1910er

Tabu — Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden (2011)

Tabu — Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden (2011)

Ach ja, diese Künstler. Verrückt müs­sen sie sein, Melancholiker, Outcasts und am bes­ten Junkies, nur dann kön­nen sie Großes schaf­fen! Dieses Klischee mag in Wirklichkeit nur für wenige gel­ten, aber wenn es auf einen sicher zutrifft, dann auf den öster­rei­chi­schen Lyriker Georg Trakl, des­sen dunkle, sym­bol­hafte und oft schwer zugäng­li­che Zeilen wohl kaum ent­stan­den wäre, wenn er ein bra­ver Apotheker gewor­den wäre, so wie seine Eltern sich das gewünscht hatten

There Will Be Blood (2009)

There Will Be Blood (2009)

Als Amerika gerade begann, sei­nen dumpf­ba­cki­gen texa­ni­schen Präsidenten und geschei­ter­ten Ölma­gna­ten end­gül­tig satt zu haben, erschien 2007 There Will Be Blood auf den Leinwänden:  ein gro­ßes Epos über die Frühzeit der Ölin­dus­trie, in dem ein Unternehmer lang­sam an sei­ner eige­nen Gier zer­bricht. Der gut getrof­fene Zeitpunkt mag hilf­reich gewe­sen sein, um das Interesse des Publikums zu wecken, aber ein Film, den die Kritik mit Citizen Kane ver­gli­chen hat und den die Academy mit zwei Oscars und sechs wei­te­ren Nominierungen ehrte, hätte sich die­sen zeit­li­chen Zufall wohl gar nicht gebraucht…

Poll (2010)

Schon wie­der spürt ein deut­scher Filmemacher sei­nen Wurzeln nach. Diesmal geht es ein Jahrhundert in der Zeit zurück und an die Ostsee, wo eine deut­sche Oberschicht im rus­si­schen Zarenreich über Estland herrschte. Dort lebte im Jahr 1914 die Großtante des Regisseurs Chris Kraus, ein jun­ges Mädchen namens Oda Schaefer, das spä­ter Schriftstellerin und dank ihrer kom­mu­nis­ti­schen Einstellung das schwarze Schaf der Familie wurde. Oda muss nach dem Tod ihrer Mutter von Berlin an die est­ni­sche Ostseeküste umsie­deln, und sie erlebt dort, wie ein Zeitalter zu Ende geht, das ein Relikt des Mittelalters ist.

Die Geschichte

Die Handlung von Poll erzählt uns nicht viel über his­to­ri­sche Ereignisse im enge­ren Sinn. Interessant ist aber die Entstehung die­ser ster­ben­den Welt an der Ostsee, die uns prä­sen­tiert wird. Um das zu erklä­ren, muss man ein biss­chen ausholen…

Das Baltikum war im Hochmittelalter eine der letz­ten nicht chris­tia­ni­sier­ten Gegenden Europas und damit ein idea­les Betätigungsfeld für „arbeits­lose“ Kreuzritter, die in den zuneh­mend unter Druck gera­ten­den Kreuzfahrerstaaten im hei­li­gen Land keine Zukunft für sich sahen. Dabei tat sich beson­ders der Deutschritterorden her­vor, der schon sehr früh das Ziel ver­folgt zu haben scheint, nicht mehr nur für andere Fürsten zu kämp­fen, son­dern sich ein eige­nes zusam­men­hän­gen­des Staatsgebiet zu orga­ni­sie­ren – am liebs­ten im hei­li­gen Land, aber wenn’s anders nicht ging auch gerne über­all sonst. Die Ordensritter ver­such­ten es in Siebenbürgen, wur­den vom unga­ri­schen König auf­grund ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen wie­der ver­trie­ben, und schaff­ten es schließ­lich, im heu­ti­gen Norden Polens Fuß zu fas­sen. Herzog Konrad von Masowien hatte sie geru­fen, damit sie ihm im Kampf gegen die heid­ni­schen Prußen halfen.

Die ganz große Zeit der west­eu­ro­päi­schen Panzerreiter mochte sich im nahen Osten des drei­zehn­ten Jahrhunderts schon lang­sam ihrem Ende zunei­gen, aber für die schwach gerüs­te­ten Ureinwohner des Baltikums stell­ten sie noch immer eine unüber­wind­li­che Militärmacht dar. Es gab Rückschläge, Aufstände und Konflikte mit christ­li­chen Nachbarstaaten, aber bis zum Ende des 14. Jahrhunderts schaffte es der Deutsche Orden, das gesamte Baltikum bis hin­auf ins heu­tige Estland zu unter­wer­fen. Um die Macht nach­hal­tig zu sichern, ging dabei mit dem mili­tä­ri­schen Kampf immer auch eine Besiedlungspolitik ein­her. So eta­blierte man eine treue und gut christ­li­che deut­sche Oberschicht im Land.

Als eige­ner Staat bestan­den die Eroberungen des Deutschen Ordens bis 1466; danach wech­sel­ten die offi­zi­el­len Besitzverhältnisse über die Jahrhunderte zwi­schen Polen, Schweden und Russland hin und her, aber die Tatsache, dass die lokale Herrschaft bei den Deutschbalten lag, wurde weder von der Reformation noch von wech­seln­den Staatszugehörigkeiten noch von einem Krieg aus der Welt geschafft. Das Zarenreich des 19. Jahrhunderts ver­folgte eine Russifizierungspolitik, die auch die Vorrechte der Deutschen ein­schränkte, aber der Grundbesitz und die finan­zi­elle Macht blie­ben den Nachfahren der mit­tel­al­ter­li­chen Siedler bis ins 20. Jahrhundert ebenso erhal­ten wie die deut­sche Muttersprache.

Das Ende die­ser sie­ben­hun­dert­jäh­ri­gen Dominanz brachte erst der erste Weltkrieg. Das junge revo­lu­tio­näre Russland erwies sich als nicht stark genug, um das Baltikum zu hal­ten, und die natio­na­len Bewegungen der Esten, Letten und Litauer erkämpf­ten Anfang der 1920er die Unabhängigkeit ihrer Staaten. Die Deutschen durf­ten im Land blei­ben, aber sie musste im Rahmen einer Landreform einen Großteil ihrer Besitzungen abgeben.

Endgültig ging die Geschichte der Deutschen in Estland erst zu Beginn des zwei­ten Weltkriegs zu Ende. Nachdem Hitler und Stalin ganz Ostmitteleuropa ver­trag­lich unter sich auf­ge­teilt hat­ten und das Baltikum in die sowje­ti­sche Einflußsphäre gefal­len war, wur­den die meis­ten Deutschbalten eva­ku­iert und „heim“ ins Nazireich geholt.

Der Film

Große Ereignisse wie die Ermordung des öster­rei­chi­schen Thronfolgers in Sarajevo wer­den in Poll bes­ten­falls in Nebensätzen erwähnt. Die his­to­ri­schen Fakten, die wir zu Gesicht bekom­men, betref­fen vor allem das täg­li­che Leben auf einem deut­schen Gut in Estland und die Mentalität sei­ner Bewohner. Es ist recht schwie­rig, sich ein Bild dar­über zu machen, wie akku­rat sol­che Darstellungen sind; Alltagsgeschichte im eigent­li­chen Sinn des Worts ist nicht gerade die pro­duk­tivste Spezialdisziplin der Geschichtswissenschaft, und selbst, wenn sie es wäre, wür­den wohl die meis­ten ange­sichts der schie­ren Fülle lang­wei­li­ger Einzelheiten, die man da für jede Epoche und Region zu durch­fors­ten hätte, erschöpft kapitulieren.

Man muss in die­ser Hinsicht also im Wesentlichen dem Filmemacher ver­trauen. Die Äuße­run­gen von Chris Kraus zum Thema his­to­ri­scher Genauigkeit stim­men hier opti­mis­tisch, auch wenn sie nichts Handfestes ver­spre­chen: Er habe „sub­jek­tive Genauigkeit“ ange­strebt, sagt er, davon aber mög­lichst viel. Dass seine Schauspieler den aus­ge­stor­be­nen bal­ti­schen Dialekt der Zeit ler­nen muss­ten, ist das sicht­barste Beispiel für die Akribie, mit der das Team von Poll vor­ge­gan­gen ist.

Müsste ich mit Gewalt einen Kritikpunkt fin­den, würde ich am ehes­ten sagen: Der Film neigt im Vergleich zu mei­nem eige­nen his­to­ri­schen Urteil ein biss­chen zu sehr dazu, die Deutschen als arro­gante, ten­den­zi­ell ras­sis­ti­sche Oberschicht und die Esten als unter­drück­tes Volk zu sti­li­sie­ren. Dass es min­des­tens seit dem 19. Jahrhundert durch­aus auch gebil­dete und wohl­ha­bende Esten gab, erfährt man in Poll nicht. Aber zu for­dern, dass ein Spielfilm eine aus jeder Perspektive aus­ge­wo­gene und unpar­tei­ische Darstellung lie­fern sollte, wäre natür­lich glat­ter Unsinn. Wenn sie in der Erzählung kei­nen Platz haben, muss man nicht alle Fakten illustrieren.

Wenn Poll his­to­risch zwar nicht direkt hoch­gra­dig rele­vant, aber glaub­wür­dig ist, bleibt nur noch die Frage, wie gut der Film als Unterhaltungsprodukt ist. Abgesehen von der Leistung von Paula Beer in der Hauptrolle, der ver­mut­lich und hof­fent­lich eine große Zukunft auf der Leinwand bevor­steht, zei­gen sich in die­sem Bereich lei­der die größ­ten Schwächen. Offiziell han­delt es sich ja um eine „wahre Geschichte“ aus der Jugend einer ehe­mals erfolg­rei­chen, heute aber völ­lig unbe­kann­ten Schriftstellerin, aber natür­lich ist der wesent­li­che Kern des Plots, die Romanze der vier­zehn­jäh­ri­gen Hauptperson Oda mit dem est­ni­schen Anarchisten „Schnaps“, den sie auf dem Gutshof ihrer Familie vor den Russen ver­steckt, ganz frei erfun­den. Wenn sich ein Autor schon eine sol­che Freiheit nimmt, wäre zu eigent­lich erwar­ten, dass er sich etwas aus­denkt, was span­nend und ergrei­fend ist; aber lei­der schafft es die Handlung nur gele­gent­lich, die Zuschauer bei der Stange zu halten.

Im Kino ist das kein allzu gro­ßes Problem, weil man mit wirk­lich monu­men­ta­len Bildern ent­schä­digt wird, wie man sie in deut­schen Produktionen sel­ten zu Gesicht bekommt. Wer aber zuhause nur einen Fernseher mit weni­ger als ein­ein­halb Meter Bilddiagonale hat, sollte eher nicht auf die TV-Premiere warten.

Fazit

Poll ist ver­mut­lich eine gute all­tags­his­to­ri­sche Darstellung deutsch­bal­ti­schen Lebens zu Anfang des 20. Jahrhunderts, auch wenn das schwer zu beur­tei­len ist. Wer kein gro­ßes Interesse für die­ses spe­zi­elle Thema mit­bringt, muss den Film aber nicht unbe­dingt gese­hen haben.

Coco Chanel & Igor Stravinsky (2009)

Mit Igor Strawinski quält man heute Schulkinder, wenn man ihnen bei­brin­gen will, wie sich moderne Orchestermusik anhört, und jede Modedesignstudentin träumt davon, so erfolg­reich wie Gabrielle „Coco“ Chanel zu sein. Es han­delt sich zwei­fel­los um zwei der ein­fluss­reichs­ten Gestalten des 20. Jahrhunderts, und wenn sol­che Leute auch noch was mit­ein­an­der gehabt haben, dann ver­steht es sich fast von selbst, dass man dar­über einen Film dre­hen muss.

Nun ist das Problem an Liebesabenteuern, ins­be­son­dere mit ver­hei­ra­te­ten Männern, und ins­be­son­dere wenn Ehemann, Ehefrau und Geliebte auch noch unter einem Dach woh­nen, dass für gewöhn­lich nicht viel nach außen dringt. Man weiß, dass Strawinski mit­samt sei­ner Familie im Jahr 1920 für eine Weile in Chanels Landhaus gelebt hat, aber schon ob es über­haupt eine Affärre gege­ben hat, bleibt umstrit­ten. Coco hat in spä­te­ren Jahren davon berich­tet, Zeitzeugen haben ihre Darstellung in Zweifel gezo­gen, und die Firma Chanel hält alle Berichte dar­über offi­zi­ell für fik­tio­nal, was sie aber nicht davon abge­hal­ten hat, die Produktion von Coco Chanel & Igor Stravinsky ebenso offi­zi­ell zu unterstützen.

Was man in Jan Kounens Film sieht, ist also mehr oder weni­ger frei erfun­den. Ein paar Faktoide die­nen der Wiedererkennung: die noto­ri­sche Premiere des Balletts Le sacre du prin­temps in Paris, die in einen Tumult aus­ar­tete, weil das Publikum mit Strawinskis moder­ner Komposition nichts anfan­gen konnte; die Entwicklung von Chanel No. 5, die tat­säch­lich zu jener Zeit statt­fand; die Tuberkuloseerkrankung von Strawinskis Frau. Biographischen Wert hat das alles nicht, es ste­hen die ani­ma­li­schen Emotionen der Hauptpersonen im Vordergrund. Deren Persönlichkeitszeichnung folgt zwar grob den jewei­li­gen Über­lie­fe­run­gen, aber im Wesentlichen wir­ken sie durch­aus aus­tausch­bar — scham­lose Verführerinnen und in Liebe erglü­hende Männer, die schließ­lich kalt abge­wie­sen wer­den, hat die Kinogeschichte nun wirk­lich schon ein paar vorzuweisen.

Letztlich bleibt von Coco Chanel & Igor Stravinsky wenig im Gedächtnis. Es ist ein ordent­li­cher Film, der Freunden des geho­be­nen roman­ti­schen Genres knapp zwei Stunden gute Unterhaltung beschert, mit über­zeu­gen­den (und ihren Rollenvorbildern äußer­lich sehr ähnli­chen) Schauspielern und natür­lich mit groß­ar­ti­ger musi­ka­li­scher Untermalung aus dem boden­stän­di­ge­ren Repertoire Strawinskis. Viel mehr darf man aber nicht erwarten.