1970er

Frost/Nixon (2008)

Seit im Juni 1972 fünf Leute im Watergate-Gebäudekomplex dabei erwischt wur­den, wie sie Wanzen in den Büros der Demokratischen Partei instal­lier­ten und gene­rell am her­um­spio­nie­ren waren, ver­bin­det man mit Richard Nixon vor allem die Erinnerung an den bekann­tes­ten Politikskandal der Geschichte. Die Details der Vorgänge, die zu sei­nem Rücktritt geführt haben, mögen bei den meis­ten in Vergessenheit gera­ten sein, und alles andere, was er als 37. Präsident der USA sonst noch so getan hat, wusste schon Mitte der Siebziger kein Mensch mehr, aber die Endsilbe „-gate“ erkennt sogar auf unse­rer Seite des Atlantiks fast jeder Zehnjährige als Symbol für Korruption und unde­mo­kra­ti­sche Umtriebe.

Dass Nixon mit die­sem Erbe nicht beson­ders glück­lich war, kann man sich leicht den­ken. Er hat immer bestrit­ten, selbst an irgend­wel­chen ille­ga­len Aktivitäten betei­ligt gewe­sen zu sein und wird wohl noch ein paar Jahre lang gehofft haben, sich reha­bi­li­tie­ren zu kön­nen. Zu die­sem Zweck schrieb er seine Memoiren, und zu die­sem Zweck gab er dem bri­ti­schen Fernsehmoderator David Frost ein aus­führ­li­ches Interview. Frost war damals bereits recht popu­lär, aber mit einer Vergangenheit als Komiker galt er nicht unbe­dingt als der seriö­seste Fernsehjournalist weit und breit; es ist also gut mög­lich, dass Nixon hoffte, da einen Gesprächspartner gefun­den zu haben, der sei­ner Rhetorik wenig ent­ge­gen­zu­set­zen hatte. Entscheidend war aber, dass Nixon seine Anwaltslizenz ver­lo­ren hatte und schlicht und ein­fach Geld brauchte: Frost bot die fabel­hafte Summe von 600.000 Dollar, ein Vielfaches des­sen, was andere Interessenten zu zah­len bereit waren. Er hätte daher ver­mut­lich sogar dann den Zuschlag bekom­men, wenn er bis dahin nur die Sesamstraße anmo­de­riert hätte.

Für Frost lohnte sich das Geschäft auch lang­fris­tig. Nixon been­dete die Fernsehaufzeichnung mit eini­gen sehr per­sön­li­chen, nach­denk­li­chen Bemerkungen — kein Geständnis, nur mit viel Phantasie eine Entschuldigung, aber immer­hin genug, um die Sendung zu einem fan­tas­ti­schen Quotenerfolg wer­den zu las­sen. Darauf konnte David Frost eine seriöse Fernsehkarriere auf­bauen, die bis heute anhält und ihm neben Ruhm und Reichtum auch den Ritterschlag der Queen einbrachte.

Die Entstehungsgeschichte die­ses Interviews und das Interview selbst wur­den 2006 von Peter Morgan zu einem Theaterstück ver­ar­bei­tet und zwei Jahre spä­ter, nach einer erfolg­rei­chen Zeit in London und am Broadway, in die Kinos gebracht. Die Hauptdarsteller, Frank Langella als Nixon und Michael Sheen als Frost, über­nahm man aus der Bühneninszenierung, und weil man eine etwas grö­ßere Zielgruppe anspre­chen wollte als das lang­wei­lige Politikfilme übli­cher­weise tun, durfte der eta­blierte Hollywood-Unterhaltungsspezialist Ron Howard Regie führen.

Das Kalkül ging nicht auf — es gab zwar fünf Oscar-Nominierungen, wie sich das für ein anspruchs­vol­les Drama gehört, aber die Einspielergebnisse waren nicht sehr berau­schend. Dabei wird die Story durch­aus flott und humor­voll erzählt, Sheen und Langhella gestal­ten ihre Figuren sym­pa­thisch und ori­gi­nell, und recht schnell hängt man als Zuschauer am Haken und will wis­sen, wie die­ser ver­bale Schlagabtausch zwi­schen dem etwas halb­sei­de­nen Playboy und dem net­ten Opa, in dem ein geris­se­ner Politiker steckt, wei­ter­geht. Alles in allem ist das recht unter­hal­tend und durch­aus auch für Leute geeig­net, die über Politik nicht viel mehr wis­sen, als dass sie wohl ein schmut­zi­ges Geschäft sein soll.

Aus his­to­rio­gra­phi­scher Sicht ist das ande­rer­seits lei­der genau das Problem des Films. Er erkauft sich viel von sei­nem Entertainment-Faktor mit einer deut­li­chen Tendenz zur Über­zeich­nung. Frost mag ein Lebemann und Frauenheld gewe­sen sein, aber nach allem, was man über ihn lesen kann, scheint er auch ein akri­bi­scher Arbeiter gewe­sen zu sein, der wohl kaum so schwach vor­be­rei­tet in eine Sendung gegan­gen wäre wie uns die­ser Film glau­ben machen will. Und Langellas oscar­no­mi­nier­ter Nixon wirkt zwar ange­mes­sen gebro­chen und ein­sam, aber von ein paar Anflügen abge­se­hen ist er sicher­lich nie­mand, den man jemals, wie den ech­ten Richard Nixon, „Tricky Dick“ nen­nen würde. In sei­nen schwächs­ten Momenten wirkt Langella vor allem alt und ein klei­nes biss­chen senil, und das wird dem schlag­fer­ti­gen, wort­ge­wand­ten Nixon, den man in den Original-Interviews bewun­dern kann, auf gar kei­nen Fall gerecht.

Ron Howard setzt dabei oben­drein auf einen sehr doku­men­ta­risch inspi­rier­ten Stil, mit viel Handkamera und sogar „Talking Heads“, die die Vorgänge in der Rückschau erläu­tern und inter­pre­tie­ren. Wenn es die ech­ten Mitarbeiter Frosts wären, die da auf­tre­ten und ihre Sicht der Dinge aus­brei­ten, wäre das natür­lich ein gro­ßer Pluspunkt für die Glaubwürdigkeit der Darstellung, aber tat­säch­lich sehen wir wie­der nur die Schauspieler, die, vor­sich­tig umge­stylt, ihren aus­wen­dig­ge­lern­ten Text zum Besten geben. Damit ober­fläch­lich zwar der Anspruch auf Authentizität erho­ben, aber es bleibt bei der lee­ren Form ohne jede inhalt­li­che Unterfütterung, und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Films stellt sich nur umso intensiver.

Und um den scheint es ins­ge­samt nicht allzu gut bestellt zu sein. Wie es um David Frosts Arbeitsmoral bestellt war, ob er tat­säch­lich an sei­ner läs­si­gen Einstellung zu schei­tern drohte und ob die Finanzierung des teu­ren Interviews tat­säch­lich der­art am sei­de­nen Faden hing wie Frost/Nixon uns glau­ben machen möchte, das ist so ohne Weiteres nicht leicht nach­zu­prü­fen. Dafür fin­det man sehr leicht eine gute Quelle über die Vorgänge wäh­rend des Interviews selbst und das Zustandekommen der selbst­kri­ti­schen Bemerkungen, die der Film als Sieg Frosts fei­ert. Wie Nixons Biograph Jonathan Aitken berich­tet, sind ihm die näm­lich kei­nes­wegs in einem emo­tio­na­len Augenblick unter der Last sei­nes Gewissens ent­fleucht, und Frosts jour­na­lis­ti­sches Talent hatte auch wenig damit zu tun. Vielmehr hatte Nixon die Situation der­art gut unter Kontrolle, dass ihn schließ­lich sogar seine eige­nen Mitarbeiter bedräng­ten, den Zuschauern ein biss­chen mehr zu geben. Was im Film als spon­ta­nes Geständnis gefei­ert wird, war in Wirklichkeit ein sorg­fäl­tig geplan­tes und geschickt prä­sen­tier­tes Statement, und nie­mals ist einer Mitarbeiter sei­ner Mitarbeiter her­ein­ge­platzt, um Nixon in letz­ter Sekunde davon abzu­hal­ten. Ganz im Gegenteil — alle mach­ten sich Sorgen, dass er es doch noch unter den Tisch fal­len las­sen könnte.

Es gibt einige andere erzäh­le­ri­sche Freiheiten, die sich der Film nimmt, und in viele Szenen eine Menge Fragezeichen. Aber die Interpretation des von Frost pro­vo­zier­ten „Geständnisses“ genügt schon ganz allein, um ihn aus his­to­ri­scher Sicht zu ver­wer­fen. Das Thema Nixon ist in den USA immer noch ein hei­ßes Eisen; wer sich da zu einer sol­chen Dehnung der Tatsachen hin­rei­ßen lässt, macht sich der Propaganda ver­däch­tig und ver­liert jede Glaubwürdigkeit. Denn was die Sache ja noch viel schlim­mer mach, ist dies: Man ist geneigt, Jonathan Aitken zuzu­stim­men, wenn er die wahre Geschichte als „much more intri­guing“ bezeich­net. Die Story wird durch die Erfindung des spon­tan geläu­ter­ten Präsidenten aber nicht bes­ser als die Realität, sie wird nur sim­pler, erwart­ba­rer und eher Hollywood-kompatibel. Frost/Nixon ist somit ganz offen­sicht­lich nur ein Unterhaltungsprodukt. Kein ganz schlech­tes, immer­hin, aber lei­der auch kein biss­chen mehr.

Joschka und Herr Fischer (2011)

Ich bin kein gro­ßer Fan von fil­mi­schen Geschichtsdokumentationen, denn es ist doch so: Bei Spielfilmen weiß jeder, dass sie nur aus Schauspielern, Requisiten und Kulissen beste­hen. Niemand würde das, was er da sieht, für die volle Wahrheit hal­ten. Dadurch kann der Spielfilm die Vorteile des Mediums voll aus­spie­len und den Zuschauer ver­gan­gene Zeiten haut­nah mit­er­le­ben las­sen, ohne dass die unver­meid­li­chen Abweichungen von der his­to­ri­schen „Wahrheit“ Schaden anrich­ten würden.

Dokumentarfilme tre­ten dage­gen immer mit dem Anspruch auf Wahrheit auf. Sie sind die unse­li­gen Ursachen von Sätzen, die mit „Im Fernsehen haben sie aber gezeigt, dass…“ begin­nen. Aber lei­der kann das Medium Film mit dem Anspruch auf Wahrheit und Objektivität nicht umge­hen. Die Bilder sind zu ver­füh­re­risch, und die dra­ma­tur­gi­schen Notwendigkeiten erlau­ben nicht, ein Thema erschöp­fend zu behan­deln; es sei denn, man wollte seine Zuschauer mit Absicht zu Tode lang­wei­len. Die erfolg­reichs­ten Dokumentarfilme sind eigent­lich immer Propaganda, denn erst durch kon­se­quente Einseitigkeit gewin­nen sie ihren Unterhaltungswert — natür­lich vor allem für die, die ohne­hin schon der glei­chen Meinung waren wie der Filmemacher…

Wenn also der ehe­ma­lige grüne Außenminister in Joschka und Herr Fischer sein eige­nes Leben kom­men­tie­ren darf und die Journalisten her­um­nör­geln, dass so ein Format zu „sub­jek­tiv“ sei oder ein absicht­li­cher „Verzicht auf Kritik“, dann ist das Unfug. Eher würde ich sagen, Regisseur Pepe Danquart hat ein­fach nur ver­stan­den, wie sein Beruf funk­tio­niert. Er ist ja nicht umsonst Oscarpreisträger. Ein Film über „sechs Jahrzehnte deut­sche Nachkriegsgeschichte“, wie die dazu­ge­hö­rige Websitewirbt, ist das Ganze dann aber natür­lich auch nicht gewor­den. Es ist ein­fach eine  wei­tere Gelegenheit zur Selbstdarstellung für Joseph Martin Fischer.

Und Selbstdarstellung ist ganz zwei­fel­los immer schon Fischers Kernkompetenz gewe­sen. In die­sem Fach ist er wirk­lich bril­lant. Er trägt seine Entwicklung vom Ministranten über den Straßenkämpfer zum Minister als mora­li­sche Notwendigkeit vor, und man will ihm das alles sogar dann noch bei­nahe glau­ben, wenn er den ori­en­tie­rungs­lo­sen Lebensabschnitt als Frankfurter Taxifahrer ganz unver­schämt als Selbstfindung ver­kauft. Wenn von der deut­schen Geschichte die Rede ist, lässt er den Zuschauer ganz sub­til wis­sen, dass es selbst­ver­ständ­lich er war, der diese Geschichte geprägt hat, ohne sich jemals dazu her­ab­zu­las­sen, so etwas tat­säch­lich wört­lich zu sagen. Und am meis­ter­haf­tes­ten ist, dass er sich mensch­lich gibt, Schwäche zeigt, Fehler zugibt und beschei­den wirkt. Das ver­leiht ihm erst recht die Aura des Über­mensch­li­chen; man denkt an Merkel und Westerwelle und wun­dert sich, warum es heute keine sol­chen Politiker mehr gibt.

Allerdings dau­ert der Film fast zwei­ein­halb Stunden, und in die­ser lan­gen Zeit mer­ken selbst die pri­mi­tivs­ten Feuilletonredakteure, dass ihnen hier nicht die unge­schönte Wahrheit prä­sen­tiert wird. Dann sind sie belei­digt und schrei­ben einen bösen Verriss, aber eigent­lich ist gerade das ein rich­ti­ger Geniestreich von Danquart: Wohl wis­send, dass er ohne­hin nicht objek­tiv sein kann, hat er sich für gna­den­lose, unkom­men­tierte Subjektivität ent­schie­den und bringt dadurch zwar keine brauch­bare geschicht­li­che Darstellung mehr zustande, aber dafür so etwas wie eine fil­misch auf­be­rei­tete Quelle. Wer Bismarcks Gedanken und Erinnerungen liest oder Napoleons Leben und Werk, der wird auch nicht gerade eine wis­sen­schaft­lich fun­dierte Geschichtsinterpretation erwar­ten, aber inter­es­sant ist es trotz­dem, wie sol­che Figuren sich selbst sehen woll­ten. Falls Joschka Fischer keine Zeit oder Lust mehr hat, uns seine selbst­ge­fäl­lige Autobiographie schrift­lich vor­zu­le­gen, dann haben wir also immer­hin die­sen Film.

Natürlich gibt es aber auch gute Gründe, Joschka und Herr Fischer eher mit­tel­mä­ßig zu fin­den. Er ist defi­ni­tiv zu lang gera­ten, schafft es über weite Strecken nicht, Spannung zu erzeu­gen oder zu hal­ten, und er spart die inter­es­san­tes­ten Fragen aus. Wir bekom­men in elen­der Länge lang­wei­lige Details aus Joschkas öder katho­li­scher Vertriebenenkindheit prä­sen­tiert, aber wenn es darum geht, warum Rot-Grün 2005 aus einer Laune her­aus die Bundestagswahl vor­ge­zo­gen hat, dann wer­den wir mit einem schlich­ten „Ich war ja dage­gen“ abge­speist. Man sollte mei­nen, dass da aus angeb­lich über 20 Stunden Rohmaterial mehr her­aus­zu­ho­len gewe­sen wäre, aber offen­bar wollte Fischer ent­we­der nicht dar­über reden oder Danquart hat ihn ein­fach nicht gefragt.

Joschka und Herr Fischer wird in ein paar klei­nen Kinos in gro­ßen Städten lau­fen, aber nicht sehr lange. Danach sehen wir ihn höchs­tens noch­mal bei irgend­ei­nem arte-Themenabend. Das Problem ist nicht nur, dass sich sowieso kaum jemand Dokumentarfilme ansieht, son­dern vor allem auch, dass die­je­ni­gen, die sich für Joschka Fischer inter­es­sie­ren, dann doch nicht so viel Neues erfah­ren werde. Und die ande­ren kön­nen sich’s ja sowieso sparen.

Maos letzter Tänzer (2009)

Ein Elfjähriger wird Anfang der 1970er Jahre von kom­mu­nis­ti­schen Kadern aus sei­nem chi­ne­si­schen Bergdorf nach Peking ver­schleppt und einem jah­re­lan­gen, har­ten Drill unter­zo­gen. Auf die­ser Basis könnte man auch einen Jackie-Chan-Film kon­stru­ie­ren, aber hier geht es nicht um Martial Arts, son­dern um Ballett, und es ist tat­säch­lich so pas­siert. Maos letz­ter Tänzerbasiert auf der Autobiographie von Li Cunxin, der eigent­lich nur als Austauschstudent in die USA kam, aber nicht mehr nach China zurück­kehrte, son­dern im Westen zum Ballettstar aufstieg.

Nun ver­stehe ich weder viel von Ballett noch ver­füge ich über beson­dere Kenntnisse zur jüngs­ten chi­ne­si­schen Geschichte, also hält sich meine Autorität hin­sicht­lich des Wahrheitsgehalts die­ser „wah­ren Geschichte“ eini­ger­ma­ßen in Grenzen. Allgemein ist es aber so, dass Autobiographien schon in Buchform nicht als die bes­ten his­to­ri­schen Quellen gel­ten, weil natür­lich kaum jemand objek­tiv bleibt, wenn er über sein eige­nes Leben schreibt. Im Film, wo alles expli­zit gemacht wer­den muss und Komplexitäten, Zweifel und Zwischentöne schwer dar­zu­stel­len sind, poten­ziert sich die­ses Problem natür­lich noch.

Da merkt man dann bei­spiels­weise, dass Regisseur Bruce Beresford zwar gerne ver­mei­den möchte, in plat­ten Antikommunismus abzu­rut­schen und ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von Kommunismus und Kapitalismus zeich­nen will. Aber das funk­tio­niert bei so einer Story wohl nur bis zu einer gewis­sen Grad. Letztlich sind die chi­ne­si­schen Kader für Li eben doch alles andere als Sympathieträger, und letzt­lich ist seine Begeisterung für den ame­ri­can way of life eben doch erheb­lich grö­ßer als sein Glaube an den Vorsitzenden Mao. Der Versuch, das in klei­nen, kli­schee­haf­ten Szenen über Shopping und Coca Cola zu ver­ste­cken, führt da zu nichts und wirkt letzt­lich genauso pein­lich wie die phra­sendre­schen­den Kommunistenroboter, die Beresford auch nicht hat ver­mei­den können.

Interessant ist zudem, wie die Geschichte von Li Cunxins ers­ter Ehe behan­delt wird. Die Liebe zwi­schen ihm und der erfolg­lo­sen Tänzerin Elizabeth Mackey ist näm­lich genau so lange ein zen­tra­les Element der Handlung, bis er die Erlaubnis in der Tasche hat, in Amerika zu blei­ben. Danach ver­schwin­det das Mädchen — mit dem er tat­säch­lich sechs Jahre lang ver­hei­ra­tet war — inner­halb von drei, vier Szenen und ohne guten Grund kom­plett aus der Handlung und wir bekom­men umstands­los seine zweite Frau prä­sen­tiert. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster leh­nen, weil ich nicht weiß, wie das in der Buchvorlage aus­sieht, aber es würde mich nicht wun­dern, wenn Li hier ent­we­der eine Green-Card-Ehe zur gro­ßen Liebe auf­ge­bla­sen oder ein paar schmut­zige Details einer sehr unschö­nen Trennung dis­kret unter den Teppich gekehrt hätte.

Maos letzte Tänzer ist alles in allem ziem­lich durch­schnitt­li­cher Film mit ein paar Macken und ohne große Höhepunkte — außer wenn man sich für Ballett begeis­tern kann. Alle rele­van­ten Rollen sind näm­lich tat­säch­lich mit erst­klas­si­gen Tänzern besetzt, und das gibt dem Film die Möglichkeit, echte Choreographien zu zei­gen statt nur an den Hüften abge­schnit­tene Bilder von flie­ßen­den Armbewegungen, wie man sie zuletzt bei Black Swan bewun­dern konnte. Wenn einem das anspruchs­lose Gehüpfe dort gefal­len hat und man jetzt wis­sen will, wie Ballett wirk­lich aus­sieht, dann kann man sich das also ruhig mal anschauen.

Under Fire (1983)

Nicaragua hatte ich ja, wie’s der Zufall will, bereits im ruhm­rei­chen ers­ten Artikel die­ses Blogs. Damals ging es um eine Kuriosität des neun­zehn­ten Jahrhunderts, jetzt wen­den wir uns der Zeitgeschichte zu.

Ein Film, der nur vier Jahre nach den Ereignissen, die er por­trä­tiert, in die Kinos kommt, kann eigent­lich kaum als „his­to­risch“ gel­ten, und tat­säch­lich war Under Fire natür­lich nicht dafür gedacht, das Publikum über den genauen Ablauf der Nicaraguanischen Revolution zu unter­rich­ten. Eher schon ging es um poli­ti­sche Propaganda, was die ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit, die gerade den Republikaner Ronald Reagan ins Weiße Haus gewählt hatte, im Jahr auch 1983 durch­aus ver­stan­den und mit ent­spre­chen­dem Desinteresse quit­tiert hat. Nun, da haben die Yankees dann doch was verpasst…

Die Geschichte

Zwischen 1912 und 1933 war der mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Staat Nicaragua von Truppen der USA besetzt, die das Land erst ver­lie­ßen, nach­dem ihnen der Guerillaführer Augusto Sandino jah­re­lang zuge­setzt hatte. Die Amerikaner ver­schwan­den aber nicht spur­los, son­dern hin­ter­lie­ßen eine von ihnen aus­ge­bil­dete schlag­kräf­tige Nationalgarde unter dem Kommando ihres treuen Verbündeten Anastasio Somoza, der nichts Besseres zu tun hatte als den Nationalhelden Sandino hin­ter­rücks ermor­den zu las­sen und zügig eine Diktatur zu errichten.

Somoza brachte etwas zu Stande, was alle Usurpatoren gerne tun wür­den, aber nur sehr wenige schaf­fen: Er begrün­dete eine Dynastie. Obwohl er 1956 einem Attentat zum Opfer fiel, nach­dem seine Kleptokratie das Land gar zu sehr aus­ge­räu­bert hatte, schaff­ten es nach­ein­an­der seine bei­den Söhne Luis und Anastasio(gewis­ser­ma­ßen „der zweite“), die Macht in der Familie zu hal­ten. Doch es for­mierte sich auch Widerstand. Beginnend in den frü­hen sech­zi­ger Jahren führte die nach Augusto Sandino benannte Rebellenorganisation der „Sandinisten“ einen Guerillakrieg gegen Somozas Nationalgarde, und je här­ter der Diktator und seine Söhne gegen ihre Gegner vor­gin­gen, je tie­fer sie das ver­armte Land in die Krise stürz­ten, desto mehr Zulauf fand die Opposition. Ende der sieb­zi­ger Jahre konn­ten sich die Somozas nicht ein­mal mehr auf die kon­ser­va­tive Oberschicht ver­las­sen und wur­den schließ­lich 1979 in der Nicaraguanischen Revolution davongejagt.

Leider bedeu­tete das nicht, dass in Nicaragua nun Frieden ein­kehrte. Die US-Regierung, immer umge­trie­ben von der Angst vor einem „zwei­ten Kuba“, einem wei­te­ren sozia­lis­ti­schen Staat vor ihrer Haustür, rüs­te­ten die zumeist in den nörd­li­chen Nachbarstaat Honduras geflüch­te­ten Einheiten der nica­ra­gua­ni­schen Nationalgarde mit Waffen und Geld aus, so dass sie als „Contras“ ein wei­te­res Jahrzehnt lang für bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustände in ihrem Heimatland sor­gen konnten.

Der Film

Under Fire erzählt die fik­tive Geschichte des Kriegsreporters Russell Price
(Nick Nolte), der 1979 durch die Fälschung eines Fotos des ebenso fik­ti­ven Rebellenführers „Rafael“ der san­di­nis­ti­schen Revolution eine ent­schei­dende Wendung gibt. Die auf­fäl­ligste Eigenheit des Films ist dabei die fast sati­risch wir­kende, aber ver­mut­lich nicht völ­lig unrea­lis­ti­sche Darstellung des täg­li­chen Lebens aus­län­di­scher Journalisten in einem Kriegsgebiet. Price und seine Kollegen kom­men nach Nicaragua, weil sie sich ein „net­tes Hotel und einen sau­be­ren klei­nen Krieg“ mit ein paar inter­es­san­ten Storys und Fotos ver­spre­chen, und in der Tat kön­nen sie fröh­lich am Pool sit­zen und Drinks schlür­fen, wäh­rend drau­ßen die Kämpfe toben. Es ist weni­ger die gefähr­li­che poli­ti­sche Lage als Price‘ eige­ner Ehrgeiz, der ihn schließ­lich in Schwierigkeiten bringt, wenn er auf der Suche nach Rafael zusam­men mit Rebellen in Feuergefechte gerät und sich mit dem Regime anlegt.

Der zweite inter­es­sante Aspekt, und die Hauptaussage von Under Fire, ist seine klar pro­san­di­nis­ti­sche Ausrichtung, die ihn zu einem Flop in den USA und zu einem Erfolg im Rest der Welt gemacht haben. Präsident Somoza erscheint als gewis­sen­lo­ser Großkotz, der Folterkammern unter­hält, sich an inter­na­tio­na­len Hilfslieferungen berei­chert und nur von Washington an der Macht gehal­ten wird, aus dif­fu­ser Angst vor den „Commies“; die Sandinisten dage­gen sind ebenso ehren– wie hel­den­haft und wer­den von der Bevölkerung geliebt. Das ist etwas ein­di­men­sio­nal, wenn man weiß, dass auch die Revolutionäre sich nicht als die vor­bild­lichs­ten Demokraten erwie­sen haben, aber als der Film pro­du­ziert wurde, konnte es wahr­schein­lich fast als objek­tive Darstellung der Situation in Nicaragua durch­ge­hen. Sympathie für einen Verbrecher wie Somoza darf ja sogar bis heute als unan­ge­bracht gel­ten, und die Hinweise auf die undurch­sich­tige Rolle der ame­ri­ka­ni­schen Regierung und der CIA erschei­nen ange­sichts des­sen, was in den Achtzigern noch kom­men sollte, fast pro­phe­tisch. (Die ers­ten Maßnahmen Ronald Reagans zur Unterstützung der Contras wer­den aller­dings wohl schon vor Drehbeginn klar­ge­macht haben, wo die Loyalitäten der USA lagen.)

Regisseur Roger Spottiswoode, ansons­ten vor allem bekannt für den mit­tel­mä­ßi­gen James-Bond-Streifen Der Morgen stirbt nie, baut um seine poli­ti­sche Botschaft herum über­ra­schen­der­weise einen Film auf, den man sich pro­blem­los ein­fach um der Spannung wil­len anse­hen kann, und ent­fal­tet natür­lich gerade dadurch beson­dere pro­pa­gan­dis­ti­sche Wirkung. Wer hier 1983 ahnungs­los ins Kino gegan­gen ist, ist jeden­falls sicher nicht als Anhänger Anastasio Somozas oder der Contras wie­der herausgekommen.

Fazit

Unabhängig von Geschichte und Politik ist Under Fire ein fes­seln­der Actionfilm. Die Darstellung der Nicaraguanischen Revolution ist dabei zwei­fel­los poli­tisch ten­den­ziös und nicht allzu viel­schich­tig, gibt aber zu kon­kre­ter Kritik eigent­lich wenig Anlass.