Tabu — Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden (2011)

Ach ja, diese Künstler. Verrückt müs­sen sie sein, Melancholiker, Outcasts und am bes­ten Junkies, nur dann kön­nen sie Großes schaf­fen! Dieses Klischee mag in Wirklichkeit nur für wenige gel­ten, aber wenn es auf einen sicher zutrifft, dann auf den öster­rei­chi­schen Lyriker Georg Trakl, des­sen dunkle, sym­bol­hafte und oft schwer zugäng­li­che Zeilen wohl kaum ent­stan­den wäre, wenn er ein bra­ver Apotheker gewor­den wäre, so wie seine Eltern sich das gewünscht hatten.

Wenn eine Lebensführung an allen gesell­schaft­li­chen Normen vor­bei wirk­lich Voraussetzung für künst­le­ri­sche Qualität ist, dann hat Trakl jeden­falls alles rich­tig gemacht: Er igno­rierte seine Studien, schlug sich mit Schaffenskrisen und aus­ge­wach­se­nen Depressionen herum und nahm alle Sorten Drogen, die er in die Finger bekam, was bei einem Apothekergehilfen eine ganze Menge sind. Nicht zuletzt unter­hielt er, höchst­wahr­schein­lich jeden­falls, eine sexu­elle Beziehung zu sei­ner jün­ge­ren Schwester Margarethe, und die ist Thema des Films Tabu — Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden von Christoph Stark.

Das Problem ist natür­lich das Wörtchen „höchst­wahr­schein­lich“. Dass da etwas gewe­sen sein muss, weiß man im Wesentlichen aus Gerüchten, Andeutungen und ein­zel­nen obsku­ren Bezügen in Trakls Gedichten. Was da aber genau gewe­sen ist, wie häu­fig die gegen­sei­tige Sehnsucht sich kör­per­lich mani­fes­tiert hat und wie die Geschwister damit umgin­gen, dar­über kann man fast nur spe­ku­lie­ren. Die Affäre fand not­ge­drun­gen im Geheimen statt, der Briefwechsel zwi­schen Grete und Georg wurde von der pein­lich berühr­ten Familie ver­nich­tet, und weil kei­nes der bei­den älter als 27 wurde, gibt es nicht ein­mal ver­brämte Erinnerungen aus einem spä­te­ren Lebensabschnitt.

Ich unter­stelle gern, dass die Drehbuchautorin Ursula Mauder ein­ge­hend recher­chiert hat und ein biss­chen mehr weiß als ich, aber was immer sie gefun­den hat, kann kaum für ein gan­zes Drehbuch gereicht haben. Die Story von Tabu gehört also bis auf ein paar ein­rah­mende Tatsachen kom­plett ins Reich der Phantasie, und selbst ein paar ohne wei­te­res über­prüf­bare Details sind noch ver­än­dert wor­den: Die Figur des Freundes Ludwig scheint erfun­den oder aus meh­re­ren rea­len Personen kon­den­siert zu sein, und Grete Trakl hat auch kei­nen Wiener Musikprofessor gehei­ra­tet, son­dern einen Berliner Buchhändler. Im Prinzip sind sol­che Anpassungen ja unpro­ble­ma­tisch, nur stört ein biss­chen, dass der Film sich ansons­ten ganz so gibt, als prä­sen­tiere er eine völ­lig authen­ti­sche Geschichte — bis hin zu den typi­schen „Wie ging es weiter“-Einblendungen vor dem Abspann. Das ist leicht irre­füh­rend und zumin­dest kein beson­ders guter Stil.

Davon abge­se­hen ist Tabu aber ein recht ordent­li­cher Film gewor­den. Die stän­dige Abfolge von Sehnsucht, Streit, Schuld, Depressionen und Exzessen ist zwar nicht gerade opti­mal dazu geeig­net, Spannung auf­zu­bauen, aber dank der bei­den aus­ge­zeich­ne­ten Hauptdarsteller lässt einen die unmög­li­che Geschwisterliebe trotz­dem nie los. Lars Eidinger gibt nicht bloß irgend einen ver­rück­ten Künstler von der Stange, son­dern ver­leiht den Handlungen sei­nes Georg Trakl eine beein­dru­ckende emo­tio­nale Folgerichtigkeit, und die Kinodebütantin Peri Baumeister hält locker mit ihm mit. Sie steht eigent­lich vor einer noch schwie­ri­ge­ren Aufgabe, weil Grete zu Anfang die ver­nünf­ti­gere, ange­pass­tere und boden­stän­di­gere der bei­den ist, im Lauf der Handlung aber fast noch tie­fer in den Strudel der uner­füll­ten Sehnsucht gezo­gen wird als ihr Bruder, der sie immer­hin künst­le­risch ver­ar­bei­ten kann. Baumeister voll­zieht diese Entwicklung fast unmerk­lich, so dass man schon ganz bewusst das Mädchen der erste Szenen mit der Frau aus den letz­ten ver­glei­chen muss, um sie zu wahr­zu­neh­men. Das dürfte schau­spie­le­risch in etwa der Idealfall sein.

Es ist ja nun lei­der so, dass die wenigs­ten Filme, die in München unter der Rubrik „Neue deut­sche Kinofilme“ lau­fen, tat­säch­lich in grö­ße­rem Umfang in den Kinos lan­den, und Tabu hat mit sei­nem arg bil­dungs­bür­ger­li­chen Thema (und dem, das muss man jetzt auch mal sagen, wirk­lich sau­blö­den Titel) denk­bar schlechte Voraussetzungen, ein gro­ßer Leinwanderfolg zu wer­den. Wenn man irgendwo einer Vorstellung hab­haft wer­den kann und gutes, anspruchs­vol­les Kino zu schät­zen weiß, dann sollte man ihn sich aber nicht ent­ge­hen las­sen. Auch wenn er als his­to­ri­sche Darstellung eher irre­le­vant ist. Was solls?