Die Verführerin Adele Spitzeder (2011)

Eine mit­tel­mä­ßige Schauspielerin flieht vor ihren Gläubigern von Wien nach München und macht dort aus­ge­rech­net eine kleine, aber reich­lich betrü­ge­ri­sche Privatbank auf. Klingt ziem­lich erfun­den, ist aber tat­säch­lich pas­siert, und so eine wilde Geschichte passt natür­lich gerade genau in die Zeit, wo doch alle dau­ernd von Finanzkrisen reden. Der Bayerische Rundfunk und das Öster­rei­chi­sche Fernsehen haben also den Routinier Xaver Schwarzenberger mit der Umsetzung eines Drehbuchs von Ariela Bogenberger betraut, und anläß­lich des Münchner Filmfests war die für das Fernsehjahr 2012 vor­ge­se­hene Produktion jetzt schon mal vorab im Kino zu sehen.

Die Geschichte

Die his­to­ri­sche Adele Spitzeder kam 1868 nicht aus Wien nach München, son­dern aus Hamburg, wo die letzte Etappe ihrer erfolg­lo­sen Bühnenkarriere statt­fand, aber sie war tat­säch­lich völ­lig abge­brannt — außer ein paar Klamotten und einer Kaffeemaschine hatte sie nichts als Schulden. Ihre Mutter unter­stützte sie mit der eigent­lich ganz ordent­li­chen Summe von 50 Gulden im Monat, aber zur Finanzierung des Lebensstils, den für sich bean­spruchte, reichte das bei Weitem nicht aus, und sie war gezwun­gen, sich den Rest zu absurd hohen Zinsen von win­di­gen Geldverleihern zu besorgen.

Vielleicht nahm sie aus die­sen Erfahrungen auch die Inspiration mit, selbst in die Finanzbranche ein­zu­stei­gen. Genau weiß man nicht, wie sie dazu kam, die ers­ten „Einlagen“ anzu­neh­men, aber fest steht, dass sich die „Spitzeder’sche Privatbank“ ab Frühjahr 1869 zuneh­men­der Beliebtheit erfreute. Vor allem die ein­fa­che Bevölkerung konnte der ober­fläch­lich betrach­tet unschlag­ba­ren Gelegenheit nicht wider­ste­hen: Es gab zehn Prozent Zinsen pro Monat, und die Erträge der ers­ten bei­den Monate zahlte die Spitzederin sofort und in bar aus. Wenn ein ein­fa­cher Handwerker sein Geld den staat­li­chen Sparkassen anver­traute, konnte er nur mit drei Prozent rech­nen. Pro Jahr, ver­steht sich.

Natürlich hatte Adele Spitzeder kei­ner­lei Sicherheiten, und ihr ein­zi­ges Geschäftsmodell war ihre über­schwäng­li­che Großzügigkeit, die ihr immer­hin bald den Ruf einer gro­ßen Wohltäterin ein­brachte. Darüber hin­aus beschränk­ten sich ihre poten­zi­ell pro­fi­ta­blen geschäft­li­chen Tätigkeiten auf ver­gleichs­weise  kon­ser­va­tive Wertpapiergeschäfte, die Vergabe ver­ein­zel­ter Privatkredite und den Ankauf mon­dä­ner Immobilien — unter ande­rem war sie „gezwun­gen“, sich ein stan­des­ge­mä­ßes Anwesen in der Schönfeldstraße zu leis­ten, als ihr Wirt sie wegen des täg­li­chen Menschenauflaufs den ihr Bankbetrieb mit sich brachte, irgend­wann auf die Straße setzte. Der Großteil der lau­fen­den Zinszahlungen musste aus immer neuen Einlagen getä­tigt wer­den. Die „Spitzeder’sche Privatbank“ war also im Prinzip ein ganz sim­ples Schneeballsystem.

Dass Adele Spitzeder über­haupt in der Lage war, immer neue Kunden zu gewin­nen und ihr Kreditgeschäft mehr als drei Jahre lang auf­recht­zu­er­hal­ten, kann man nicht nur den sen­sa­tio­nel­len Konditionen und ihrer über­zeu­gen­den Persönlichkeit  zuschrei­ben, obwohl sie mit ihrer offen zur Schau getra­ge­nen, wenn auch mög­li­cher­weise nur gespiel­ten Frömmigkeit und ihrer mild­tä­ti­gen Freigiebigkeit viel dazu bei­trug, die seriöse Fassade zu wah­ren. Wichtiger war wohl eine bald ent­bren­nende Presseschlammschlacht, in der die libe­ra­len Zeitungen zwar ihre Geschäftspraktiken gei­ßel­ten, die konservativ-katholischen sie aber ver­tei­dig­ten, weil sie sich so schön als Symbolfigur anti­se­mi­ti­scher Emotionen eig­nete: Schließlich hatte sie „den jüdi­schen Geldwucherern und Blutabzapfern das Handwerk gründ­lich gelegt“. Ihrem Bekanntheitsgrad dürfte selbst­ver­ständ­lich weder die gute noch die schlechte Presse gescha­det haben.

Der Hauptgrund für ihren Erfolg dürfte aber eher in der Mentalität des ein­fa­chen Volkes gele­gen haben. Ebenso wie auch heute noch an vie­len Stammtischen jeder Kleinunternehmer mit eige­nem Lieferwagen für einen stin­k­rei­chen Ausbeuter gehal­ten wird, hat­ten die Leute auch 1870 eine gera­dezu magi­sche Vorstellung von den finan­zi­el­len Praktiken der Oberschicht; dass man mit Bankgeschäften ohne gro­ßen Aufwand mär­chen­hafte Gewinne machen konnte, erschien ihnen abso­lut plau­si­bel, und wenn die Spitzeder ihnen die Möglichkeit gab, end­lich auch von die­sen wun­der­sa­men Geldvermehrungsmethoden zu pro­fi­tie­ren, dann fan­den sie es voll­kom­men gerecht­fer­tigt, Haus und Hof zu ver­pfän­den, um end­lich das gute Leben genie­ßen zu können.

Die Behörden waren der Sache übri­gens recht früh auf die Schliche gekom­men, weil die Sparkassen auf­grund der mas­sen­haft zur spit­ze­der­schen Bank abflie­ßen­den Einlagen in Schieflage zu gera­ten droh­ten. Aber sie sahen sich sehr lange außer­stande, etwas Konkretes dage­gen zu unter­neh­men, denn gegen Gesetze ver­stieß die Spitzeder nicht. Es blieb ihnen nichts als Aufklärungskampagnen, und als die nicht fruch­te­ten, muss­ten schließ­lich einige Dutzend miss­traui­sche Gläubiger orga­ni­siert wer­den, die ihr Geld gleich­zei­tig abhe­ben woll­ten, um Adele Spitzeder schließ­lich im November 1872 wegen betrü­ge­ri­schem Bankrotts fest­neh­men zu können.

Man sagt, sie habe drei Jahre spä­ter, nach ihrer Freilassung, als gleich als ers­tes wie­der eine Bank eröff­nen wol­len, aber ein zwei­tes Mal war sie nicht mehr so erfolg­reich. Als sie 1895 starb, hin­ter­ließ sie etwa so viel, wie sie bei ihrer Ankunft in München beses­sen hatte — ein paar wert­lose Kleider und eine Menge Schulden.

Der Film

Bogenberger und Schwarzenberger umge­ben die Spitzeder mit einer Entourage aus male­ri­schen Figuren, die so wohl eher nicht his­to­risch sind, dafür aber die Dramaturgie ein biss­chen auf­pep­pen. Da ist die Dienstmagd, die Adele unein­ge­schränkt ver­ehrt, der Geldverleiher, der von den spit­ze­der­schen Bankgeschäften als Vermittler pro­fi­tiert und letzt­lich unge­scho­ren aus der Sache her­aus­kommt, der aus­ge­mus­terte Regisseur, der sich an den Erfolg sei­ner ehe­mals als talent­los geschmäh­ten Schauspielerin dran­hängt, der ein­fach gestrickte Diener, die dicke Wirtin und nicht zuletzt der junge Dichter, der gewis­ser­ma­ßen die Rolle des kri­ti­schen Kommentators spielt.

Die bekann­ten his­to­ri­schen Fakten wer­den häpp­chen­weise in Szene gesetzt, vom ers­ten Ansturm auf ihre „Bank“ im Wirtshaus über die die ver­schwen­de­ri­schen Feste, die spon­ta­nen Wohltaten, die chao­ti­sche Aufbewahrung der Einlagen in Hutschachteln und Schubladen, die Auseinandersetzungen mit der Presse und schließ­lich bis zum von der Polizei orga­ni­sier­ten Konkurs und der Verhaftung Adele Spitzeders. Natürlich lässt man sich auch nicht ent­ge­hen, die Homosexualität der Hauptfigur ein­zu­bauen, aber wie alles andere bleibt auch das auf sanfte Andeutungen beschränkt.

Der Film ent­hält sich einer kla­ren Interpretation des Charakters der Adele Spitzeder und ihrer Unternehmung. Mal ist sie arg­los und naiv, mal die gewis­sen­lose Betrügerin, mal unkon­trol­lier­ter Genußmensch, mal bil­dungs­bür­ger­li­che Wohltäterin. Das mag aus his­to­rio­gra­phi­scher Perspektive sogar eine gute Entscheidung sein, da wir ja kaum objek­tive Berichte über sol­che Dinge haben und die unklare Darstellung daher gewis­ser­ma­ßen die ein­zig kor­rekte ist; der Dramaturgie tut es aber nicht beson­ders gut — vor allem, weil Hauptdarstellerin Birgit Minichmayer ver­ständ­li­cher­weise ein biss­chen über­for­dert damit ist, die­sen kom­ple­xen Mischmasch glaub­wür­dig zu ver­kör­pern. Das passt zu einem Gesamteindruck, der eher düm­pelnd als fes­selnd ist, obwohl die Geschichte selbst ja gar nicht unin­ter­es­sant wäre.

Die größte Schwäche der Verführerin Adele Spitzeder ist aber, dass er nicht ver­mit­teln kann, wie es sein konnte, dass so viele Menschen auf den gan­zen Unfug her­ein­fie­len. Dem Titel ent­spre­chend steht die Persönlichkeit der Hauptfigur im Mittelpunkt, aber die allein kann soviel Verantwortung nicht gut tra­gen. Die Szene, in der Adele irgend­ei­nen Wirtshausgast dazu bringt, ihr als ers­ter seine Ersparnisse zu über­las­sen und dadurch auch die Dienstmagd und die skep­ti­sche Wirtin über­zeugt, ist bei Weitem die schwächste des gan­zen Films, aber lei­der steht und fällt mit ihr ganze die Interpretation von der unwi­der­steh­li­chen „Verführerin“. Und eine andere bie­tet Schwarzenberger nicht an, denn weder die nai­ven Vorstellungen der ein­fa­chen Leute vom Kreditgeschäft noch die Frömmigkeit, die sie zur „guten Katholikin“ Adele Spitzeder trieb, spie­len eine beson­dere Rolle, und die anti­se­mi­ti­schen Pressekampagnen, die ihr zugute kamen, wer­den völ­lig ausgeklammert.

Man muss ins­ge­samt aber zuge­ste­hen, dass das alles mit sicht­bar pro­fes­sio­nel­lem Aufwand gemacht ist, die Story und die meis­ten Figuren zumin­dest ganz nett und sym­pa­thisch sind, und die Schauspieler keine schlechte Figur machen. Bei allen Schwächen ist es des­halb ein biss­chen schade, dass die­ses Werk wahr­schein­lich nur irgend­wann im Lauf des kom­men­den Jahres im Fernsehen ver­wursch­tet wer­den wird. Denn man hat weiß Gott schon eine Menge schlech­te­rer deut­scher Filme im Kino gesehen.

Literatur