Deutschland

Sommer in Orange (2011)

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Jetzt wird Marcus H. Rosenmüller also, zum Beispiel vom Bayerischen Rundfunk, schon ganz scham­los als „Kultregisseur“ titu­liert. Ob das auf die Dauer gut für seine Karriere ist, steht zu bezwei­feln, denn so eine Bezeichnung bekommt man vor allem dann leicht ver­passt, wenn man sich auf ein recht enges künst­le­ri­sches Spektrum beschränkt und dadurch regel­mä­ßig die Erwartungen sei­nes Publikums erfüllt. Es ist aber doch zu befürch­ten, dass die Leute irgend­wann viel­leicht keine leich­ten baye­ri­schen Heimatkomödien mehr sehen wollen…

Sommer in Orange ist ein ganz glän­zen­des Beispiel für sei­nen Stil und die damit ver­bun­de­nen Probleme. Es geht um Neo-Sannyasins, im bür­ger­li­chen Sprachgebrauch gewöhn­lich „Bhagwan-Jünger“ genannt, die Anfang der 1980er in der baye­ri­schen Provinz ein Therapiezentrum eröff­nen und unver­meid­lich mit den kon­ser­va­ti­ven Dorfbewohnern anein­an­der­ge­ra­ten. Die Drehbuchautorin Ursula Gruber ist selbst unter Sannyasins auf­ge­wach­sen, aber nicht nur des­we­gen kann man so ein Setting durch­aus als his­to­ri­sches Faktum neh­men. Es gab damals einige die­ser Kommunen in Bayern, deren Nachbarn noch heute wilde Geschichten zu erzäh­len wis­sen — und der baye­ri­sche Religionsunterricht kannte noch bis in die Neunziger kein wich­ti­ge­res Thema als die Warnung vor gefähr­li­chen „Psychosekten“, die angeb­lich nur hin­ter dem Geld ihrer Anhänger her waren.

Tatsächlich war die Bewegung um „Bhagwan“ Shree Rajneesh aber ziem­lich harm­los. Dieser indi­sche Guru hatte es im Widerspruch zu sei­nem nega­ti­ven Image als gewis­sen­lo­ser Verführer nie dar­auf ange­legt, eine welt­weite Anhängerschaft hin­ter sich zu ver­sam­meln. Er pre­digte seine eklek­ti­zis­ti­schen Lehren noch auf Hindi, als die ers­ten Europäer und Amerikaner längst wie­der in die Heimat zurück­ge­kehrt waren, um sie wei­ter­zu­ver­brei­ten, und was er so von sich gab, hatte aus heu­ti­ger Sicht etwa so viel Skandalpotenzial wie das Esoterikregal einer durch­schnitt­li­chen Bahnhofsbuchhandlung. Im west­li­chen Kulturkreis war er nicht des­halb erfolg­reich, weil sein Glaubenssystem so exo­tisch und umstürz­le­risch gewe­sen wäre, son­dern weil es die anstren­gen­den Aspekte sei­nes hin­du­is­ti­schen Fundaments im Gegenteil eher aus­blen­dete. „Bhagwan“ ver­langte keine aske­ti­schen Praktiken, stand dem Kapitalismus und dem tech­ni­schen Fortschritt aus­drück­lich posi­tiv gegen­über und lie­ferte dazu noch eine geistig-moralische Unterfütterung für die Erosion der über­kom­me­nen Sexualmoral, die sicher alles andere als ein fern­öst­li­ches Phänomen war. Der Westen, mit sei­ner Über­fluss­ge­sell­schaft und der schö­nen neuen Idee von der freien Liebe, hatte auf so eine Ideologie nur gewar­tet, wäh­rend sie ihrem Erfinder im tra­di­ti­ons­ver­haf­te­ten Indien poli­ti­sche Schwierigkeiten ein­brach­ten, gegen die ein paar baye­ri­sche Dorfbürgermeister der reinste Kindergeburtstag sind.

Die über­trie­be­nen Reaktionen der anstän­di­gen Deutschen auf diese in ers­ter Linie naive und fast ein biss­chen lie­bens­werte Sekte wären eigent­lich ein durch­aus ernst­zu­neh­men­des Thema. Das heißt natür­lich nicht, dass man gleich einen ernsthaf­ten Film dar­aus machen müsste, aber wie es bei Rosenmüller halt so ist, ist nicht ein­mal ein halb­her­zi­ger Versuch von Vielschichtigkeit zu erken­nen. Seine baye­ri­schen Dorfbewohner sind Comicfiguren, wie man sie in der Seppl-Vorurteilskiste jedes x-beliebigen Norddeutschen fin­det, und die Bhagwan-Jünger kom­men nicht viel bes­ser weg. Als Hauptfiguren müs­sen sie zwar ein biss­chen nach­sich­ti­ger behan­delt wer­den, aber wenn man kurz dar­über medi­tiert, was da eigent­lich vor sich geht, dann erscheint auch wie­der alles platt wie die Münchner Schotterebene: Die freie Liebe schei­tert bei der ers­ten Gelegenheit an Eifersuchtsanfällen, die Rituale kom­men voll­kom­men leer und lächer­lich daher, der große Guru hat es nur auf die blonde Frau abge­se­hen, und die armen Kinderchen lei­den ganz schreck­lich unter ihrem erzwun­ge­nen Anderssein.

Natürlich muss das im Großen und Ganzen so sein, weil die über­zeich­ne­ten Figuren oft die ein­zige Quelle der Komik sind — auch so ein typi­scher Rosenmüller-Effekt, dass man Wortwitz, Pointen und sogar ganz bil­li­gen Slapstick fast ver­geb­lich sucht, aber die male­ri­sche Schlichtheit der ober­baye­ri­schen Ureinwohner immer wie­der für einen Schenkelklopfer her­hal­ten darf.

Bei alle­dem bleibt trotz­dem fest­zu­stel­len, dass Sommer in Orange dann doch zum wie­der­hol­ten Male ein ganz net­ter und amü­san­ter Film gewor­den ist. Petra Schmidt-Schaller und Amber Bongard spie­len ihre Hauptrollen sou­ve­rän, der Rest der Besetzung kommt zumin­dest mit der Klischeehaftigkeit sei­ner Parts ganz gut klar, Ausstattung, Kamera, Musik und was man sonst so alles braucht sind pro­fes­sio­nell unauf­fäl­lig, und Rosenmüller selbst mag viel­leicht nicht gerade der Alleroriginellste und Allersubtilste unter dem blau-weißen Himmel sein, aber das, was er da macht, beherrscht er jeden­falls per­fekt. Seine Werke strah­len jedes­mal wie­der einen Charme aus, der einen dazu bringt, die gan­zen Flachheiten bequem zu verdrängen.

Höchstwahrscheinlich wird sich sein „Kultregisseur“-Stil irgend­wann abnut­zen, aber die­ser Tag ist noch nicht gekom­men. Und, ehr­lich gesagt, von mir aus kann er dann doch auch gerne noch eine Weile so wei­ter machen.

Das Blaue vom Himmel (2011)

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Wenn wir im Kino einer deut­schen Journalistin dabei zuse­hen sol­len, wie sie in Lettland die — natür­lich dunkle — Vergangenheit ihrer Mutter erforscht, dann klingt das noch nicht nach einer direkt abschre­cken­den Handlungszusammenfassung. Da könnte man sich auf eine Art inner­fa­mi­liäre Detektivgeschichte ein­rich­ten, womög­lich ein­ge­bet­tet in ein inter­es­san­tes his­to­ri­sches Umfeld, und bestimmt auf einen ordent­li­chen Schuss Emotionen. Leider will aber Hans Steinbichlers Das Blaue vom Himmel weder detek­ti­visch noch his­to­risch sein, son­dern nur gefüh­lig. Durch die­sen sim­plen Umstand wird er dann zum bis­her größ­ten Langweiler die­ses Kinojahrs.

Rein ober­fläch­lich betrach­tet liegt das natür­lich schon mal daran, dass Steinbichler zu die­sen schreck­lich „ruhi­gen“ und „nach­denk­li­chen“ Kameraeinstellungen greift, mit denen man jedem Zuschauer noch vor dem ers­ten Schnitt ver­mit­teln kann, dass sein eige­nes Leben drau­ßen ver­mut­lich inter­es­san­ter wäre als das, was er sich da jetzt zwei Stunden lang in einem abge­dun­kel­ten Raum erzäh­len las­sen soll. Aber die Probleme lie­gen viel tie­fer, näm­lich mal wie­der dort, wo deut­sche Filme ganz tra­di­tio­nell am meis­ten Probleme haben: im Drehbuch, das in die­sem Fall von Josephine Jahnke und Robert Thayenthal stammt.

Die Figur der demen­ten alten Dame Marga Baumanis, die aus ihrem Altersheim aus­bricht, aller­hand äußerst unsym­pa­thi­schen Unsinn anstellt und dabei wir­res Zeug über ihre Jugend in Lettland redet, ist ja an sich schon schwie­rig, weil sie kaum Ansatzpunkte zur emo­tio­na­len Anteilnahme bie­tet. Das ist jetzt sehr vor­sich­tig aus­ge­drückt, man könnte auch ganz ein­fach sagen: sie nervt. Und damit erzeu­gen Jahnke und Thayenthal gleich das nächste Problem, denn Margas Tochter Sofia ver­ste­hen wir auch nur genau so lang, wie sie ihrer Mutter aus den Weg gehen oder sie mög­lichst schnell wie­der los­wer­den will. Was sie dage­gen dazu bringt, sich über­haupt für das zusam­men­hang­lose Gebrabbel zu inter­es­sie­ren, das ihre Mutter stän­dig von sich gibt, kann man schon schwer nach­voll­zie­hen, und dass sie auf die Idee kommt, zusam­men mit ihr ins kri­sen­ge­schüt­telte Lettland zu fah­ren (wir schrei­ben das Jahr 1991), ist schon hart an der Grenze zum kom­plet­ten Blödsinn.

Man könnte vie­les ver­zei­hen, wenn der Film sich auch nur die geringste Mühe geben würde, ein biss­chen Spannung auf­zu­bauen. Aber da fehlt es schon an der Voraussetzung, denn weder in den Szenen der gegen­wär­ti­gen Handlung noch in den Rückblenden erhal­ten wir irgend einen Hinweis dar­auf, wor­auf wir eigent­lich gespannt sein soll­ten. In Lettland ange­kom­men, sehen wir ein­fach nur ein paar Russen (ganz unpro­ble­ma­tisch) und bekom­men dann von einem (ganz leicht auf­find­ba­ren) älte­ren Herrn ohne wei­tere Umschweife die Lösung des Geheimnisses erzählt. Und nach ein paar wei­te­ren Großaufnahmen emo­tio­nal gebeu­tel­ter Gesichter ist der Film dann mehr oder weni­ger auch schon aus.

Über­haupt, die Großaufnahmen. Es ist ganz offen­sicht­lich dass Steinbichler ganz große Gefühle trans­por­tie­ren will, aber er hätte sich dazu halt lie­ber ein paar Schauspieler suchen sol­len, die so etwas auch drauf­ha­ben. Abgesehen viel­leicht von Hannelore Elsner, die aber als Marga natür­lich nur glaub­wür­dig vor sich hin plap­pern muss, besticht die ganze Truppe näm­lich vor allem durch Talentlosigkeit. Speziell Juliane Köhler scheint aus­schließ­lich auf wei­tes Augenaufreißen und robo­ter­hafte Bewegungen spe­zia­li­siert zu sein, ist aber uner­träg­li­cher­weise am längs­ten und am bild­fül­lends­ten zu sehen. Nicht viel bes­ser ist Karoline Herfurth, die die junge Marga der drei­ßi­ger Jahre spielt, und der man keine Sekunde lang die inten­sive, hoff­nungs­lose Liebe abkauft, die ihre Figur quält, aber ihr kann man wenigs­tens zugute hal­ten, dass der Käse, den ihr das Drehbuch vor­schreibt, halt gar zu groß ist.

Zum his­to­ri­schen Hintergrund ist eigent­lich nur zu sagen, dass er für den Film reich­lich irre­le­vant ist. In den aus­führ­li­chen Rückblicken auf Margas Jugend erfah­ren wir, dass da anfangs noch Deutsche in Lettland sind, dass sie dann alle „heim ins Reich“ müs­sen, und dass dann die Russen kom­men und alle nach Lust und Laune in die GULags abtrans­por­tie­ren. Das ist also nicht ein­mal so tief­grün­dig wie die ori­gi­nal­ge­treuen alten Autos, die der Requisiteur in den 1991er Szenen über­all hat hin­stel­len las­sen, aber man muss dafür fast noch dank­bar sein, weil man sich sonst durch­aus in man­chen Momenten Gedanken dar­über machen könnte, ob da nicht manch­mal ein klei­nes biss­chen nost­al­gi­scher Revanchismus mitschwingt.

Es ist alles ein ganz furcht­ba­rer Rückfall in die schlimms­ten Angewohnheiten des deut­schen Kinos: Erzählerische Ideenlosigkeit bei for­ma­ler Großkotzigkeit und inhalt­li­cher Leere. Dass so etwas über­haupt im Kino gezeigt wird, liegt natür­lich nach wie vor an Steinbichlers inzwi­schen acht Jahre zurück­lie­gen­dem Debüt Hierankl, das damals beim Feuilleton als recht gro­ßer Wurf galt und viel­leicht auch ganz ordent­lich war. Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht gese­hen. Aber mit Einschlafhilfen wie Das Blaue vom Himmel dürfte er sei­nen Kredit, so oder so, recht schnell verspielen.

Die Verführerin Adele Spitzeder (2011)

Die Verführerin Adele Spitzeder (2011)

Eine mit­tel­mä­ßige Schauspielerin flieht vor ihren Gläubigern von Wien nach München und macht dort aus­ge­rech­net eine kleine, aber reich­lich betrü­ge­ri­sche Privatbank auf. Klingt ziem­lich erfun­den, ist aber tat­säch­lich pas­siert, und so eine wilde Geschichte passt natür­lich gerade genau in die Zeit, wo doch alle dau­ernd von Finanzkrisen reden. Der Bayerische Rundfunk und das Öster­rei­chi­sche Fernsehen haben also den Routinier Xaver Schwarzenberger mit der Umsetzung eines Drehbuchs von Ariela Bogenberger betraut, und anläß­lich des Münchner Filmfests war die für das Fernsehjahr 2012 vor­ge­se­hene Produktion jetzt schon mal vorab im Kino zu sehen.

Joschka und Herr Fischer (2011)

Ich bin kein gro­ßer Fan von fil­mi­schen Geschichtsdokumentationen, denn es ist doch so: Bei Spielfilmen weiß jeder, dass sie nur aus Schauspielern, Requisiten und Kulissen beste­hen. Niemand würde das, was er da sieht, für die volle Wahrheit hal­ten. Dadurch kann der Spielfilm die Vorteile des Mediums voll aus­spie­len und den Zuschauer ver­gan­gene Zeiten haut­nah mit­er­le­ben las­sen, ohne dass die unver­meid­li­chen Abweichungen von der his­to­ri­schen „Wahrheit“ Schaden anrich­ten würden.

Dokumentarfilme tre­ten dage­gen immer mit dem Anspruch auf Wahrheit auf. Sie sind die unse­li­gen Ursachen von Sätzen, die mit „Im Fernsehen haben sie aber gezeigt, dass…“ begin­nen. Aber lei­der kann das Medium Film mit dem Anspruch auf Wahrheit und Objektivität nicht umge­hen. Die Bilder sind zu ver­füh­re­risch, und die dra­ma­tur­gi­schen Notwendigkeiten erlau­ben nicht, ein Thema erschöp­fend zu behan­deln; es sei denn, man wollte seine Zuschauer mit Absicht zu Tode lang­wei­len. Die erfolg­reichs­ten Dokumentarfilme sind eigent­lich immer Propaganda, denn erst durch kon­se­quente Einseitigkeit gewin­nen sie ihren Unterhaltungswert — natür­lich vor allem für die, die ohne­hin schon der glei­chen Meinung waren wie der Filmemacher…

Wenn also der ehe­ma­lige grüne Außenminister in Joschka und Herr Fischer sein eige­nes Leben kom­men­tie­ren darf und die Journalisten her­um­nör­geln, dass so ein Format zu „sub­jek­tiv“ sei oder ein absicht­li­cher „Verzicht auf Kritik“, dann ist das Unfug. Eher würde ich sagen, Regisseur Pepe Danquart hat ein­fach nur ver­stan­den, wie sein Beruf funk­tio­niert. Er ist ja nicht umsonst Oscarpreisträger. Ein Film über „sechs Jahrzehnte deut­sche Nachkriegsgeschichte“, wie die dazu­ge­hö­rige Websitewirbt, ist das Ganze dann aber natür­lich auch nicht gewor­den. Es ist ein­fach eine  wei­tere Gelegenheit zur Selbstdarstellung für Joseph Martin Fischer.

Und Selbstdarstellung ist ganz zwei­fel­los immer schon Fischers Kernkompetenz gewe­sen. In die­sem Fach ist er wirk­lich bril­lant. Er trägt seine Entwicklung vom Ministranten über den Straßenkämpfer zum Minister als mora­li­sche Notwendigkeit vor, und man will ihm das alles sogar dann noch bei­nahe glau­ben, wenn er den ori­en­tie­rungs­lo­sen Lebensabschnitt als Frankfurter Taxifahrer ganz unver­schämt als Selbstfindung ver­kauft. Wenn von der deut­schen Geschichte die Rede ist, lässt er den Zuschauer ganz sub­til wis­sen, dass es selbst­ver­ständ­lich er war, der diese Geschichte geprägt hat, ohne sich jemals dazu her­ab­zu­las­sen, so etwas tat­säch­lich wört­lich zu sagen. Und am meis­ter­haf­tes­ten ist, dass er sich mensch­lich gibt, Schwäche zeigt, Fehler zugibt und beschei­den wirkt. Das ver­leiht ihm erst recht die Aura des Über­mensch­li­chen; man denkt an Merkel und Westerwelle und wun­dert sich, warum es heute keine sol­chen Politiker mehr gibt.

Allerdings dau­ert der Film fast zwei­ein­halb Stunden, und in die­ser lan­gen Zeit mer­ken selbst die pri­mi­tivs­ten Feuilletonredakteure, dass ihnen hier nicht die unge­schönte Wahrheit prä­sen­tiert wird. Dann sind sie belei­digt und schrei­ben einen bösen Verriss, aber eigent­lich ist gerade das ein rich­ti­ger Geniestreich von Danquart: Wohl wis­send, dass er ohne­hin nicht objek­tiv sein kann, hat er sich für gna­den­lose, unkom­men­tierte Subjektivität ent­schie­den und bringt dadurch zwar keine brauch­bare geschicht­li­che Darstellung mehr zustande, aber dafür so etwas wie eine fil­misch auf­be­rei­tete Quelle. Wer Bismarcks Gedanken und Erinnerungen liest oder Napoleons Leben und Werk, der wird auch nicht gerade eine wis­sen­schaft­lich fun­dierte Geschichtsinterpretation erwar­ten, aber inter­es­sant ist es trotz­dem, wie sol­che Figuren sich selbst sehen woll­ten. Falls Joschka Fischer keine Zeit oder Lust mehr hat, uns seine selbst­ge­fäl­lige Autobiographie schrift­lich vor­zu­le­gen, dann haben wir also immer­hin die­sen Film.

Natürlich gibt es aber auch gute Gründe, Joschka und Herr Fischer eher mit­tel­mä­ßig zu fin­den. Er ist defi­ni­tiv zu lang gera­ten, schafft es über weite Strecken nicht, Spannung zu erzeu­gen oder zu hal­ten, und er spart die inter­es­san­tes­ten Fragen aus. Wir bekom­men in elen­der Länge lang­wei­lige Details aus Joschkas öder katho­li­scher Vertriebenenkindheit prä­sen­tiert, aber wenn es darum geht, warum Rot-Grün 2005 aus einer Laune her­aus die Bundestagswahl vor­ge­zo­gen hat, dann wer­den wir mit einem schlich­ten „Ich war ja dage­gen“ abge­speist. Man sollte mei­nen, dass da aus angeb­lich über 20 Stunden Rohmaterial mehr her­aus­zu­ho­len gewe­sen wäre, aber offen­bar wollte Fischer ent­we­der nicht dar­über reden oder Danquart hat ihn ein­fach nicht gefragt.

Joschka und Herr Fischer wird in ein paar klei­nen Kinos in gro­ßen Städten lau­fen, aber nicht sehr lange. Danach sehen wir ihn höchs­tens noch­mal bei irgend­ei­nem arte-Themenabend. Das Problem ist nicht nur, dass sich sowieso kaum jemand Dokumentarfilme ansieht, son­dern vor allem auch, dass die­je­ni­gen, die sich für Joschka Fischer inter­es­sie­ren, dann doch nicht so viel Neues erfah­ren werde. Und die ande­ren kön­nen sich’s ja sowieso sparen.

Der ganz große Traum (2011)

Wenn ein Film über Fußball in einem deut­schen Multiplexkino nur ein­mal täg­lich am spä­ten Nachmittag gezeigt wird, dann kann man sich schon vor­stel­len, was da unge­fähr los ist. Das Marketing allein kann bei die­sem Thema und in die­sem Land kaum schuld sein, also muss es sich ent­we­der um einen hoff­nungs­lo­sen Langweiler han­deln oder um ziem­lich dümm­li­chen Quatsch, wenn sogar die Kinobetreiber so wenig Hoffnungen in so einen Streifen setzen.

Die Geschichte der Einführung unse­res heu­ti­gen Nationalsports ins von para­mi­li­tä­ri­schen Turnübungen ver­seuchte Kaiserreich sollte doch nor­ma­ler­weise ein mitt­le­rer Kassenmagnet sein, möchte man mei­nen. Aber Der ganz große Traum setzt die­ses Potential der­art schwach um, dass man keine zehn Minuten braucht, um zu sehen, dass das nichts wer­den kann.

Auf der posi­ti­ven Seite darf man fest­hal­ten, dass ein gewis­ser Unterhaltungswert durch­aus vor­han­den ist. Wenn einem alles andere egal ist, sieht man eine nette kleine Story mit Emotion und ein biss­chen Humor. Aber dafür muss man schon ein sehr dickes Fell haben.

Das kleinste Problem ist noch, dass der echte Lehrer Konrad Koch wohl kei­nen gar so schreck­lich dra­ma­ti­schen Kampf aus­fech­ten musste, um sei­nen Schülern das Kicken zu ermög­li­chen wie sein Alter Ego Daniel Brühl. Dass man his­to­ri­sche Ereignisse manch­mal ein biss­chen zuspit­zen muss, um sie kino­t­aug­lich zu machen, ist ja keine son­der­lich skan­da­löse Entdeckung. Traurig ist aber, dass fast alle Nebenfiguren in die­sem Film reine Abziehbilder sind, die wir­ken, als hät­ten sich die Recherchen der Drehbuchautoren Philipp Roth und Johanna Stuttmann zum Erziehungswesen des neun­zehn­ten Jahrhunderts auf die Lektüre des Struwwelpeterbeschränkt.

Ob Lehrer, ob Eltern, wen wir auch zu Gesicht bekom­men: Nichts als ein Haufen stu­rer und erz­blö­der Nationalisten, die im Sportunterricht nur eine Vorübung für den Einmarsch in andere Länder sehen und alles Nichtdeutsche als min­der­wer­tig betrach­ten. Ich würde ver­mu­ten, dass das alles im Großen und Ganzen eine gedan­ken­los ana­chro­nis­ti­sche Projektion von Naziklischees ist; bewei­sen mag ich es nicht, denn zu ernst­haf­ten Nachforschungen fehlt mir bei soviel Unfug jede Motivation. Aber selbst wenn sich der — nach der Reichsgründung zwei­fel­los recht aus­ge­prägte — Nationalstolz damals schon in der­art gro­tes­ken Formen gezeigt haben sollte, müsste man doch fest­stel­len, dass auch das vor­letzte Jahrhundert mit Sicherheit von ech­ten Menschen mit dif­fe­ren­zier­ten Persönlichkeiten bevöl­kert wurde, und nicht von Comicfiguren aus der Klischeeanstalt.

Weitere Plattheiten zei­gen sich, wenn Kochs Schüler gerade noch alles Englische vehe­ment ableh­nen, um nach dem magi­schen Kontakt mit einem Fußball plötz­lich vor Begeisterung zu plat­zen; wenn die kai­ser­li­che Delegation noch vor zwei Minuten das Verbot des neuen Sports in Stein mei­ßeln wollte, um nach einem „deut­schen“ Sieg im Braunschweiger Stadtpark plötz­lich Feuer und Flamme zu sein; und nicht zuletzt, wenn es natür­lich eine Frau sein muss, die als aller­erste eine Abseitsregel ver­steht, die in der dar­ge­stell­ten Form über­haupt erst ein hal­bes Jahrhundert spä­ter ein­ge­führt wurde.

Und obwohl er nicht der Hauptgrund ist, dass hier, um es mal so aus­zu­drü­cken, eine „Hundertprozentige“ auf pein­lichste Weise ver­ge­ben wurde, muss man zwangs­läu­fig auch mal ein paar Worte zu Daniel Brühl ver­lie­ren: Daniel Brühl ist kein Schauspieler. Er ist höchs­tens ein Schauspielerdar­stel­ler. Er spielt unun­ter­bro­chen so, wie echte Schauspieler spie­len, wenn sie jeman­den spie­len sol­len, der schau­spie­lert. Besonders, wenn er gerade kei­nen Text hat, weiß er gar nichts mit sich anzu­fan­gen, beschäf­tigt sich mit zusam­men­hang­lo­sen Gesichtszuckungen und gibt auf jede vor­stell­bare Weise zu ver­ste­hen, dass er über kei­nen Funken Talent verfügt.

Aber das ist wohl so, wenn man jeman­dem eine Rolle gibt, weil man sei­nen Papi von der gemein­sa­men Sesselpfurzerei beim Staatsfernsehen her gekannt hat. Es steht zu ver­mu­ten, dass der Rest der Crew vom Ganz gro­ßen Traum auf ähnli­che Weise in der Branche Fuß gefasst hat…