1940er

Das Blaue vom Himmel (2011)

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Wenn wir im Kino einer deut­schen Journalistin dabei zuse­hen sol­len, wie sie in Lettland die — natür­lich dunkle — Vergangenheit ihrer Mutter erforscht, dann klingt das noch nicht nach einer direkt abschre­cken­den Handlungszusammenfassung. Da könnte man sich auf eine Art inner­fa­mi­liäre Detektivgeschichte ein­rich­ten, womög­lich ein­ge­bet­tet in ein inter­es­san­tes his­to­ri­sches Umfeld, und bestimmt auf einen ordent­li­chen Schuss Emotionen. Leider will aber Hans Steinbichlers Das Blaue vom Himmel weder detek­ti­visch noch his­to­risch sein, son­dern nur gefüh­lig. Durch die­sen sim­plen Umstand wird er dann zum bis­her größ­ten Langweiler die­ses Kinojahrs.

Rein ober­fläch­lich betrach­tet liegt das natür­lich schon mal daran, dass Steinbichler zu die­sen schreck­lich „ruhi­gen“ und „nach­denk­li­chen“ Kameraeinstellungen greift, mit denen man jedem Zuschauer noch vor dem ers­ten Schnitt ver­mit­teln kann, dass sein eige­nes Leben drau­ßen ver­mut­lich inter­es­san­ter wäre als das, was er sich da jetzt zwei Stunden lang in einem abge­dun­kel­ten Raum erzäh­len las­sen soll. Aber die Probleme lie­gen viel tie­fer, näm­lich mal wie­der dort, wo deut­sche Filme ganz tra­di­tio­nell am meis­ten Probleme haben: im Drehbuch, das in die­sem Fall von Josephine Jahnke und Robert Thayenthal stammt.

Die Figur der demen­ten alten Dame Marga Baumanis, die aus ihrem Altersheim aus­bricht, aller­hand äußerst unsym­pa­thi­schen Unsinn anstellt und dabei wir­res Zeug über ihre Jugend in Lettland redet, ist ja an sich schon schwie­rig, weil sie kaum Ansatzpunkte zur emo­tio­na­len Anteilnahme bie­tet. Das ist jetzt sehr vor­sich­tig aus­ge­drückt, man könnte auch ganz ein­fach sagen: sie nervt. Und damit erzeu­gen Jahnke und Thayenthal gleich das nächste Problem, denn Margas Tochter Sofia ver­ste­hen wir auch nur genau so lang, wie sie ihrer Mutter aus den Weg gehen oder sie mög­lichst schnell wie­der los­wer­den will. Was sie dage­gen dazu bringt, sich über­haupt für das zusam­men­hang­lose Gebrabbel zu inter­es­sie­ren, das ihre Mutter stän­dig von sich gibt, kann man schon schwer nach­voll­zie­hen, und dass sie auf die Idee kommt, zusam­men mit ihr ins kri­sen­ge­schüt­telte Lettland zu fah­ren (wir schrei­ben das Jahr 1991), ist schon hart an der Grenze zum kom­plet­ten Blödsinn.

Man könnte vie­les ver­zei­hen, wenn der Film sich auch nur die geringste Mühe geben würde, ein biss­chen Spannung auf­zu­bauen. Aber da fehlt es schon an der Voraussetzung, denn weder in den Szenen der gegen­wär­ti­gen Handlung noch in den Rückblenden erhal­ten wir irgend einen Hinweis dar­auf, wor­auf wir eigent­lich gespannt sein soll­ten. In Lettland ange­kom­men, sehen wir ein­fach nur ein paar Russen (ganz unpro­ble­ma­tisch) und bekom­men dann von einem (ganz leicht auf­find­ba­ren) älte­ren Herrn ohne wei­tere Umschweife die Lösung des Geheimnisses erzählt. Und nach ein paar wei­te­ren Großaufnahmen emo­tio­nal gebeu­tel­ter Gesichter ist der Film dann mehr oder weni­ger auch schon aus.

Über­haupt, die Großaufnahmen. Es ist ganz offen­sicht­lich dass Steinbichler ganz große Gefühle trans­por­tie­ren will, aber er hätte sich dazu halt lie­ber ein paar Schauspieler suchen sol­len, die so etwas auch drauf­ha­ben. Abgesehen viel­leicht von Hannelore Elsner, die aber als Marga natür­lich nur glaub­wür­dig vor sich hin plap­pern muss, besticht die ganze Truppe näm­lich vor allem durch Talentlosigkeit. Speziell Juliane Köhler scheint aus­schließ­lich auf wei­tes Augenaufreißen und robo­ter­hafte Bewegungen spe­zia­li­siert zu sein, ist aber uner­träg­li­cher­weise am längs­ten und am bild­fül­lends­ten zu sehen. Nicht viel bes­ser ist Karoline Herfurth, die die junge Marga der drei­ßi­ger Jahre spielt, und der man keine Sekunde lang die inten­sive, hoff­nungs­lose Liebe abkauft, die ihre Figur quält, aber ihr kann man wenigs­tens zugute hal­ten, dass der Käse, den ihr das Drehbuch vor­schreibt, halt gar zu groß ist.

Zum his­to­ri­schen Hintergrund ist eigent­lich nur zu sagen, dass er für den Film reich­lich irre­le­vant ist. In den aus­führ­li­chen Rückblicken auf Margas Jugend erfah­ren wir, dass da anfangs noch Deutsche in Lettland sind, dass sie dann alle „heim ins Reich“ müs­sen, und dass dann die Russen kom­men und alle nach Lust und Laune in die GULags abtrans­por­tie­ren. Das ist also nicht ein­mal so tief­grün­dig wie die ori­gi­nal­ge­treuen alten Autos, die der Requisiteur in den 1991er Szenen über­all hat hin­stel­len las­sen, aber man muss dafür fast noch dank­bar sein, weil man sich sonst durch­aus in man­chen Momenten Gedanken dar­über machen könnte, ob da nicht manch­mal ein klei­nes biss­chen nost­al­gi­scher Revanchismus mitschwingt.

Es ist alles ein ganz furcht­ba­rer Rückfall in die schlimms­ten Angewohnheiten des deut­schen Kinos: Erzählerische Ideenlosigkeit bei for­ma­ler Großkotzigkeit und inhalt­li­cher Leere. Dass so etwas über­haupt im Kino gezeigt wird, liegt natür­lich nach wie vor an Steinbichlers inzwi­schen acht Jahre zurück­lie­gen­dem Debüt Hierankl, das damals beim Feuilleton als recht gro­ßer Wurf galt und viel­leicht auch ganz ordent­lich war. Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht gese­hen. Aber mit Einschlafhilfen wie Das Blaue vom Himmel dürfte er sei­nen Kredit, so oder so, recht schnell verspielen.

The Way Back (2010)

Erinnert sich noch jemand an So weit die Füße tra­gen, den Fernseh-„Straßenfeger“ von 1959? Oder an das Kinoremake von 2001? Da ging es um den deut­schen Soldaten Clemens Forell, der aus einem sowje­ti­schen Arbeitslager an der Beringstraße flieht und sich tau­sende Kilometer quer durch Sibirien in den Iran durch­schlägt, um wie­der nach Hause zu kommen.

Eine ganz ähnli­che Geschichte erzählte der Pole Sławomir Rawicz, der angeb­lich zusam­men mit einer Gruppe wei­te­rer Häftlinge aus Sibirien nach Indien ent­kom­men war. Und weil ein Pole, der aus dem GULag ent­kommt, inter­na­tio­nal natür­lich viel bes­ser zu ver­kau­fen ist als ein Wehrmachtssoldat, hat Hollywood für seine eigent­lich längst über­fäl­lige Entdeckung des Stoffs jetzt zu die­ser Vorlage gegriffen.

Interessanterweise stellt sich her­aus, dass sowohl Soweit die Füße tra­gen als auch Rawiczs The Long Walk wahr­schein­lich nicht auf Tatsachen beru­hen, denn Archivdokumente wider­spre­chen sowohl Forells rea­lem Vorbild Cornelius Rost als auch der Geschichte Rawiczs. Das heißt nicht, dass es über­haupt keine wah­ren Geschichten über spek­ta­ku­läre Fluchtaktionen aus sowje­ti­schen Gefangenenlagern gibt; es sind tat­säch­lich immer wie­der mal Häftlinge ent­kom­men, wie wir aus Berichten über die danach jeweils fäl­lige Bestrafung des Wachpersonals wis­sen. Aber für spek­ta­ku­läre Odysseen wie in The Way Back, fin­den sich kaum Beweise, und über­haupt waren die wenigs­ten Ausbrecher poli­ti­sche Gefangene. Denn als poli­ti­scher Häftling war man erst geret­tet, wenn man die UdSSR ver­las­sen hatte — die Kopfgelder, die auf einen aus­ge­setzt wur­den, waren hoch und die Strafen für eine Unterstützung ent­flo­he­ner Häftlinge dra­ko­nisch. Ein „nor­ma­ler“ Krimineller konnte sich dage­gen oft ein­fach in der nächs­ten grö­ße­ren Stadt sei­nen dor­ti­gen Kollegen anschlie­ßen und dadurch gut für einige Zeit untertauchen.

Trotz allem ist The Way Back als Geschichtsdarstellung aber nicht völ­lig nutz­los. Einige Details der Darstellung des GULag-Lebens wäh­rend der ers­ten hal­ben Stunde des Films sind durch­aus erhel­lend. Dass bei­spiels­weise die Berufsverbrecher einen wesent­lich höhe­ren Status hat­ten und unter den ande­ren Gefangenen regel­recht gefürch­tet waren, ent­spricht voll und ganz den Tatsachen. Die Figur des Khabarov, der fan­tas­ti­sche Fluchtpläne schmie­det, ohne sie jemals umset­zen zu wol­len und, steht exem­pla­risch für die psy­cho­lo­gi­schen Strategien vie­ler Häftlinge des GULag-System, wäh­rend die por­no­gra­phi­schen Skizzen, mit denen der Zeichner Tomasz Handel treibt, ein sehr hand­fes­tes Beispiel dafür sind, wie man sich mit ein biss­chen Talent das Leben erleich­tern konnte, indem man sei­nen Mitgefangenen die sib­ri­sche Langeweile vertrieb.

Das alles bleibt aber ver­gleichs­weise ober­fläch­lich — mit der emo­tio­na­len Intensität, in der kürz­lich erst Mitten im Sturm das glei­che Thema auf die Leinwand gebracht hat, kann The Way Back nicht die­nen. Und nach dem Ausbruch ver­wan­delt er sich dann ohne­hin in einen rei­nen Abenteuerfilm ohne echte his­to­ri­sche Relevanz, der lei­der nicht ein­mal beson­ders span­nend ist.

Der Regisseur Peter Weir zeich­net ja auch für einen mei­ner Lieblingsfilme ver­ant­wort­lich, näm­lich das extrem rea­lis­ti­sche Seefahrerdrama Master And Commander. Dieses Werk ist bei vie­len Leuten als ziem­li­cher Langweiler ver­schrien, was ich nur wohl nur des­halb nie ver­ste­hen konnte, weil die Seefahrtsgeschichte so ein biss­chen mein Spezialgebiet ist. Nach The Way Back kann ich es unge­fähr nachvollziehen.

Es ist wohl nicht ganz leicht, eine rela­tiv gleich­för­mige Handlung, die sich über viele Monate erstreckt, sau­ber auf Spielfilmlänge zu kom­pri­mie­ren, womög­lich auch noch schön mit dra­ma­ti­scher Entwicklung und Höhepunkt. Deshalb beschränkt sich Weir in sei­nem Drehbuch auf eine eher epi­so­den­hafte Erzählweise, und man­ches, was man da sieht, ist auch ganz nett, aber wenn man kein beson­de­res Interesse an sibi­ri­schen Fernwanderungen mit­bringt, bleibt das ganze lang­wie­rige Gelatsche eher so mit­tel­mä­ßig span­nend. Und irri­tie­rend ist es auch: Gerade war noch eisi­ger Winter, einen Moment spä­ter scheint die warme Sonne über der Taiga, und trotz­dem steht unver­än­dert die Nahrungsknappheit zur Debatte. In einem Moment schlüp­fen die Flüchtlinge durch ein Loch in der chi­ne­si­schen Mauer, ein paar Schnitte spä­ter wer­den sie im Himalaya von einem Sherpa gefunden.

Das ist alles ganz ordent­lich gemacht, aber ein biss­chen belie­big, und es wird auch nicht dadurch bes­ser, dass Weir es mit einem guten Schuss ame­ri­ka­ni­schem Pathos über­gießt: Die Leute mögen ster­ben, aber immer­hin kön­nen sie sich freuen, dass sie als „freie Männer“ gestor­ben sind. Nun ja.

Positiv über­rascht war ich ledig­lich von Colin Farrell. Der zeich­net sich, wenn man ihm eine Hauptrolle gibt, ja immer vor allem dadurch aus, dass er die Augenbrauen so schön lei­dend hoch­zie­hen kann, und durch nicht viel sonst. Den furcht­ein­flö­ßen­den, aber loya­len Kriminellen Valka spielt er hier aber wirk­lich sehr glaub­haft und nuan­ciert. Womöglich täte es ihm ganz gut, wenn er für eine Weile nur noch Bösewichter geben würde. Aber so ein jun­ger Hollywood-Schönling wie er kommt natür­lich gar nicht so leicht an sol­che Rollen ran.

Literatur

Mitten im Sturm (2009)

Mitten im Sturm (2009)

Hier haben wir einen Film, der mich ein biss­chen unvor­be­rei­tet erwischt hat. Normalerweise wird man ja mona­te­lang im Voraus mit Trailern zuge­kleis­tert oder liest schon ein hal­bes Jahr vor dem deut­schen Starttermin Verrisse auf ame­ri­ka­ni­schen Webseiten. In die­sem Fall han­delt es sich aber um eine euro­päi­sche Produktion, die schon 2009 unter Zuhilfenahme diver­ser Filmförderprogramme ent­stan­den ist. Normalerweise ist das eher ein schlech­tes Omen für die Qualität eines Films; bei Mitten im Sturm hat die Beteiligung der Kulturbürokraten wohl nur zu schlech­tem Marketing geführt, denn hand­werk­lich ist er auf gutem Niveau, und es gibt Leute, die die­ses Drama um den sta­li­nis­ti­schen Terror in der Sowjetunion der drei­ßi­ger Jahre sogar schon für den Oscar für die beste weib­li­che Hauptrolle auf dem Zettel hatten.

The King’s Speech (2010)

Die Geschichte vom stot­tern­den König George, sei­ner Heilung und sei­nem Triumph vor dem Radiomikrophon ist natür­lich nicht viel mehr als die Verfilmung einer his­to­ri­schen Fußnote, aber sie hat den Segen der Königin von England per­sön­lich, die aller­dings die Tochter der Hauptfigur und selbst eine Nebenfigur des Films, also mög­li­cher­weise nicht ganz objek­tiv ist. Mit zwölf Nominierungen ist The King’s Speech aber auch der unan­ge­foch­tene Favorit für die Oscarverleihung am nächs­ten Wochenende, und obwohl das die Fans des angeb­lich viel inno­va­ti­ve­ren Social Network maß­los ärgert und all­ge­mein als Zeichen für den unheil­ba­ren Konservativismus und die fort­schrei­tende Irrelevanz des Academy Awards gese­hen wird, ist es noch immer kein ganz schlech­ter Indikator für einen brauch­ba­ren Kinoabend.

Die Geschichte

Der Haupttext zur Fußnote, den man braucht, um die Ereignisse in The King’s Speech ein­ord­nen zu kön­nen, könnte in etwa so lau­ten: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die eng­li­sche Monarchie längst auf eine poli­tisch fast bedeu­tungs­lose Rolle zurecht­ge­stutzt wor­den. Der König diente als Symbol staat­li­cher Macht, aber sein Einfluss beschränkte sich dar­auf, fol­gen­lose Gespräche mit sei­nen Premierministern zu füh­ren und die im Parlament beschlos­se­nen Gesetze mit einer hüb­schen Unterschrift zu ver­zie­ren. König George V., seit 1910 auf dem Thron, war für diese Aufgabe wie geschaf­fen. Als zwei­ter Sohn König Edwards VII.war er erst spät auf den ers­ten Platz in der Thronfolge gerutscht; seine Ausbildung hatte im Wesentlichen aus einer Offizierskarriere bei der Royal Navy bestan­den, und in den Jahren vor sei­ner Krönung hatte er das beschau­li­che Leben eines Landadligen geführt und seine Tage mit der Jagd und dem Sammeln von Briefmarken ver­bracht. Dass er sich für Politik nicht inter­es­siert hätte wäre viel­leicht ein zu har­tes Urteil, aber für die ver­win­kel­te­ren Details der Regierungsarbeit fehlte ihm das Verständnis, und so fügte er sich, mal mehr, mal weni­ger wil­lig — aber letzt­lich nicht ohne Über­zeu­gung — in seine reprä­sen­ta­tive Funktion und ließ die Politiker unbehelligt.

Sein ältes­ter Sohn David war dage­gen von einem ganz ande­ren Schlag. Er konnte den zere­mo­ni­el­len Pflichten des Hofes wenig abge­win­nen, äußerte gele­gent­lich poli­ti­sche Ansichten, die weder nach heu­ti­gen noch nach dama­li­gen Standards hun­dert­pro­zen­tig kon­sens­fä­hig waren, bevor­zugte einen aris­to­kra­ti­sche­ren Lebensstil als sein Vater und hatte nicht zuletzt eine Schwäche für etwas zwei­fel­hafte Frauen. Als er Anfang des Jahres 1936 als Edward VIII. den Thron bestieg, führte er schon seit einer gan­zen Weile eine Beziehung mit Wallis Simpson, einer Dame, die nicht nur Amerikanerin und voll­kom­men bür­ger­lich war, son­dern auch bereits ver­hei­ra­tet — und zwar schon zum zwei­ten Mal! Er hatte aus sei­ner Absicht, Mrs. Simpson zu hei­ra­ten, nie ein gro­ßes Geheimnis gemacht, aber weder seine Eltern noch die bri­ti­sche Politik schie­nen die Romanze je ernst genom­men zu haben, wodurch er wohl den Eindruck gewann, spä­tes­tens als König mit die­ser mehr als unstan­des­ge­mä­ßen Ehe durch­kom­men zu können.

Er hatte sich getäuscht. Wie man in jedem mit­tel­mä­ßi­gen Taschenlexikon nach­le­sen kann, durfte Edward VIII. nicht ein­mal ein gan­zes Jahr König von England blei­ben. Am 11. Dezember 1936 musste er auf Druck der Regierung unter Premierminister Stanley Baldwin abdan­ken. Wallis Simpson war der öffent­lich sicht­bare Grund für die­sen Schritt, aber dass sie der ein­zige gewe­sen ist, darf man mit Fug und Recht bezwei­feln. Eine Hochzeit zwi­schen einer geschie­de­nen Frau und dem Oberhaupt der angli­ka­ni­schen Kirche, die trotz ihrer Entstehung aus den Affären Heinrichs VIII. vier­hun­dert Jahre zuvor Ehescheidungen noch immer nicht aner­kannte, wäre auf einer gewis­sen theo­re­ti­schen Ebene zwar sicher­lich pro­ble­ma­tisch gewe­sen, aber weder in der Öffent­lich­keit noch unter Politikern bestand 1936 voll­kom­mene Einigkeit dar­über, dass man dem König vor­schrei­ben konnte, wen er hei­ra­ten durfte und wen nicht. Gesetzliche Regelungen gab es für so einen Fall nicht, und nicht wenige ver­tra­ten die Ansicht, seine Heiratswünsche seien schlicht Edwards Privatangelegenheit. Der pro­mi­nen­teste Vertreter die­ser Fraktion war kein gerin­ge­rer als Winston Churchill.

Man darf daher ohne Weiteres ver­mu­ten, dass eine weni­ger kan­tige Persönlichkeit als Edward VIII. die Krone hätte behal­ten kön­nen — Amerikanerin hin, Scheidung her — und dass der mei­nungs­starke König, der für die arbeits­lose Unterschicht ebenso Sympathien hegte wie für die deut­sche Naziregierung, ein­fach nur zu vie­len eta­blier­ten Politikern ein Dorn im Auge war. Wie dem auch gewe­sen sein mochte, fest stand: dass Empire brauchte einen neuen König.

Der nächste in der Thronfolge war Albert, Herzog von York, der Bruder Edwards VIII. und eine wesent­lich sim­plere Persönlichkeit. „Bertie“, wie er inner­halb der Familie genannt wurde, war glück­lich ver­hei­ra­tet, hatte zwei Töchter, litt unter Magenproblemen, die ihm die Karriere bei der Marine ver­miest hat­ten, und, weil er seit sei­ner frü­hes­ten Kindheit stot­terte, unter einem recht gerin­gen Selbstbewusstsein. Und hier kommt die Haupthandlung von The King’s Speech ins Spiel, denn wegen die­ses Makels wurde er im Jahr 1936 schon seit zehn Jahren ganz erfolg­reich von dem Australier Lionel Logue behan­delt. Obwohl „Bertie“ sich sehr unvor­be­rei­tet fühlte und bei­spiels­weise dar­über klagte, noch nie in sei­nem Leben Regierungsakten gele­sen zu haben, war seine pro­blem­lose Verfügbarkeit als geeig­ne­ter Thronerbe sicher­lich auch einer der Gründe, warum die Abdankung sei­nes Bruders so flott durch­ge­setzt wer­den konnte.

Trotzdem wurde der uner­war­tete Herrscherwechsel zwar weni­ger in der Öffent­lich­keit, aber jeden­falls doch inner­halb der könig­li­chen Familie als erheb­li­che Krise wahr­ge­nom­men. „Bertie“ sah seine wich­tigste Aufgabe daher nun darin, die Popularität der Monarchie wie­der­her­zu­stel­len. Er kehrte aus die­sem Grund, und weil es vor allem auch sei­ner Persönlichkeit ent­sprach, zum bewähr­ten Stil sei­nes Vaters zurück, was sich nicht nur in der Wahl sei­nes Königsnamens wider­spie­gelte. Als George VI. unter­stützte er zunächst vor­be­halt­los die Appeasement-Politik Neville Chamberlains gegen­über den Nazis, half dann aber, als der Krieg unver­meid­lich gewor­den war, die Moral des bri­ti­schen Volkes auf­recht­zu­er­hal­ten, indem er (mit Lionel Logues Unterstützung) regel­mä­ßige Rundfunkansprachen hielt — vor allem aber auch, indem er sich im von deut­schen Bomben gezeich­ne­ten London den­sel­ben Unannehmlichkeiten und Gefahren aus­setzte wie seine Untertanen, statt sich ins sichere Hinterland oder gar ins Exil abzusetzen.

George VI. regierte bis zu sei­nem Tod im Jahre 1952. Das bri­ti­sche Empire hätte sich wäh­rend des Zweiten Weltkriegs wahr­schein­lich kaum einen bes­se­ren Monarchen als ihn wün­schen kön­nen, aber das unbe­dingte Streben nach Popularität im Volk und die Scheu vor poli­ti­scher Konfrontation, die er ebenso ver­kör­perte wie sein Vater, leg­ten auch das Fundament für die fast voll­stän­dige und bis heute anhal­tende Bedeutungslosigkeit des eng­li­schen Königshauses, das in den letz­ten Jahrzehnten nicht mehr viel mehr dar­zu­stel­len scheint als die Besetzung einer end­lo­sen Seifenoper.

Der Film

The King’s Speech greift sich aus die­sem Sammelsurium his­to­ri­scher Rahmenhandlung ein ver­gleichs­weise unbe­deu­ten­des Detail her­aus: die Beziehung zwi­schen George VI. und sei­nem Sprechtrainer Lionel Logue. Wir beob­ach­ten den Herzog von York dabei, wie sein Versuch, im Jahr 1925 auf einer Großveranstaltung eine Rede zu hal­ten, auf pein­lichste Weise in die Binsen geht; sehen, wie er sei­nen neuen Therapeuten ken­nen­lernt und lang­sam Vertrauen zu ihm gewinnt; wie sich seine Sprechfähigkeit durch Logues unge­wöhn­li­che und teil­weise sehr unkö­nig­li­che Übun­gen lang­sam bes­sert; und schließ­lich ver­fol­gen wir, unter­malt von den Klängen von Beethovens sieb­ter Symphonie, wie er als König über seine Unzulänglichkeit tri­um­phiert und anläss­lich des Kriegsausbruchs eine beein­dru­ckende Radioansprache hält. Das ist auch schon die ganze Handlung, und es ist in jeder Hinsicht beein­dru­ckend, wie Regisseur Tom Hooper es schafft, die Zuschauer mit so wenig Action und einer gan­zen Menge Motivationstrainerdialogen fast zwei Stunden lang aus­ge­zeich­net zu unterhalten.

Der Rückzug ins rein Private erlaubt es dem Film, die bedeu­ten­de­ren geschicht­li­chen Ereignisse in sei­nem Handlungszeitraum als bei­nahe neben­säch­li­ches Hintergrundrauschen abzu­tun. Der Tod George V., die kurze Regierungszeit und die Abdankung Edwards VIII., die zuneh­men­den Spannungen in Europa, die Appeasement-Versuche und zu guter letzt der Krieg — all das kommt vor, aber es dient nur dazu, den dra­ma­ti­schen Druck auf die Hauptfiguren zu erhö­hen. Dementsprechend ist es um die his­to­ri­sche Genauigkeit, allen guten Vorsätzen zum Trotz, dann auch bestellt.

Die rein fak­ti­schen Missgriffe spie­len dabei noch die geringste Rolle. Der Herzog von York hatte es bei­spiels­weise schon 1927, nach nur weni­gen Monaten Therapie, ohne Stottern geschafft, eine Rede zur Eröffnung des aus­tra­li­schen Parlaments zu hal­ten; es ist also nicht sehr wahr­schein­lich, dass ihm noch 1936 die Aussicht auf eine — wenn auch wich­tige — Radioansprache der­art zu schaf­fen gemacht hat. Auch mag die Idee einer Männerfreundschaft zwi­schen George VI. und Lionel Logue nicht ganz falsch sein, aber sie erreichte wohl kaum den Grad der Vertrautheit, den The King’s Speech dar­stellt. Doch das sind Freiheiten, die man sich um des dra­ma­tur­gi­schen Effekts wil­len wahr­schein­lich neh­men muss, und not­falls kann man aus die­ser Perspektive sogar ein­se­hen, warum Winston Churchills Ansichten zu den Heiratswünschen Edwards VIII. dia­me­tral falsch wie­der­ge­ge­ben wer­den: man muss dem Zuschauer ja irgend­wie klar­ma­chen, dass die Politik Druck auf den König aus­übte, und Churchill ist nun mal der Politiker, der heute noch den höchs­ten Wiedererkennungswert hat.

Im Zusammenhang mit der recht ober­fläch­li­chen Darstellung der Abdankungskrise kann man die­sen letz­ten Punkt aber auch pro­ble­ma­ti­scher sehen. Denn dadurch, dass die Gründe für die Untragbarkeit Edwards VIII. fast voll­stän­dig auf Wallis Simpsons Person redu­ziert wer­den, die oben­drein nach allen Stilregeln Hollywoods als unan­sehn­lich und unsym­pa­thisch insze­niert wird, schleicht sich für Eingeweihte ein unan­ge­neh­mer Geschmack von Siegergeschichte ein. Der Weg, den die eng­li­sche Monarchie mit George VI. und Elisabeth II. schließ­lich gegan­gen ist, erscheint hier völ­lig alter­na­tiv­los — eine Ehe mit einer bür­ger­li­chen Amerikanerin war eben inak­zep­ta­bel, und mehr soll dazu nicht zu sagen sein. Dabei hätte es nur weni­ger Zeilen Dialog bedurft, um dar­zu­stel­len, dass hier auch andere Konflikte eine Rolle gespielt haben könn­ten, weil Edward wohl eine ganz andere Form von Königtum vor­schwebte als sei­nem Vater und sei­nem bie­de­ren Bruder.

Man muss The King’s Speech des­we­gen nicht gleich als reak­tio­nä­res „Historienfilmkasperletheater“ abtun, wie die TAZ das in vol­ler repu­bli­ka­ni­scher Inbrunst tut. Es bleibt ein unter­halt­sa­mer, wit­zi­ger, und durch­aus auch ein biss­chen lehr­rei­cher Film; über Edward VIII. erfährt man im deut­schen Geschichtsunterricht schließ­lich auch nicht mehr und muss es für die volle Wahrheit neh­men, und das George VI. ein Stotterer war, hätte ich selbst nach mei­nem lan­gen Studium nicht aus dem Stand gewusst. Aber dass wie­der ein­mal Potenzial ver­schenkt wird, nur um Geschichte mög­lichst sim­pel, ver­ständ­lich und ober­fläch­lich dar­zu­stel­len, ist ein biss­chen trau­rig. Und dass es dafür gleich zwölf Oscarnominierungen gibt ist, wenn man ehr­lich ist, wohl vor allem ein Zeichen für eine recht schwa­che Konkurrenz. Sorry, Social Network.

Fazit

Wer nach The King’s Speech aus dem Kino kommt und sei­nem Eintrittsgeld nach­trau­ert, muss schon einen sehr selt­sa­men Filmgeschmack haben. Normale Menschen kön­nen da nichts falsch machen — nur eine Geschichtsvorlesung auf aka­de­mi­schen Niveau sollte man nicht gerade erwarten.

Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat (2008)

Was war das damals für eine Frechheit! Hollywood wollte den glor­rei­chen deut­schen Widerstand zum Unterhaltungsprodukt machen! Gedenkstätten ent­wei­hen, Originalschauplätze besu­deln, alles durch den Kakao zie­hen, Deutschland vor der gan­zen Welt lächer­lich machen. So jeden­falls habe ich das Gezeter unge­fähr in Erinnerung, das durch den Blätterwald rauschte, als die Produzenten von Operation Walküre in Berlin um Drehgenehmigungen nach­such­ten. Als der pein­li­che Scientologe Tom Cruise sich dann ein paar Monate spä­ter mit dem „Courage-Bambi“ den pein­lichs­ten Medienpreis aller Zeiten abholte und in der Dankesrede pein­li­cher­weise „Es lebe das hei­lige Deutschland!“ sagte, war die Welt eh schon wie­der in Ordnung. Ach ja, und ein gar nicht so pein­li­cher Film ist neben­her auch entstanden.

Die Geschichte

Es ist das Jahr 1944. Seit Monaten trifft sich in der Berliner Wohnung des 1938 aus Protest gegen Hitlers Kriegsplanungen zurück­ge­tre­te­nen Generaloberst Ludwig Beck der natio­nal­kon­ser­va­tive Widerstand – hoch­ran­gige Politiker und Offiziere der Wehrmacht, die Pläne für einen Staatsstreich gegen Hitler schmie­den. Nur wenige echte Demokraten sind dar­un­ter, die aller­meis­ten seh­nen sich zurück in die Zeit und das poli­ti­sche System des Kaiserreichs, und viele sind ehe­ma­lige Anhänger des Nationalsozialismus. Aber sie haben erkannt, dass Hitler den Krieg ver­lie­ren wird, und beschlos­sen, dass er besei­tigt wer­den muss.

Ihre ein­zige rea­lis­ti­sche Hoffnung ist die Wehrmacht. Ihre mili­tä­ri­sches Potenzial ver­spricht die Chance, einen Umsturz erfolg­reich her­bei­zu­füh­ren und die Macht gegen regime­treue Kräfte etwa in der SS zu ver­tei­di­gen. Aber die Soldaten der Wehrmacht haben einen Eid auf Adolf Hitler geschwo­ren; solange der Führer lebt, besteht also wenig Hoffnung, dass gerade die von mili­tä­ri­schem Ehrgefühl getra­ge­nen Offiziere einen Putsch unter­stüt­zen könn­ten. Das erste Ziel der Verschwörer muss also die Beseitigung des Führers sein. Wenn Hitler tot wäre, so war der wei­tere Plan, würde man „front­fremde Parteiführer“ für das Attentat ver­ant­wort­lich machen, das in Deutschland sta­tio­nierte Ersatzheer alar­mie­ren, die Gegner des Umsturzes ver­haf­ten las­sen, eine neue Regierung unter Ludwig Beck als „Reichsverweser“ und pro­vi­so­ri­schem Staatsoberhaupt bil­den und den Krieg end­lich been­den, bevor es zu spät war.

Zentrale Figur des Plans war der junge Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, ein Abkömmling alten schwä­bi­schen Adels, des­sen Begeisterung für Hitler mit den ers­ten Misserfolgen in Russland geschwun­den war und der in Nordafrika ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger der lin­ken ver­lo­ren hatte. Er hatte eine Position in Berlin inne, die ihm die Autorität ver­lieh, das Ersatzheer zu befeh­li­gen, falls der eigent­li­che Befehlshaber Generaloberst Fromm sich nicht auf die Seite des Widerstands schla­gen würde. Und es kris­tal­li­sierte sich her­aus, dass er auch der ideale Mann für die Ausführung des Attentats war, da er Hitler als ein­zi­ger nahe genug kom­men konnte und auch über die nötige Tatkraft ver­fügte. (An letz­te­rem Punkt war bereits ein ande­rer Kandidat gescheitert.)

So kam es zu der stra­te­gisch etwas ungüns­ti­gen Notwendigkeit, dass Stauffenberg am 20. Juli 1944 zunächst eigen­hän­dig Hitler in die Luft spren­gen und dann so schnell wie mög­lich im einige Flugstunden ent­fern­ten Berlin das Kommando über­neh­men sollte. Idealerweise hät­ten seine Mitverschwörer dort schon Teile der Operation ansto­ßen kön­nen, doch nach einem nicht durch­ge­führ­ten Anschlagsversuch einige Tage zuvor muss­ten sie dies­mal vor­sich­tig sein. Sie hat­ten bereits Verdacht auf sich gezogen.

Stauffenberg erreichte das Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen am 20. Juli 1944 mit fast zwei Kilo Sprengstoff und eini­gen Zeitzündern in einer Aktentasche; kurz vor der Lagebesprechung, bei der Hitler ster­ben sollte, wollte er die Zünder ein­set­zen. Da die Besprechung kurz­fris­tig vor­ver­legt wurde, blieb für die­sen nicht ganz unkom­pli­zier­ten Vorgang weni­ger Zeit als erwar­tet, und Stauffenberg wurde oben­drein von einem Unteroffizier dabei gestört. Er konnte nur die Hälfte des Sprengstoffs scharf­ma­chen und ver­säumte es aus bis heute nicht geklär­ten Gründen, die andere Hälfte mit in die Tasche zu legen, die er kurz dar­auf beim Besprechungstisch depo­nierte. Sie wäre auch ohne Zünder ein­fach mit­ex­plo­diert, wodurch mit gro­ßer Sicherheit alle Anwesenden im Raum getö­tet wor­den wären.

Statt des­sen über­lebte Hitler, und mit ihm die meis­ten ande­ren Teilnehmer der Besprechung. Stauffenberg, der Mühe hatte, die in Alarmzustand ver­setzte Wolfsschanze zu ver­las­sen, ahnte davon nichts und lan­dete in Berlin in der Über­zeu­gung, Hitler sei tot. Er lei­tete ganz nach Plan den Staatstreich ein, aber es war zu spät: Kurz nach Beginn der als „Walküre“ bezeich­ne­ten Operation tra­fen Meldungen aus der Wolfsschanze ein, dass Hitler noch am Leben war. Der Wind drehte sich somit rasch gegen die Verschwörer, die schließ­lich am spä­ten Abend in ihrer Zentrale im Berliner Bendlerblock gestellt wur­den. Stauffenberg und drei andere Rädelsführer wur­den noch in der sel­ben Nacht erschos­sen, die meis­ten ande­ren Beteiligten wur­den vor Roland Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.

Der Film

Bei der lan­des­ty­pisch auf­ge­reg­ten Debatte um die Drehgenehmigungen für den Film an den Originalschauplätzen in Berlin stand der dümm­li­che Gedanke im Vordergrund, der Scientologe und ver­mut­lich niveau­lose Amerikaner Tom Cruise könnte das Ansehen des Nationalhelden Stauffenberg in den Schmutz zie­hen. Aber alle, die diese Befürchtung heg­ten, dürf­ten mit Operation Walküre am Ende mehr als glück­lich gewe­sen sein, denn eine Herabwürdigung des natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Widerstands ist sicher­lich das letzte, was man dem Film vor­wer­fen kann.

Auch die his­to­ri­schen Unwahrheiten, die man ihm ange­krei­det hat, sind nicht beson­ders pro­ble­ma­tisch. Der Drehbuchautor ver­wen­det die Legende von der über­ra­schen­den örtli­chen Verlegung der Lagebesprechung vom 20. Juli aus einem mas­si­ven Bunker in eine ein­fa­che Barracke, in der die Sprengwirkung durch die offe­nen Fenster ver­pufft sein soll. Das ist ein Zeichen für schlechte Recherche, denn diese Idee ist seit wenigs­tens 25 Jahren wider­legt, und dra­ma­tur­gisch not­wen­dig ist sie auch nicht. Dass Stauffenberg sich vom Führer per­sön­lich die Unterschrift zu den Putschbefehlen geholt haben soll, ist natür­lich eben­falls eine his­to­ri­sche Fiktion hart an der Grenze zum Blödsinn. Aber im Großen und Ganzen wer­den die Fakten gut dar­ge­stellt, die Geschichte wird packend erzählt, und für die Kleinigkeit, die uns Historikern bis heute Rätsel auf­gibt, hat man eine sehr feine und glaub­hafte Lösung gefun­den: Dass nur ein Kilo Sprengstoff ver­wen­det wurde könnte in der Tat ein­fach auf eine hek­ti­sche Verwechslung der Art zurück­zu­füh­ren sein, wie sie im Film gezeigt wird.

Wenn man die Cruise-Version die­ser deut­schen Heldengeschichte schlecht fin­den möchte, dann fin­det man die Gründe eher darin, dass sie zu sehr Heldengeschichte ist. Der wahre Stauffenberg war schließ­lich nicht nur Widerstandskämpfer, er war auch erz­kon­ser­va­tiv bis zur Rückwärtsgewandtheit, ein Nationalist, ein eli­tä­rer Antidemokrat und wahr­schein­lich, wie die meis­ten sei­ner Standesgenossen, Antisemit. Man muss dem Film die ein­sei­tig posi­tive Darstellung sei­ner Hauptfigur aller­dings nicht unbe­dingt nach­tra­gen, denn er inter­es­siert sich für poli­ti­sche Standpunkte und Beweggründe ein­fach so gut wie gar nicht und behaup­tet daher auch nicht viel Falsches dar­über. Eine rich­tig gute Verfilmung des Stoffes müsste aber der­einst auch diese Aspekte beleuchten.

Und dass diese kleine Unzulänglichkeit von der deut­schen Filmkritik recht oft über­se­hen wor­den ist, ist doch zumin­dest auch inter­es­sant. Nicht wahr?

Fazit

Ein ziem­lich guter Action-Thriller, der sich ein akzep­ta­bles Maß an Freiheit mit dem his­to­ri­schen Stoff gönnt. So infor­ma­tiv wie eine Guido-Knopp-Dokumentation ist Operation Walküre wohl auch. Aber viel unterhaltsamer.

Literatur

  • Hoffmann, Peter: Warum miss­lang das Attentat vom 20. Juli 1944? In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Bd. 32 (1984) Nr. 3, S. 441–461.
  • Winter, P.R.J: British Intelligence and the July Bomb Plot of 1944: A Reappraisal. In: War in History Bd. 13 (2006) Nr. 4, S. 468–494.