Sommer in Orange (2011)

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Jetzt wird Marcus H. Rosenmüller also, zum Beispiel vom Bayerischen Rundfunk, schon ganz scham­los als „Kultregisseur“ titu­liert. Ob das auf die Dauer gut für seine Karriere ist, steht zu bezwei­feln, denn so eine Bezeichnung bekommt man vor allem dann leicht ver­passt, wenn man sich auf ein recht enges künst­le­ri­sches Spektrum beschränkt und dadurch regel­mä­ßig die Erwartungen sei­nes Publikums erfüllt. Es ist aber doch zu befürch­ten, dass die Leute irgend­wann viel­leicht keine leich­ten baye­ri­schen Heimatkomödien mehr sehen wollen…

Sommer in Orange ist ein ganz glän­zen­des Beispiel für sei­nen Stil und die damit ver­bun­de­nen Probleme. Es geht um Neo-Sannyasins, im bür­ger­li­chen Sprachgebrauch gewöhn­lich „Bhagwan-Jünger“ genannt, die Anfang der 1980er in der baye­ri­schen Provinz ein Therapiezentrum eröff­nen und unver­meid­lich mit den kon­ser­va­ti­ven Dorfbewohnern anein­an­der­ge­ra­ten. Die Drehbuchautorin Ursula Gruber ist selbst unter Sannyasins auf­ge­wach­sen, aber nicht nur des­we­gen kann man so ein Setting durch­aus als his­to­ri­sches Faktum neh­men. Es gab damals einige die­ser Kommunen in Bayern, deren Nachbarn noch heute wilde Geschichten zu erzäh­len wis­sen — und der baye­ri­sche Religionsunterricht kannte noch bis in die Neunziger kein wich­ti­ge­res Thema als die Warnung vor gefähr­li­chen „Psychosekten“, die angeb­lich nur hin­ter dem Geld ihrer Anhänger her waren.

Tatsächlich war die Bewegung um „Bhagwan“ Shree Rajneesh aber ziem­lich harm­los. Dieser indi­sche Guru hatte es im Widerspruch zu sei­nem nega­ti­ven Image als gewis­sen­lo­ser Verführer nie dar­auf ange­legt, eine welt­weite Anhängerschaft hin­ter sich zu ver­sam­meln. Er pre­digte seine eklek­ti­zis­ti­schen Lehren noch auf Hindi, als die ers­ten Europäer und Amerikaner längst wie­der in die Heimat zurück­ge­kehrt waren, um sie wei­ter­zu­ver­brei­ten, und was er so von sich gab, hatte aus heu­ti­ger Sicht etwa so viel Skandalpotenzial wie das Esoterikregal einer durch­schnitt­li­chen Bahnhofsbuchhandlung. Im west­li­chen Kulturkreis war er nicht des­halb erfolg­reich, weil sein Glaubenssystem so exo­tisch und umstürz­le­risch gewe­sen wäre, son­dern weil es die anstren­gen­den Aspekte sei­nes hin­du­is­ti­schen Fundaments im Gegenteil eher aus­blen­dete. „Bhagwan“ ver­langte keine aske­ti­schen Praktiken, stand dem Kapitalismus und dem tech­ni­schen Fortschritt aus­drück­lich posi­tiv gegen­über und lie­ferte dazu noch eine geistig-moralische Unterfütterung für die Erosion der über­kom­me­nen Sexualmoral, die sicher alles andere als ein fern­öst­li­ches Phänomen war. Der Westen, mit sei­ner Über­fluss­ge­sell­schaft und der schö­nen neuen Idee von der freien Liebe, hatte auf so eine Ideologie nur gewar­tet, wäh­rend sie ihrem Erfinder im tra­di­ti­ons­ver­haf­te­ten Indien poli­ti­sche Schwierigkeiten ein­brach­ten, gegen die ein paar baye­ri­sche Dorfbürgermeister der reinste Kindergeburtstag sind.

Die über­trie­be­nen Reaktionen der anstän­di­gen Deutschen auf diese in ers­ter Linie naive und fast ein biss­chen lie­bens­werte Sekte wären eigent­lich ein durch­aus ernst­zu­neh­men­des Thema. Das heißt natür­lich nicht, dass man gleich einen ernsthaf­ten Film dar­aus machen müsste, aber wie es bei Rosenmüller halt so ist, ist nicht ein­mal ein halb­her­zi­ger Versuch von Vielschichtigkeit zu erken­nen. Seine baye­ri­schen Dorfbewohner sind Comicfiguren, wie man sie in der Seppl-Vorurteilskiste jedes x-beliebigen Norddeutschen fin­det, und die Bhagwan-Jünger kom­men nicht viel bes­ser weg. Als Hauptfiguren müs­sen sie zwar ein biss­chen nach­sich­ti­ger behan­delt wer­den, aber wenn man kurz dar­über medi­tiert, was da eigent­lich vor sich geht, dann erscheint auch wie­der alles platt wie die Münchner Schotterebene: Die freie Liebe schei­tert bei der ers­ten Gelegenheit an Eifersuchtsanfällen, die Rituale kom­men voll­kom­men leer und lächer­lich daher, der große Guru hat es nur auf die blonde Frau abge­se­hen, und die armen Kinderchen lei­den ganz schreck­lich unter ihrem erzwun­ge­nen Anderssein.

Natürlich muss das im Großen und Ganzen so sein, weil die über­zeich­ne­ten Figuren oft die ein­zige Quelle der Komik sind — auch so ein typi­scher Rosenmüller-Effekt, dass man Wortwitz, Pointen und sogar ganz bil­li­gen Slapstick fast ver­geb­lich sucht, aber die male­ri­sche Schlichtheit der ober­baye­ri­schen Ureinwohner immer wie­der für einen Schenkelklopfer her­hal­ten darf.

Bei alle­dem bleibt trotz­dem fest­zu­stel­len, dass Sommer in Orange dann doch zum wie­der­hol­ten Male ein ganz net­ter und amü­san­ter Film gewor­den ist. Petra Schmidt-Schaller und Amber Bongard spie­len ihre Hauptrollen sou­ve­rän, der Rest der Besetzung kommt zumin­dest mit der Klischeehaftigkeit sei­ner Parts ganz gut klar, Ausstattung, Kamera, Musik und was man sonst so alles braucht sind pro­fes­sio­nell unauf­fäl­lig, und Rosenmüller selbst mag viel­leicht nicht gerade der Alleroriginellste und Allersubtilste unter dem blau-weißen Himmel sein, aber das, was er da macht, beherrscht er jeden­falls per­fekt. Seine Werke strah­len jedes­mal wie­der einen Charme aus, der einen dazu bringt, die gan­zen Flachheiten bequem zu verdrängen.

Höchstwahrscheinlich wird sich sein „Kultregisseur“-Stil irgend­wann abnut­zen, aber die­ser Tag ist noch nicht gekom­men. Und, ehr­lich gesagt, von mir aus kann er dann doch auch gerne noch eine Weile so wei­ter machen.