der Film nimmt, und in viele Szenen eine Menge Fragezeichen. Aber die Interpretation des von Frost pro­vo­zier­ten „Geständnisses“ genügt schon ganz allein, um ihn aus his­to­ri­scher Sicht zu ver­wer­fen. Das Thema Nixon ist in den USA immer noch ein hei­ßes Eisen; wer sich da zu einer sol­chen Dehnung der Tatsachen hin­rei­ßen lässt, macht sich der Propaganda ver­däch­tig und ver­liert jede Glaubwürdigkeit. Denn was die Sache ja noch viel schlim­mer mach, ist dies: Man ist geneigt, Jonathan Aitken zuzu­stim­men, wenn er die wahre Geschichte als „much more intri­guing“ bezeich­net. Die Story wird durch die Erfindung des spon­tan geläu­ter­ten Präsidenten aber nicht bes­ser als die Realität, sie wird nur sim­pler, erwart­ba­rer und eher Hollywood-kompatibel. Frost/Nixon ist somit ganz offen­sicht­lich nur ein Unterhaltungsprodukt. Kein ganz schlech­tes, immer­hin, aber lei­der auch kein biss­chen mehr.

Casino Jack (2010)

Casino Jack (2010)

Lobbyisten sind ein Berufsstand, der nor­ma­ler­weise nur sehr kon­trol­liert das Licht der Öffent­lich­keit sucht, weil sie schlechte Presse noch weni­ger brau­chen kön­nen als ihre Symbionten, die Politiker. Dass einer von ihnen zum Filmprotagonisten taugt, ist des­halb eher eine sel­tene Ausnahme, und Jack Abramoff , des­sen Aufstieg und Fall Casino Jack nach­zeich­net, hätte auf diese Form des Ruhms sicher­lich auch ganz gerne ver­zich­tet. Obwohl er ja ein gro­ßer Kinofan sein soll.

There Will Be Blood (2009)

There Will Be Blood (2009)

Als Amerika gerade begann, sei­nen dumpf­ba­cki­gen texa­ni­schen Präsidenten und geschei­ter­ten Ölma­gna­ten end­gül­tig satt zu haben, erschien 2007 There Will Be Blood auf den Leinwänden:  ein gro­ßes Epos über die Frühzeit der Ölin­dus­trie, in dem ein Unternehmer lang­sam an sei­ner eige­nen Gier zer­bricht. Der gut getrof­fene Zeitpunkt mag hilf­reich gewe­sen sein, um das Interesse des Publikums zu wecken, aber ein Film, den die Kritik mit Citizen Kane ver­gli­chen hat und den die Academy mit zwei Oscars und sechs wei­te­ren Nominierungen ehrte, hätte sich die­sen zeit­li­chen Zufall wohl gar nicht gebraucht…

Maos letzter Tänzer (2009)

Ein Elfjähriger wird Anfang der 1970er Jahre von kom­mu­nis­ti­schen Kadern aus sei­nem chi­ne­si­schen Bergdorf nach Peking ver­schleppt und einem jah­re­lan­gen, har­ten Drill unter­zo­gen. Auf die­ser Basis könnte man auch einen Jackie-Chan-Film kon­stru­ie­ren, aber hier geht es nicht um Martial Arts, son­dern um Ballett, und es ist tat­säch­lich so pas­siert. Maos letz­ter Tänzerbasiert auf der Autobiographie von Li Cunxin, der eigent­lich nur als Austauschstudent in die USA kam, aber nicht mehr nach China zurück­kehrte, son­dern im Westen zum Ballettstar aufstieg.

Nun ver­stehe ich weder viel von Ballett noch ver­füge ich über beson­dere Kenntnisse zur jüngs­ten chi­ne­si­schen Geschichte, also hält sich meine Autorität hin­sicht­lich des Wahrheitsgehalts die­ser „wah­ren Geschichte“ eini­ger­ma­ßen in Grenzen. Allgemein ist es aber so, dass Autobiographien schon in Buchform nicht als die bes­ten his­to­ri­schen Quellen gel­ten, weil natür­lich kaum jemand objek­tiv bleibt, wenn er über sein eige­nes Leben schreibt. Im Film, wo alles expli­zit gemacht wer­den muss und Komplexitäten, Zweifel und Zwischentöne schwer dar­zu­stel­len sind, poten­ziert sich die­ses Problem natür­lich noch.

Da merkt man dann bei­spiels­weise, dass Regisseur Bruce Beresford zwar gerne ver­mei­den möchte, in plat­ten Antikommunismus abzu­rut­schen und ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von Kommunismus und Kapitalismus zeich­nen will. Aber das funk­tio­niert bei so einer Story wohl nur bis zu einer gewis­sen Grad. Letztlich sind die chi­ne­si­schen Kader für Li eben doch alles andere als Sympathieträger, und letzt­lich ist seine Begeisterung für den ame­ri­can way of life eben doch erheb­lich grö­ßer als sein Glaube an den Vorsitzenden Mao. Der Versuch, das in klei­nen, kli­schee­haf­ten Szenen über Shopping und Coca Cola zu ver­ste­cken, führt da zu nichts und wirkt letzt­lich genauso pein­lich wie die phra­sendre­schen­den Kommunistenroboter, die Beresford auch nicht hat ver­mei­den können.

Interessant ist zudem, wie die Geschichte von Li Cunxins ers­ter Ehe behan­delt wird. Die Liebe zwi­schen ihm und der erfolg­lo­sen Tänzerin Elizabeth Mackey ist näm­lich genau so lange ein zen­tra­les Element der Handlung, bis er die Erlaubnis in der Tasche hat, in Amerika zu blei­ben. Danach ver­schwin­det das Mädchen — mit dem er tat­säch­lich sechs Jahre lang ver­hei­ra­tet war — inner­halb von drei, vier Szenen und ohne guten Grund kom­plett aus der Handlung und wir bekom­men umstands­los seine zweite Frau prä­sen­tiert. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster leh­nen, weil ich nicht weiß, wie das in der Buchvorlage aus­sieht, aber es würde mich nicht wun­dern, wenn Li hier ent­we­der eine Green-Card-Ehe zur gro­ßen Liebe auf­ge­bla­sen oder ein paar schmut­zige Details einer sehr unschö­nen Trennung dis­kret unter den Teppich gekehrt hätte.

Maos letzte Tänzer ist alles in allem ziem­lich durch­schnitt­li­cher Film mit ein paar Macken und ohne große Höhepunkte — außer wenn man sich für Ballett begeis­tern kann. Alle rele­van­ten Rollen sind näm­lich tat­säch­lich mit erst­klas­si­gen Tänzern besetzt, und das gibt dem Film die Möglichkeit, echte Choreographien zu zei­gen statt nur an den Hüften abge­schnit­tene Bilder von flie­ßen­den Armbewegungen, wie man sie zuletzt bei Black Swan bewun­dern konnte. Wenn einem das anspruchs­lose Gehüpfe dort gefal­len hat und man jetzt wis­sen will, wie Ballett wirk­lich aus­sieht, dann kann man sich das also ruhig mal anschauen.

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (2007)

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (2007)

Jetzt habe ich tat­säch­lich mehr als einen Monat gebraucht, um den Artikel zu die­sem Film end­lich fer­tig zu schrei­ben. Und zwar nicht, weil das Thema so lang­wei­lig gewe­sen wäre oder weil ich keine Zeit gehabt hätte (obwohl spe­zi­ell in die­ser Hinsicht natür­lich immer Verbesserungspotenzial besteht). Im Gegenteil.