Casino Jack (2010)

Lobbyisten sind ein Berufsstand, der nor­ma­ler­weise nur sehr kon­trol­liert das Licht der Öffent­lich­keit sucht, weil sie schlechte Presse noch weni­ger brau­chen kön­nen als ihre Symbionten, die Politiker. Dass einer von ihnen zum Filmprotagonisten taugt, ist des­halb eher eine sel­tene Ausnahme, und Jack Abramoff , des­sen Aufstieg und Fall Casino Jack nach­zeich­net, hätte auf diese Form des Ruhms sicher­lich auch ganz gerne ver­zich­tet. Obwohl er ja ein gro­ßer Kinofan sein soll.

Die Geschichte

Während der Bush-Regierung galt die­ser talen­tierte Stimmviehhändler als eine der ein­fluss­reichs­ten Figuren Washingtons, weil er aus­ge­zeich­nete Beziehungen zum rech­ten Flügel der repu­bli­ka­ni­schen Partei unter­hielt. Aber er nutzte seine Position nicht immer nur zum (ohne­hin oft zwei­fel­haf­ten) Wohl sei­ner Kunden, son­dern hatte durch­aus auch sei­nen eige­nen Vorteil im Blick. Er kas­sierte Honorare und Spesen in Rekordhöhe, und bei man­chen sei­ner beruf­li­chen Aktivitäten weiß man gar nicht, was schlim­mer ist: Die Tatsache, dass er Kampagnen in Rechnung stellte, die in Wirklichkeit gar nicht statt­fan­den — oder die poli­ti­schen Ziele selbst, für die da gewor­ben wer­den sollte. Da ging es um die fort­ge­setzte Legalität aus­beu­te­ri­scher Praktiken auf irgend­wel­chen obsku­ren Inselgruppen im Pazifik, um kaum zu recht­fer­ti­gende Steuervorteile für undurch­sich­tige Großkanzleien, oder auch um Imageverbesserungen für dik­ta­to­ri­sche afri­ka­ni­sche Menschenschlächter.

Es war eigent­lich abzu­se­hen, dass Abramoff sich mit sei­nen Praktiken nicht nur Freunde machen und Belobigungen ver­die­nen würde. Was ihm schließ­lich erst den Spitznamen „Casino Jack“ ein­brachte und dann zu sei­nem Sturz führte, war das Glücksspiel — in Form india­ni­scher Casinobetreiber, die er um einige Millionen erleich­tert hatte, ohne dafür allzu umfang­rei­che Gegenleistungen zu erbrin­gen, und in Form einer ille­ga­len Beteiligung an dem Schiffahrtsunternehmen SunCruz, das seine Passagiere in inter­na­tio­nale Gewässer ver­frach­tete, wo sie hem­mungs­los und legal ihr Geld ver­zo­cken konnten.

Abramoff wurde Anfang 2006 auf­grund eines kom­pli­zier­ten Pakets von Betrugs-, Korruptions– und Steuervergehen zu eini­gen Jahren Haft ver­ur­teilt, von denen er etwa vier absaß. Seit Ende des ver­gan­ge­nen Jahres befin­det er sich wie­der in Freiheit; das letzte, was man von ihm gehört hat, war, dass er irgendwo als Pizzabäcker gear­bei­tet hat.

Der Film

Das ist natür­lich ein ganz aus­ge­zeich­ne­ter Stoff für eine Politsatire, und als sol­che ist George Hickenloopers Umsetzung eines Drehbuchs von Norman Snider dann auch ange­legt. Wir ler­nen Abramoff als fröh­li­chen Zyniker ken­nen, dem noch für die frag­wür­digs­ten poli­ti­schen Ideen hüb­sche Begründungen ein­fal­len, wenn es nur sei­nen Klienten dient, und wir sehen einen poli­ti­schen Betrieb, der sich manch­mal für ein paar Sporttickets und ein net­tes Essen, manch­mal aber ein­fach bloß aus rei­ner Ahnungslosigkeit zur Marionette von Spezialinteressen machen las­sen. Zur Einführung erläu­tert Abramoff mit einem hal­ben Augenzwinkern aus dem Off, wie froh die Abgeordneten seien, wenn man ihnen sagt, wie sie abstim­men sol­len. Das dürfte eine erschre­ckend zutref­fende Erkenntnis sein, die wohl auch nicht nur für Washington gilt.

Der humo­rige und lehr­rei­che Blick hin­ter die Kulissen der Politik ist auch schon das bemer­kens­wer­teste an Casino Jack, der ansons­ten lei­der ein biss­chen hin­ter dem Wünschbaren zurück­bleibt. Die Kommentare, die Abramoff in den Mund gelegt und von Kevin Spacey gewohnt cool daher­ge­bracht wer­den (Beispiel: „Washington is Hollywood with ugly faces“), sor­gen für ein Mindestmaß an Unterhaltung, und es ist auf leicht unmo­ra­li­sche Weise befrie­di­gend, ihm dabei zuzu­se­hen, wie er seine Mitmenschen vir­tuos um den Finger wickelt. Aber die juris­ti­sche und kau­sa­len Zusammenhänge, die ihm schließ­lich das Genick bre­chen, blei­ben alles in allem ein biss­chen schwer nach­voll­zieh­bar, und alles übrige wirkt rou­ti­niert, aber bei­leibe nicht bahnbrechend.

Ein gro­ßer Teil des Problems ist dabei aus­ge­rech­net Spacey, obwohl er ja immer­hin eine Golden-Globe-Nominierung für seine Leistung ein­strei­chen durfte. Aber unbe­scha­det sei­nes per­fek­ten Gefühls für die wit­zi­gen Momente sei­ner Figur fehlt die cha­rak­ter­li­che Tiefe an allen Ecken und Enden. Natürlich weiß ich nicht, was der echte Abramoff für ein Mensch ist, aber jemand der eine eigene Schule grün­den will und aus reli­giö­sen Gründen koschere Restaurants eröff­net, hat doch ganz offen­sicht­lich auch eine mensch­li­che und altru­is­ti­sche Seite. Davon zeigt uns Kevin Spacey aber wenig. Und ebenso wenig kauft man ihm ande­rer­seits den gewis­sen­lo­sen Betrüger ab, der die ame­ri­ka­ni­schen Ureinwohner als eine Art pri­mi­ti­ver Untermenschen betrach­tet und daher gar keine Skrupel hat, sie nach allen Regeln der Kunst übers Ohr zu hauen. Statt des­sen sehen wir einen lus­ti­gen Familienvater, leicht grö­ßen­wahn­sin­nig und durch und durch nihi­lis­tisch, aber eigent­lich ein ziem­li­cher Normalo.

Das dürfte der Figur kaum gerecht wer­den, und es unter­gräbt auch ein biss­chen den mora­li­schen Anspruch des Films. Oder, je nach Sichtweise, den pro­pa­gan­dis­ti­schen Zweck, denn wenn man nur ein klei­nes biss­chen Ahnung von US-Politik hat, dann kann man das alles auch als eine Ansammlung ver­spä­te­ter Seitenhiebe gegen George W. Bush und die Republikaner lesen. Nun, da trifft es keine fal­schen. Dass der Lobbyismus aber unter Obama wesent­lich weni­ger Einfluss hat oder plötz­lich zur Kraft des Guten und Wahren gewor­den ist, steht aller­dings auch zu bezweifeln.