1930er

Das Blaue vom Himmel (2011)

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Wenn wir im Kino einer deut­schen Journalistin dabei zuse­hen sol­len, wie sie in Lettland die — natür­lich dunkle — Vergangenheit ihrer Mutter erforscht, dann klingt das noch nicht nach einer direkt abschre­cken­den Handlungszusammenfassung. Da könnte man sich auf eine Art inner­fa­mi­liäre Detektivgeschichte ein­rich­ten, womög­lich ein­ge­bet­tet in ein inter­es­san­tes his­to­ri­sches Umfeld, und bestimmt auf einen ordent­li­chen Schuss Emotionen. Leider will aber Hans Steinbichlers Das Blaue vom Himmel weder detek­ti­visch noch his­to­risch sein, son­dern nur gefüh­lig. Durch die­sen sim­plen Umstand wird er dann zum bis­her größ­ten Langweiler die­ses Kinojahrs.

Rein ober­fläch­lich betrach­tet liegt das natür­lich schon mal daran, dass Steinbichler zu die­sen schreck­lich „ruhi­gen“ und „nach­denk­li­chen“ Kameraeinstellungen greift, mit denen man jedem Zuschauer noch vor dem ers­ten Schnitt ver­mit­teln kann, dass sein eige­nes Leben drau­ßen ver­mut­lich inter­es­san­ter wäre als das, was er sich da jetzt zwei Stunden lang in einem abge­dun­kel­ten Raum erzäh­len las­sen soll. Aber die Probleme lie­gen viel tie­fer, näm­lich mal wie­der dort, wo deut­sche Filme ganz tra­di­tio­nell am meis­ten Probleme haben: im Drehbuch, das in die­sem Fall von Josephine Jahnke und Robert Thayenthal stammt.

Die Figur der demen­ten alten Dame Marga Baumanis, die aus ihrem Altersheim aus­bricht, aller­hand äußerst unsym­pa­thi­schen Unsinn anstellt und dabei wir­res Zeug über ihre Jugend in Lettland redet, ist ja an sich schon schwie­rig, weil sie kaum Ansatzpunkte zur emo­tio­na­len Anteilnahme bie­tet. Das ist jetzt sehr vor­sich­tig aus­ge­drückt, man könnte auch ganz ein­fach sagen: sie nervt. Und damit erzeu­gen Jahnke und Thayenthal gleich das nächste Problem, denn Margas Tochter Sofia ver­ste­hen wir auch nur genau so lang, wie sie ihrer Mutter aus den Weg gehen oder sie mög­lichst schnell wie­der los­wer­den will. Was sie dage­gen dazu bringt, sich über­haupt für das zusam­men­hang­lose Gebrabbel zu inter­es­sie­ren, das ihre Mutter stän­dig von sich gibt, kann man schon schwer nach­voll­zie­hen, und dass sie auf die Idee kommt, zusam­men mit ihr ins kri­sen­ge­schüt­telte Lettland zu fah­ren (wir schrei­ben das Jahr 1991), ist schon hart an der Grenze zum kom­plet­ten Blödsinn.

Man könnte vie­les ver­zei­hen, wenn der Film sich auch nur die geringste Mühe geben würde, ein biss­chen Spannung auf­zu­bauen. Aber da fehlt es schon an der Voraussetzung, denn weder in den Szenen der gegen­wär­ti­gen Handlung noch in den Rückblenden erhal­ten wir irgend einen Hinweis dar­auf, wor­auf wir eigent­lich gespannt sein soll­ten. In Lettland ange­kom­men, sehen wir ein­fach nur ein paar Russen (ganz unpro­ble­ma­tisch) und bekom­men dann von einem (ganz leicht auf­find­ba­ren) älte­ren Herrn ohne wei­tere Umschweife die Lösung des Geheimnisses erzählt. Und nach ein paar wei­te­ren Großaufnahmen emo­tio­nal gebeu­tel­ter Gesichter ist der Film dann mehr oder weni­ger auch schon aus.

Über­haupt, die Großaufnahmen. Es ist ganz offen­sicht­lich dass Steinbichler ganz große Gefühle trans­por­tie­ren will, aber er hätte sich dazu halt lie­ber ein paar Schauspieler suchen sol­len, die so etwas auch drauf­ha­ben. Abgesehen viel­leicht von Hannelore Elsner, die aber als Marga natür­lich nur glaub­wür­dig vor sich hin plap­pern muss, besticht die ganze Truppe näm­lich vor allem durch Talentlosigkeit. Speziell Juliane Köhler scheint aus­schließ­lich auf wei­tes Augenaufreißen und robo­ter­hafte Bewegungen spe­zia­li­siert zu sein, ist aber uner­träg­li­cher­weise am längs­ten und am bild­fül­lends­ten zu sehen. Nicht viel bes­ser ist Karoline Herfurth, die die junge Marga der drei­ßi­ger Jahre spielt, und der man keine Sekunde lang die inten­sive, hoff­nungs­lose Liebe abkauft, die ihre Figur quält, aber ihr kann man wenigs­tens zugute hal­ten, dass der Käse, den ihr das Drehbuch vor­schreibt, halt gar zu groß ist.

Zum his­to­ri­schen Hintergrund ist eigent­lich nur zu sagen, dass er für den Film reich­lich irre­le­vant ist. In den aus­führ­li­chen Rückblicken auf Margas Jugend erfah­ren wir, dass da anfangs noch Deutsche in Lettland sind, dass sie dann alle „heim ins Reich“ müs­sen, und dass dann die Russen kom­men und alle nach Lust und Laune in die GULags abtrans­por­tie­ren. Das ist also nicht ein­mal so tief­grün­dig wie die ori­gi­nal­ge­treuen alten Autos, die der Requisiteur in den 1991er Szenen über­all hat hin­stel­len las­sen, aber man muss dafür fast noch dank­bar sein, weil man sich sonst durch­aus in man­chen Momenten Gedanken dar­über machen könnte, ob da nicht manch­mal ein klei­nes biss­chen nost­al­gi­scher Revanchismus mitschwingt.

Es ist alles ein ganz furcht­ba­rer Rückfall in die schlimms­ten Angewohnheiten des deut­schen Kinos: Erzählerische Ideenlosigkeit bei for­ma­ler Großkotzigkeit und inhalt­li­cher Leere. Dass so etwas über­haupt im Kino gezeigt wird, liegt natür­lich nach wie vor an Steinbichlers inzwi­schen acht Jahre zurück­lie­gen­dem Debüt Hierankl, das damals beim Feuilleton als recht gro­ßer Wurf galt und viel­leicht auch ganz ordent­lich war. Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht gese­hen. Aber mit Einschlafhilfen wie Das Blaue vom Himmel dürfte er sei­nen Kredit, so oder so, recht schnell verspielen.

Mitten im Sturm (2009)

Mitten im Sturm (2009)

Hier haben wir einen Film, der mich ein biss­chen unvor­be­rei­tet erwischt hat. Normalerweise wird man ja mona­te­lang im Voraus mit Trailern zuge­kleis­tert oder liest schon ein hal­bes Jahr vor dem deut­schen Starttermin Verrisse auf ame­ri­ka­ni­schen Webseiten. In die­sem Fall han­delt es sich aber um eine euro­päi­sche Produktion, die schon 2009 unter Zuhilfenahme diver­ser Filmförderprogramme ent­stan­den ist. Normalerweise ist das eher ein schlech­tes Omen für die Qualität eines Films; bei Mitten im Sturm hat die Beteiligung der Kulturbürokraten wohl nur zu schlech­tem Marketing geführt, denn hand­werk­lich ist er auf gutem Niveau, und es gibt Leute, die die­ses Drama um den sta­li­nis­ti­schen Terror in der Sowjetunion der drei­ßi­ger Jahre sogar schon für den Oscar für die beste weib­li­che Hauptrolle auf dem Zettel hatten.

The King’s Speech (2010)

Die Geschichte vom stot­tern­den König George, sei­ner Heilung und sei­nem Triumph vor dem Radiomikrophon ist natür­lich nicht viel mehr als die Verfilmung einer his­to­ri­schen Fußnote, aber sie hat den Segen der Königin von England per­sön­lich, die aller­dings die Tochter der Hauptfigur und selbst eine Nebenfigur des Films, also mög­li­cher­weise nicht ganz objek­tiv ist. Mit zwölf Nominierungen ist The King’s Speech aber auch der unan­ge­foch­tene Favorit für die Oscarverleihung am nächs­ten Wochenende, und obwohl das die Fans des angeb­lich viel inno­va­ti­ve­ren Social Network maß­los ärgert und all­ge­mein als Zeichen für den unheil­ba­ren Konservativismus und die fort­schrei­tende Irrelevanz des Academy Awards gese­hen wird, ist es noch immer kein ganz schlech­ter Indikator für einen brauch­ba­ren Kinoabend.

Die Geschichte

Der Haupttext zur Fußnote, den man braucht, um die Ereignisse in The King’s Speech ein­ord­nen zu kön­nen, könnte in etwa so lau­ten: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die eng­li­sche Monarchie längst auf eine poli­tisch fast bedeu­tungs­lose Rolle zurecht­ge­stutzt wor­den. Der König diente als Symbol staat­li­cher Macht, aber sein Einfluss beschränkte sich dar­auf, fol­gen­lose Gespräche mit sei­nen Premierministern zu füh­ren und die im Parlament beschlos­se­nen Gesetze mit einer hüb­schen Unterschrift zu ver­zie­ren. König George V., seit 1910 auf dem Thron, war für diese Aufgabe wie geschaf­fen. Als zwei­ter Sohn König Edwards VII.war er erst spät auf den ers­ten Platz in der Thronfolge gerutscht; seine Ausbildung hatte im Wesentlichen aus einer Offizierskarriere bei der Royal Navy bestan­den, und in den Jahren vor sei­ner Krönung hatte er das beschau­li­che Leben eines Landadligen geführt und seine Tage mit der Jagd und dem Sammeln von Briefmarken ver­bracht. Dass er sich für Politik nicht inter­es­siert hätte wäre viel­leicht ein zu har­tes Urteil, aber für die ver­win­kel­te­ren Details der Regierungsarbeit fehlte ihm das Verständnis, und so fügte er sich, mal mehr, mal weni­ger wil­lig — aber letzt­lich nicht ohne Über­zeu­gung — in seine reprä­sen­ta­tive Funktion und ließ die Politiker unbehelligt.

Sein ältes­ter Sohn David war dage­gen von einem ganz ande­ren Schlag. Er konnte den zere­mo­ni­el­len Pflichten des Hofes wenig abge­win­nen, äußerte gele­gent­lich poli­ti­sche Ansichten, die weder nach heu­ti­gen noch nach dama­li­gen Standards hun­dert­pro­zen­tig kon­sens­fä­hig waren, bevor­zugte einen aris­to­kra­ti­sche­ren Lebensstil als sein Vater und hatte nicht zuletzt eine Schwäche für etwas zwei­fel­hafte Frauen. Als er Anfang des Jahres 1936 als Edward VIII. den Thron bestieg, führte er schon seit einer gan­zen Weile eine Beziehung mit Wallis Simpson, einer Dame, die nicht nur Amerikanerin und voll­kom­men bür­ger­lich war, son­dern auch bereits ver­hei­ra­tet — und zwar schon zum zwei­ten Mal! Er hatte aus sei­ner Absicht, Mrs. Simpson zu hei­ra­ten, nie ein gro­ßes Geheimnis gemacht, aber weder seine Eltern noch die bri­ti­sche Politik schie­nen die Romanze je ernst genom­men zu haben, wodurch er wohl den Eindruck gewann, spä­tes­tens als König mit die­ser mehr als unstan­des­ge­mä­ßen Ehe durch­kom­men zu können.

Er hatte sich getäuscht. Wie man in jedem mit­tel­mä­ßi­gen Taschenlexikon nach­le­sen kann, durfte Edward VIII. nicht ein­mal ein gan­zes Jahr König von England blei­ben. Am 11. Dezember 1936 musste er auf Druck der Regierung unter Premierminister Stanley Baldwin abdan­ken. Wallis Simpson war der öffent­lich sicht­bare Grund für die­sen Schritt, aber dass sie der ein­zige gewe­sen ist, darf man mit Fug und Recht bezwei­feln. Eine Hochzeit zwi­schen einer geschie­de­nen Frau und dem Oberhaupt der angli­ka­ni­schen Kirche, die trotz ihrer Entstehung aus den Affären Heinrichs VIII. vier­hun­dert Jahre zuvor Ehescheidungen noch immer nicht aner­kannte, wäre auf einer gewis­sen theo­re­ti­schen Ebene zwar sicher­lich pro­ble­ma­tisch gewe­sen, aber weder in der Öffent­lich­keit noch unter Politikern bestand 1936 voll­kom­mene Einigkeit dar­über, dass man dem König vor­schrei­ben konnte, wen er hei­ra­ten durfte und wen nicht. Gesetzliche Regelungen gab es für so einen Fall nicht, und nicht wenige ver­tra­ten die Ansicht, seine Heiratswünsche seien schlicht Edwards Privatangelegenheit. Der pro­mi­nen­teste Vertreter die­ser Fraktion war kein gerin­ge­rer als Winston Churchill.

Man darf daher ohne Weiteres ver­mu­ten, dass eine weni­ger kan­tige Persönlichkeit als Edward VIII. die Krone hätte behal­ten kön­nen — Amerikanerin hin, Scheidung her — und dass der mei­nungs­starke König, der für die arbeits­lose Unterschicht ebenso Sympathien hegte wie für die deut­sche Naziregierung, ein­fach nur zu vie­len eta­blier­ten Politikern ein Dorn im Auge war. Wie dem auch gewe­sen sein mochte, fest stand: dass Empire brauchte einen neuen König.

Der nächste in der Thronfolge war Albert, Herzog von York, der Bruder Edwards VIII. und eine wesent­lich sim­plere Persönlichkeit. „Bertie“, wie er inner­halb der Familie genannt wurde, war glück­lich ver­hei­ra­tet, hatte zwei Töchter, litt unter Magenproblemen, die ihm die Karriere bei der Marine ver­miest hat­ten, und, weil er seit sei­ner frü­hes­ten Kindheit stot­terte, unter einem recht gerin­gen Selbstbewusstsein. Und hier kommt die Haupthandlung von The King’s Speech ins Spiel, denn wegen die­ses Makels wurde er im Jahr 1936 schon seit zehn Jahren ganz erfolg­reich von dem Australier Lionel Logue behan­delt. Obwohl „Bertie“ sich sehr unvor­be­rei­tet fühlte und bei­spiels­weise dar­über klagte, noch nie in sei­nem Leben Regierungsakten gele­sen zu haben, war seine pro­blem­lose Verfügbarkeit als geeig­ne­ter Thronerbe sicher­lich auch einer der Gründe, warum die Abdankung sei­nes Bruders so flott durch­ge­setzt wer­den konnte.

Trotzdem wurde der uner­war­tete Herrscherwechsel zwar weni­ger in der Öffent­lich­keit, aber jeden­falls doch inner­halb der könig­li­chen Familie als erheb­li­che Krise wahr­ge­nom­men. „Bertie“ sah seine wich­tigste Aufgabe daher nun darin, die Popularität der Monarchie wie­der­her­zu­stel­len. Er kehrte aus die­sem Grund, und weil es vor allem auch sei­ner Persönlichkeit ent­sprach, zum bewähr­ten Stil sei­nes Vaters zurück, was sich nicht nur in der Wahl sei­nes Königsnamens wider­spie­gelte. Als George VI. unter­stützte er zunächst vor­be­halt­los die Appeasement-Politik Neville Chamberlains gegen­über den Nazis, half dann aber, als der Krieg unver­meid­lich gewor­den war, die Moral des bri­ti­schen Volkes auf­recht­zu­er­hal­ten, indem er (mit Lionel Logues Unterstützung) regel­mä­ßige Rundfunkansprachen hielt — vor allem aber auch, indem er sich im von deut­schen Bomben gezeich­ne­ten London den­sel­ben Unannehmlichkeiten und Gefahren aus­setzte wie seine Untertanen, statt sich ins sichere Hinterland oder gar ins Exil abzusetzen.

George VI. regierte bis zu sei­nem Tod im Jahre 1952. Das bri­ti­sche Empire hätte sich wäh­rend des Zweiten Weltkriegs wahr­schein­lich kaum einen bes­se­ren Monarchen als ihn wün­schen kön­nen, aber das unbe­dingte Streben nach Popularität im Volk und die Scheu vor poli­ti­scher Konfrontation, die er ebenso ver­kör­perte wie sein Vater, leg­ten auch das Fundament für die fast voll­stän­dige und bis heute anhal­tende Bedeutungslosigkeit des eng­li­schen Königshauses, das in den letz­ten Jahrzehnten nicht mehr viel mehr dar­zu­stel­len scheint als die Besetzung einer end­lo­sen Seifenoper.

Der Film

The King’s Speech greift sich aus die­sem Sammelsurium his­to­ri­scher Rahmenhandlung ein ver­gleichs­weise unbe­deu­ten­des Detail her­aus: die Beziehung zwi­schen George VI. und sei­nem Sprechtrainer Lionel Logue. Wir beob­ach­ten den Herzog von York dabei, wie sein Versuch, im Jahr 1925 auf einer Großveranstaltung eine Rede zu hal­ten, auf pein­lichste Weise in die Binsen geht; sehen, wie er sei­nen neuen Therapeuten ken­nen­lernt und lang­sam Vertrauen zu ihm gewinnt; wie sich seine Sprechfähigkeit durch Logues unge­wöhn­li­che und teil­weise sehr unkö­nig­li­che Übun­gen lang­sam bes­sert; und schließ­lich ver­fol­gen wir, unter­malt von den Klängen von Beethovens sieb­ter Symphonie, wie er als König über seine Unzulänglichkeit tri­um­phiert und anläss­lich des Kriegsausbruchs eine beein­dru­ckende Radioansprache hält. Das ist auch schon die ganze Handlung, und es ist in jeder Hinsicht beein­dru­ckend, wie Regisseur Tom Hooper es schafft, die Zuschauer mit so wenig Action und einer gan­zen Menge Motivationstrainerdialogen fast zwei Stunden lang aus­ge­zeich­net zu unterhalten.

Der Rückzug ins rein Private erlaubt es dem Film, die bedeu­ten­de­ren geschicht­li­chen Ereignisse in sei­nem Handlungszeitraum als bei­nahe neben­säch­li­ches Hintergrundrauschen abzu­tun. Der Tod George V., die kurze Regierungszeit und die Abdankung Edwards VIII., die zuneh­men­den Spannungen in Europa, die Appeasement-Versuche und zu guter letzt der Krieg — all das kommt vor, aber es dient nur dazu, den dra­ma­ti­schen Druck auf die Hauptfiguren zu erhö­hen. Dementsprechend ist es um die his­to­ri­sche Genauigkeit, allen guten Vorsätzen zum Trotz, dann auch bestellt.

Die rein fak­ti­schen Missgriffe spie­len dabei noch die geringste Rolle. Der Herzog von York hatte es bei­spiels­weise schon 1927, nach nur weni­gen Monaten Therapie, ohne Stottern geschafft, eine Rede zur Eröffnung des aus­tra­li­schen Parlaments zu hal­ten; es ist also nicht sehr wahr­schein­lich, dass ihm noch 1936 die Aussicht auf eine — wenn auch wich­tige — Radioansprache der­art zu schaf­fen gemacht hat. Auch mag die Idee einer Männerfreundschaft zwi­schen George VI. und Lionel Logue nicht ganz falsch sein, aber sie erreichte wohl kaum den Grad der Vertrautheit, den The King’s Speech dar­stellt. Doch das sind Freiheiten, die man sich um des dra­ma­tur­gi­schen Effekts wil­len wahr­schein­lich neh­men muss, und not­falls kann man aus die­ser Perspektive sogar ein­se­hen, warum Winston Churchills Ansichten zu den Heiratswünschen Edwards VIII. dia­me­tral falsch wie­der­ge­ge­ben wer­den: man muss dem Zuschauer ja irgend­wie klar­ma­chen, dass die Politik Druck auf den König aus­übte, und Churchill ist nun mal der Politiker, der heute noch den höchs­ten Wiedererkennungswert hat.

Im Zusammenhang mit der recht ober­fläch­li­chen Darstellung der Abdankungskrise kann man die­sen letz­ten Punkt aber auch pro­ble­ma­ti­scher sehen. Denn dadurch, dass die Gründe für die Untragbarkeit Edwards VIII. fast voll­stän­dig auf Wallis Simpsons Person redu­ziert wer­den, die oben­drein nach allen Stilregeln Hollywoods als unan­sehn­lich und unsym­pa­thisch insze­niert wird, schleicht sich für Eingeweihte ein unan­ge­neh­mer Geschmack von Siegergeschichte ein. Der Weg, den die eng­li­sche Monarchie mit George VI. und Elisabeth II. schließ­lich gegan­gen ist, erscheint hier völ­lig alter­na­tiv­los — eine Ehe mit einer bür­ger­li­chen Amerikanerin war eben inak­zep­ta­bel, und mehr soll dazu nicht zu sagen sein. Dabei hätte es nur weni­ger Zeilen Dialog bedurft, um dar­zu­stel­len, dass hier auch andere Konflikte eine Rolle gespielt haben könn­ten, weil Edward wohl eine ganz andere Form von Königtum vor­schwebte als sei­nem Vater und sei­nem bie­de­ren Bruder.

Man muss The King’s Speech des­we­gen nicht gleich als reak­tio­nä­res „Historienfilmkasperletheater“ abtun, wie die TAZ das in vol­ler repu­bli­ka­ni­scher Inbrunst tut. Es bleibt ein unter­halt­sa­mer, wit­zi­ger, und durch­aus auch ein biss­chen lehr­rei­cher Film; über Edward VIII. erfährt man im deut­schen Geschichtsunterricht schließ­lich auch nicht mehr und muss es für die volle Wahrheit neh­men, und das George VI. ein Stotterer war, hätte ich selbst nach mei­nem lan­gen Studium nicht aus dem Stand gewusst. Aber dass wie­der ein­mal Potenzial ver­schenkt wird, nur um Geschichte mög­lichst sim­pel, ver­ständ­lich und ober­fläch­lich dar­zu­stel­len, ist ein biss­chen trau­rig. Und dass es dafür gleich zwölf Oscarnominierungen gibt ist, wenn man ehr­lich ist, wohl vor allem ein Zeichen für eine recht schwa­che Konkurrenz. Sorry, Social Network.

Fazit

Wer nach The King’s Speech aus dem Kino kommt und sei­nem Eintrittsgeld nach­trau­ert, muss schon einen sehr selt­sa­men Filmgeschmack haben. Normale Menschen kön­nen da nichts falsch machen — nur eine Geschichtsvorlesung auf aka­de­mi­schen Niveau sollte man nicht gerade erwarten.