Russland

The Way Back (2010)

Erinnert sich noch jemand an So weit die Füße tra­gen, den Fernseh-„Straßenfeger“ von 1959? Oder an das Kinoremake von 2001? Da ging es um den deut­schen Soldaten Clemens Forell, der aus einem sowje­ti­schen Arbeitslager an der Beringstraße flieht und sich tau­sende Kilometer quer durch Sibirien in den Iran durch­schlägt, um wie­der nach Hause zu kommen.

Eine ganz ähnli­che Geschichte erzählte der Pole Sławomir Rawicz, der angeb­lich zusam­men mit einer Gruppe wei­te­rer Häftlinge aus Sibirien nach Indien ent­kom­men war. Und weil ein Pole, der aus dem GULag ent­kommt, inter­na­tio­nal natür­lich viel bes­ser zu ver­kau­fen ist als ein Wehrmachtssoldat, hat Hollywood für seine eigent­lich längst über­fäl­lige Entdeckung des Stoffs jetzt zu die­ser Vorlage gegriffen.

Interessanterweise stellt sich her­aus, dass sowohl Soweit die Füße tra­gen als auch Rawiczs The Long Walk wahr­schein­lich nicht auf Tatsachen beru­hen, denn Archivdokumente wider­spre­chen sowohl Forells rea­lem Vorbild Cornelius Rost als auch der Geschichte Rawiczs. Das heißt nicht, dass es über­haupt keine wah­ren Geschichten über spek­ta­ku­läre Fluchtaktionen aus sowje­ti­schen Gefangenenlagern gibt; es sind tat­säch­lich immer wie­der mal Häftlinge ent­kom­men, wie wir aus Berichten über die danach jeweils fäl­lige Bestrafung des Wachpersonals wis­sen. Aber für spek­ta­ku­läre Odysseen wie in The Way Back, fin­den sich kaum Beweise, und über­haupt waren die wenigs­ten Ausbrecher poli­ti­sche Gefangene. Denn als poli­ti­scher Häftling war man erst geret­tet, wenn man die UdSSR ver­las­sen hatte — die Kopfgelder, die auf einen aus­ge­setzt wur­den, waren hoch und die Strafen für eine Unterstützung ent­flo­he­ner Häftlinge dra­ko­nisch. Ein „nor­ma­ler“ Krimineller konnte sich dage­gen oft ein­fach in der nächs­ten grö­ße­ren Stadt sei­nen dor­ti­gen Kollegen anschlie­ßen und dadurch gut für einige Zeit untertauchen.

Trotz allem ist The Way Back als Geschichtsdarstellung aber nicht völ­lig nutz­los. Einige Details der Darstellung des GULag-Lebens wäh­rend der ers­ten hal­ben Stunde des Films sind durch­aus erhel­lend. Dass bei­spiels­weise die Berufsverbrecher einen wesent­lich höhe­ren Status hat­ten und unter den ande­ren Gefangenen regel­recht gefürch­tet waren, ent­spricht voll und ganz den Tatsachen. Die Figur des Khabarov, der fan­tas­ti­sche Fluchtpläne schmie­det, ohne sie jemals umset­zen zu wol­len und, steht exem­pla­risch für die psy­cho­lo­gi­schen Strategien vie­ler Häftlinge des GULag-System, wäh­rend die por­no­gra­phi­schen Skizzen, mit denen der Zeichner Tomasz Handel treibt, ein sehr hand­fes­tes Beispiel dafür sind, wie man sich mit ein biss­chen Talent das Leben erleich­tern konnte, indem man sei­nen Mitgefangenen die sib­ri­sche Langeweile vertrieb.

Das alles bleibt aber ver­gleichs­weise ober­fläch­lich — mit der emo­tio­na­len Intensität, in der kürz­lich erst Mitten im Sturm das glei­che Thema auf die Leinwand gebracht hat, kann The Way Back nicht die­nen. Und nach dem Ausbruch ver­wan­delt er sich dann ohne­hin in einen rei­nen Abenteuerfilm ohne echte his­to­ri­sche Relevanz, der lei­der nicht ein­mal beson­ders span­nend ist.

Der Regisseur Peter Weir zeich­net ja auch für einen mei­ner Lieblingsfilme ver­ant­wort­lich, näm­lich das extrem rea­lis­ti­sche Seefahrerdrama Master And Commander. Dieses Werk ist bei vie­len Leuten als ziem­li­cher Langweiler ver­schrien, was ich nur wohl nur des­halb nie ver­ste­hen konnte, weil die Seefahrtsgeschichte so ein biss­chen mein Spezialgebiet ist. Nach The Way Back kann ich es unge­fähr nachvollziehen.

Es ist wohl nicht ganz leicht, eine rela­tiv gleich­för­mige Handlung, die sich über viele Monate erstreckt, sau­ber auf Spielfilmlänge zu kom­pri­mie­ren, womög­lich auch noch schön mit dra­ma­ti­scher Entwicklung und Höhepunkt. Deshalb beschränkt sich Weir in sei­nem Drehbuch auf eine eher epi­so­den­hafte Erzählweise, und man­ches, was man da sieht, ist auch ganz nett, aber wenn man kein beson­de­res Interesse an sibi­ri­schen Fernwanderungen mit­bringt, bleibt das ganze lang­wie­rige Gelatsche eher so mit­tel­mä­ßig span­nend. Und irri­tie­rend ist es auch: Gerade war noch eisi­ger Winter, einen Moment spä­ter scheint die warme Sonne über der Taiga, und trotz­dem steht unver­än­dert die Nahrungsknappheit zur Debatte. In einem Moment schlüp­fen die Flüchtlinge durch ein Loch in der chi­ne­si­schen Mauer, ein paar Schnitte spä­ter wer­den sie im Himalaya von einem Sherpa gefunden.

Das ist alles ganz ordent­lich gemacht, aber ein biss­chen belie­big, und es wird auch nicht dadurch bes­ser, dass Weir es mit einem guten Schuss ame­ri­ka­ni­schem Pathos über­gießt: Die Leute mögen ster­ben, aber immer­hin kön­nen sie sich freuen, dass sie als „freie Männer“ gestor­ben sind. Nun ja.

Positiv über­rascht war ich ledig­lich von Colin Farrell. Der zeich­net sich, wenn man ihm eine Hauptrolle gibt, ja immer vor allem dadurch aus, dass er die Augenbrauen so schön lei­dend hoch­zie­hen kann, und durch nicht viel sonst. Den furcht­ein­flö­ßen­den, aber loya­len Kriminellen Valka spielt er hier aber wirk­lich sehr glaub­haft und nuan­ciert. Womöglich täte es ihm ganz gut, wenn er für eine Weile nur noch Bösewichter geben würde. Aber so ein jun­ger Hollywood-Schönling wie er kommt natür­lich gar nicht so leicht an sol­che Rollen ran.

Literatur

Mitten im Sturm (2009)

Mitten im Sturm (2009)

Hier haben wir einen Film, der mich ein biss­chen unvor­be­rei­tet erwischt hat. Normalerweise wird man ja mona­te­lang im Voraus mit Trailern zuge­kleis­tert oder liest schon ein hal­bes Jahr vor dem deut­schen Starttermin Verrisse auf ame­ri­ka­ni­schen Webseiten. In die­sem Fall han­delt es sich aber um eine euro­päi­sche Produktion, die schon 2009 unter Zuhilfenahme diver­ser Filmförderprogramme ent­stan­den ist. Normalerweise ist das eher ein schlech­tes Omen für die Qualität eines Films; bei Mitten im Sturm hat die Beteiligung der Kulturbürokraten wohl nur zu schlech­tem Marketing geführt, denn hand­werk­lich ist er auf gutem Niveau, und es gibt Leute, die die­ses Drama um den sta­li­nis­ti­schen Terror in der Sowjetunion der drei­ßi­ger Jahre sogar schon für den Oscar für die beste weib­li­che Hauptrolle auf dem Zettel hatten.

Poll (2010)

Schon wie­der spürt ein deut­scher Filmemacher sei­nen Wurzeln nach. Diesmal geht es ein Jahrhundert in der Zeit zurück und an die Ostsee, wo eine deut­sche Oberschicht im rus­si­schen Zarenreich über Estland herrschte. Dort lebte im Jahr 1914 die Großtante des Regisseurs Chris Kraus, ein jun­ges Mädchen namens Oda Schaefer, das spä­ter Schriftstellerin und dank ihrer kom­mu­nis­ti­schen Einstellung das schwarze Schaf der Familie wurde. Oda muss nach dem Tod ihrer Mutter von Berlin an die est­ni­sche Ostseeküste umsie­deln, und sie erlebt dort, wie ein Zeitalter zu Ende geht, das ein Relikt des Mittelalters ist.

Die Geschichte

Die Handlung von Poll erzählt uns nicht viel über his­to­ri­sche Ereignisse im enge­ren Sinn. Interessant ist aber die Entstehung die­ser ster­ben­den Welt an der Ostsee, die uns prä­sen­tiert wird. Um das zu erklä­ren, muss man ein biss­chen ausholen…

Das Baltikum war im Hochmittelalter eine der letz­ten nicht chris­tia­ni­sier­ten Gegenden Europas und damit ein idea­les Betätigungsfeld für „arbeits­lose“ Kreuzritter, die in den zuneh­mend unter Druck gera­ten­den Kreuzfahrerstaaten im hei­li­gen Land keine Zukunft für sich sahen. Dabei tat sich beson­ders der Deutschritterorden her­vor, der schon sehr früh das Ziel ver­folgt zu haben scheint, nicht mehr nur für andere Fürsten zu kämp­fen, son­dern sich ein eige­nes zusam­men­hän­gen­des Staatsgebiet zu orga­ni­sie­ren – am liebs­ten im hei­li­gen Land, aber wenn’s anders nicht ging auch gerne über­all sonst. Die Ordensritter ver­such­ten es in Siebenbürgen, wur­den vom unga­ri­schen König auf­grund ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen wie­der ver­trie­ben, und schaff­ten es schließ­lich, im heu­ti­gen Norden Polens Fuß zu fas­sen. Herzog Konrad von Masowien hatte sie geru­fen, damit sie ihm im Kampf gegen die heid­ni­schen Prußen halfen.

Die ganz große Zeit der west­eu­ro­päi­schen Panzerreiter mochte sich im nahen Osten des drei­zehn­ten Jahrhunderts schon lang­sam ihrem Ende zunei­gen, aber für die schwach gerüs­te­ten Ureinwohner des Baltikums stell­ten sie noch immer eine unüber­wind­li­che Militärmacht dar. Es gab Rückschläge, Aufstände und Konflikte mit christ­li­chen Nachbarstaaten, aber bis zum Ende des 14. Jahrhunderts schaffte es der Deutsche Orden, das gesamte Baltikum bis hin­auf ins heu­tige Estland zu unter­wer­fen. Um die Macht nach­hal­tig zu sichern, ging dabei mit dem mili­tä­ri­schen Kampf immer auch eine Besiedlungspolitik ein­her. So eta­blierte man eine treue und gut christ­li­che deut­sche Oberschicht im Land.

Als eige­ner Staat bestan­den die Eroberungen des Deutschen Ordens bis 1466; danach wech­sel­ten die offi­zi­el­len Besitzverhältnisse über die Jahrhunderte zwi­schen Polen, Schweden und Russland hin und her, aber die Tatsache, dass die lokale Herrschaft bei den Deutschbalten lag, wurde weder von der Reformation noch von wech­seln­den Staatszugehörigkeiten noch von einem Krieg aus der Welt geschafft. Das Zarenreich des 19. Jahrhunderts ver­folgte eine Russifizierungspolitik, die auch die Vorrechte der Deutschen ein­schränkte, aber der Grundbesitz und die finan­zi­elle Macht blie­ben den Nachfahren der mit­tel­al­ter­li­chen Siedler bis ins 20. Jahrhundert ebenso erhal­ten wie die deut­sche Muttersprache.

Das Ende die­ser sie­ben­hun­dert­jäh­ri­gen Dominanz brachte erst der erste Weltkrieg. Das junge revo­lu­tio­näre Russland erwies sich als nicht stark genug, um das Baltikum zu hal­ten, und die natio­na­len Bewegungen der Esten, Letten und Litauer erkämpf­ten Anfang der 1920er die Unabhängigkeit ihrer Staaten. Die Deutschen durf­ten im Land blei­ben, aber sie musste im Rahmen einer Landreform einen Großteil ihrer Besitzungen abgeben.

Endgültig ging die Geschichte der Deutschen in Estland erst zu Beginn des zwei­ten Weltkriegs zu Ende. Nachdem Hitler und Stalin ganz Ostmitteleuropa ver­trag­lich unter sich auf­ge­teilt hat­ten und das Baltikum in die sowje­ti­sche Einflußsphäre gefal­len war, wur­den die meis­ten Deutschbalten eva­ku­iert und „heim“ ins Nazireich geholt.

Der Film

Große Ereignisse wie die Ermordung des öster­rei­chi­schen Thronfolgers in Sarajevo wer­den in Poll bes­ten­falls in Nebensätzen erwähnt. Die his­to­ri­schen Fakten, die wir zu Gesicht bekom­men, betref­fen vor allem das täg­li­che Leben auf einem deut­schen Gut in Estland und die Mentalität sei­ner Bewohner. Es ist recht schwie­rig, sich ein Bild dar­über zu machen, wie akku­rat sol­che Darstellungen sind; Alltagsgeschichte im eigent­li­chen Sinn des Worts ist nicht gerade die pro­duk­tivste Spezialdisziplin der Geschichtswissenschaft, und selbst, wenn sie es wäre, wür­den wohl die meis­ten ange­sichts der schie­ren Fülle lang­wei­li­ger Einzelheiten, die man da für jede Epoche und Region zu durch­fors­ten hätte, erschöpft kapitulieren.

Man muss in die­ser Hinsicht also im Wesentlichen dem Filmemacher ver­trauen. Die Äuße­run­gen von Chris Kraus zum Thema his­to­ri­scher Genauigkeit stim­men hier opti­mis­tisch, auch wenn sie nichts Handfestes ver­spre­chen: Er habe „sub­jek­tive Genauigkeit“ ange­strebt, sagt er, davon aber mög­lichst viel. Dass seine Schauspieler den aus­ge­stor­be­nen bal­ti­schen Dialekt der Zeit ler­nen muss­ten, ist das sicht­barste Beispiel für die Akribie, mit der das Team von Poll vor­ge­gan­gen ist.

Müsste ich mit Gewalt einen Kritikpunkt fin­den, würde ich am ehes­ten sagen: Der Film neigt im Vergleich zu mei­nem eige­nen his­to­ri­schen Urteil ein biss­chen zu sehr dazu, die Deutschen als arro­gante, ten­den­zi­ell ras­sis­ti­sche Oberschicht und die Esten als unter­drück­tes Volk zu sti­li­sie­ren. Dass es min­des­tens seit dem 19. Jahrhundert durch­aus auch gebil­dete und wohl­ha­bende Esten gab, erfährt man in Poll nicht. Aber zu for­dern, dass ein Spielfilm eine aus jeder Perspektive aus­ge­wo­gene und unpar­tei­ische Darstellung lie­fern sollte, wäre natür­lich glat­ter Unsinn. Wenn sie in der Erzählung kei­nen Platz haben, muss man nicht alle Fakten illustrieren.

Wenn Poll his­to­risch zwar nicht direkt hoch­gra­dig rele­vant, aber glaub­wür­dig ist, bleibt nur noch die Frage, wie gut der Film als Unterhaltungsprodukt ist. Abgesehen von der Leistung von Paula Beer in der Hauptrolle, der ver­mut­lich und hof­fent­lich eine große Zukunft auf der Leinwand bevor­steht, zei­gen sich in die­sem Bereich lei­der die größ­ten Schwächen. Offiziell han­delt es sich ja um eine „wahre Geschichte“ aus der Jugend einer ehe­mals erfolg­rei­chen, heute aber völ­lig unbe­kann­ten Schriftstellerin, aber natür­lich ist der wesent­li­che Kern des Plots, die Romanze der vier­zehn­jäh­ri­gen Hauptperson Oda mit dem est­ni­schen Anarchisten „Schnaps“, den sie auf dem Gutshof ihrer Familie vor den Russen ver­steckt, ganz frei erfun­den. Wenn sich ein Autor schon eine sol­che Freiheit nimmt, wäre zu eigent­lich erwar­ten, dass er sich etwas aus­denkt, was span­nend und ergrei­fend ist; aber lei­der schafft es die Handlung nur gele­gent­lich, die Zuschauer bei der Stange zu halten.

Im Kino ist das kein allzu gro­ßes Problem, weil man mit wirk­lich monu­men­ta­len Bildern ent­schä­digt wird, wie man sie in deut­schen Produktionen sel­ten zu Gesicht bekommt. Wer aber zuhause nur einen Fernseher mit weni­ger als ein­ein­halb Meter Bilddiagonale hat, sollte eher nicht auf die TV-Premiere warten.

Fazit

Poll ist ver­mut­lich eine gute all­tags­his­to­ri­sche Darstellung deutsch­bal­ti­schen Lebens zu Anfang des 20. Jahrhunderts, auch wenn das schwer zu beur­tei­len ist. Wer kein gro­ßes Interesse für die­ses spe­zi­elle Thema mit­bringt, muss den Film aber nicht unbe­dingt gese­hen haben.