Das Blaue vom Himmel (2011)

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Wenn wir im Kino einer deut­schen Journalistin dabei zuse­hen sol­len, wie sie in Lettland die — natür­lich dunkle — Vergangenheit ihrer Mutter erforscht, dann klingt das noch nicht nach einer direkt abschre­cken­den Handlungszusammenfassung. Da könnte man sich auf eine Art inner­fa­mi­liäre Detektivgeschichte ein­rich­ten, womög­lich ein­ge­bet­tet in ein inter­es­san­tes his­to­ri­sches Umfeld, und bestimmt auf einen ordent­li­chen Schuss Emotionen. Leider will aber Hans Steinbichlers Das Blaue vom Himmel weder detek­ti­visch noch his­to­risch sein, son­dern nur gefüh­lig. Durch die­sen sim­plen Umstand wird er dann zum bis­her größ­ten Langweiler die­ses Kinojahrs.

Rein ober­fläch­lich betrach­tet liegt das natür­lich schon mal daran, dass Steinbichler zu die­sen schreck­lich „ruhi­gen“ und „nach­denk­li­chen“ Kameraeinstellungen greift, mit denen man jedem Zuschauer noch vor dem ers­ten Schnitt ver­mit­teln kann, dass sein eige­nes Leben drau­ßen ver­mut­lich inter­es­san­ter wäre als das, was er sich da jetzt zwei Stunden lang in einem abge­dun­kel­ten Raum erzäh­len las­sen soll. Aber die Probleme lie­gen viel tie­fer, näm­lich mal wie­der dort, wo deut­sche Filme ganz tra­di­tio­nell am meis­ten Probleme haben: im Drehbuch, das in die­sem Fall von Josephine Jahnke und Robert Thayenthal stammt.

Die Figur der demen­ten alten Dame Marga Baumanis, die aus ihrem Altersheim aus­bricht, aller­hand äußerst unsym­pa­thi­schen Unsinn anstellt und dabei wir­res Zeug über ihre Jugend in Lettland redet, ist ja an sich schon schwie­rig, weil sie kaum Ansatzpunkte zur emo­tio­na­len Anteilnahme bie­tet. Das ist jetzt sehr vor­sich­tig aus­ge­drückt, man könnte auch ganz ein­fach sagen: sie nervt. Und damit erzeu­gen Jahnke und Thayenthal gleich das nächste Problem, denn Margas Tochter Sofia ver­ste­hen wir auch nur genau so lang, wie sie ihrer Mutter aus den Weg gehen oder sie mög­lichst schnell wie­der los­wer­den will. Was sie dage­gen dazu bringt, sich über­haupt für das zusam­men­hang­lose Gebrabbel zu inter­es­sie­ren, das ihre Mutter stän­dig von sich gibt, kann man schon schwer nach­voll­zie­hen, und dass sie auf die Idee kommt, zusam­men mit ihr ins kri­sen­ge­schüt­telte Lettland zu fah­ren (wir schrei­ben das Jahr 1991), ist schon hart an der Grenze zum kom­plet­ten Blödsinn.

Man könnte vie­les ver­zei­hen, wenn der Film sich auch nur die geringste Mühe geben würde, ein biss­chen Spannung auf­zu­bauen. Aber da fehlt es schon an der Voraussetzung, denn weder in den Szenen der gegen­wär­ti­gen Handlung noch in den Rückblenden erhal­ten wir irgend einen Hinweis dar­auf, wor­auf wir eigent­lich gespannt sein soll­ten. In Lettland ange­kom­men, sehen wir ein­fach nur ein paar Russen (ganz unpro­ble­ma­tisch) und bekom­men dann von einem (ganz leicht auf­find­ba­ren) älte­ren Herrn ohne wei­tere Umschweife die Lösung des Geheimnisses erzählt. Und nach ein paar wei­te­ren Großaufnahmen emo­tio­nal gebeu­tel­ter Gesichter ist der Film dann mehr oder weni­ger auch schon aus.

Über­haupt, die Großaufnahmen. Es ist ganz offen­sicht­lich dass Steinbichler ganz große Gefühle trans­por­tie­ren will, aber er hätte sich dazu halt lie­ber ein paar Schauspieler suchen sol­len, die so etwas auch drauf­ha­ben. Abgesehen viel­leicht von Hannelore Elsner, die aber als Marga natür­lich nur glaub­wür­dig vor sich hin plap­pern muss, besticht die ganze Truppe näm­lich vor allem durch Talentlosigkeit. Speziell Juliane Köhler scheint aus­schließ­lich auf wei­tes Augenaufreißen und robo­ter­hafte Bewegungen spe­zia­li­siert zu sein, ist aber uner­träg­li­cher­weise am längs­ten und am bild­fül­lends­ten zu sehen. Nicht viel bes­ser ist Karoline Herfurth, die die junge Marga der drei­ßi­ger Jahre spielt, und der man keine Sekunde lang die inten­sive, hoff­nungs­lose Liebe abkauft, die ihre Figur quält, aber ihr kann man wenigs­tens zugute hal­ten, dass der Käse, den ihr das Drehbuch vor­schreibt, halt gar zu groß ist.

Zum his­to­ri­schen Hintergrund ist eigent­lich nur zu sagen, dass er für den Film reich­lich irre­le­vant ist. In den aus­führ­li­chen Rückblicken auf Margas Jugend erfah­ren wir, dass da anfangs noch Deutsche in Lettland sind, dass sie dann alle „heim ins Reich“ müs­sen, und dass dann die Russen kom­men und alle nach Lust und Laune in die GULags abtrans­por­tie­ren. Das ist also nicht ein­mal so tief­grün­dig wie die ori­gi­nal­ge­treuen alten Autos, die der Requisiteur in den 1991er Szenen über­all hat hin­stel­len las­sen, aber man muss dafür fast noch dank­bar sein, weil man sich sonst durch­aus in man­chen Momenten Gedanken dar­über machen könnte, ob da nicht manch­mal ein klei­nes biss­chen nost­al­gi­scher Revanchismus mitschwingt.

Es ist alles ein ganz furcht­ba­rer Rückfall in die schlimms­ten Angewohnheiten des deut­schen Kinos: Erzählerische Ideenlosigkeit bei for­ma­ler Großkotzigkeit und inhalt­li­cher Leere. Dass so etwas über­haupt im Kino gezeigt wird, liegt natür­lich nach wie vor an Steinbichlers inzwi­schen acht Jahre zurück­lie­gen­dem Debüt Hierankl, das damals beim Feuilleton als recht gro­ßer Wurf galt und viel­leicht auch ganz ordent­lich war. Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht gese­hen. Aber mit Einschlafhilfen wie Das Blaue vom Himmel dürfte er sei­nen Kredit, so oder so, recht schnell verspielen.