There Will Be Blood (2009)

Als Amerika gerade begann, sei­nen dumpf­ba­cki­gen texa­ni­schen Präsidenten und geschei­ter­ten Ölma­gna­ten end­gül­tig satt zu haben, erschien 2007 There Will Be Blood auf den Leinwänden:  ein gro­ßes Epos über die Frühzeit der Ölin­dus­trie, in dem ein Unternehmer lang­sam an sei­ner eige­nen Gier zer­bricht. Der gut getrof­fene Zeitpunkt mag hilf­reich gewe­sen sein, um das Interesse des Publikums zu wecken, aber ein Film, den die Kritik mit Citizen Kane ver­gli­chen hat und den die Academy mit zwei Oscars und sechs wei­te­ren Nominierungen ehrte, hätte sich die­sen zeit­li­chen Zufall wohl gar nicht gebraucht…

Die Geschichte

Die moderne Geschichte des Erdöls beginnt irgendwo in Osteuropa oder am kas­pi­schen Meer, wo das kleb­rige schwarze Zeug schon seit dem frü­hen 19. Jahrhundert in klei­nem Umfang geför­dert wurde, und wo es sogar schon die ers­ten Raffinerien gab, bevor in den USA auch nur eine ein­zige Kanne Lampenöl ver­kauft wor­den war. Aber wenn man einen Kinofilm über die Erdölindustrie dre­hen will, dann sucht man sich sei­nen Stoff doch bes­ser in Amerika.

Denn hier hat­ten keine Monarchen und Bürokraten ihre Finger im Spiel. Wer ein Stück Land kaufte und auf gut Glück zu gra­ben oder zu boh­ren begann, der konnte ganz unkom­pli­ziert reich wer­den, ohne sich um Genehmigungen und Konzessionen zu sche­ren. Ein ganz wört­lich zu ver­ste­hen­des El Dorado für mit­tel­lose Abenteurer. Normalerweise waren sie alle hin­ter Gold und Silber her, doch ein Lehrer, Journalist und Autodidakt namens George Bissell, hatte als ers­ter Amerikaner die Inspiration, dass aus der schwar­zen Flüssigkeit mög­li­cher­weise ein guter Brennstoff für Lampen erzeugt wer­den könnte.

Zurückblickend aus einer Zeit, in der Beleuchtung seit bald hun­dert Jahren aus­schließ­lich eine Sache der Elektrizität ist, mag es selt­sam schei­nen, dass die mäch­ti­gen Konzerne der Ölin­dus­trie damals als Lieferanten für Lampenöl ange­fan­gen hat­ten, aber die Erzeugung von künst­li­chem Licht war Mitte des 19. Jahrhunderts tat­säch­lich ein drän­gen­des und mehr oder weni­ger unge­lös­tes Problem. Die indus­tri­elle Revolution konnte sich nicht mehr nach Sonnenstand und Wetter rich­ten, son­dern ver­langte regel­mä­ßi­gere und zuver­läs­si­gere Arbeitsbedingungen, aber die ein­zi­gen eini­ger­ma­ßen effi­zi­ente Lichtquellen waren extrem teu­rer Waltran und Leuchtgas, für das eine Leitungsinfrastruktur benö­tigt wurde und das auch nicht gerade bil­lig zu haben war. Petroleum als Alternative war zwar bereits seit 1855 auf dem ame­ri­ka­ni­schen Markt zu haben, aber es stammte ent­we­der aus dem fer­nen Osteuropa oder es wurde auf­wän­dig aus Kohle her­ge­stellt. Es war also völ­lig klar, dass die Förderung und Raffinierung von Erdöl in grö­ße­ren Mengen das Geschäft des Jahrhunderts sein würde, wenn sie denn gelänge.

Nun, sie gelang. Es bedurfte der wei­te­ren halb­ver­rück­ten Idee, nach Öl zu boh­ren,statt es ein­fach an der Oberfläche abzu­schöp­fen, aber nach eini­gen Schwierigkeiten zog Edwin L. Drake am 27. August im Auftrag Bissells und sei­ner Kompagnons tat­säch­lich den ers­ten Eimer voll Rohöl aus einem Loch in der Nähe von Titusville in Pennsylvania. Das Lampenöl der Pennsylvania Rock Oil Company rollte den Markt schnell auf, denn es leuch­tete hel­ler als alle Konkurrenzprodukte und war dabei noch billiger.

Logischerweise brach auch post­wen­dend der erste Ölboom aus. Glücksritter aus allen Gegenden der USA tauch­ten im Westen Pennsylvanias auf, um das eben noch fast wert­lose Farmland zu sen­sa­tio­nel­len Preisen auf­zu­kau­fen, oft weni­ger mit dem Ziel, tat­säch­lich ins Ölge­schäft ein­zu­stei­gen, son­dern in der Hoffnung, es spä­ter zu einem noch atem­be­rau­ben­de­ren Preis wei­ter­ver­kau­fen zu kön­nen. Manche bohr­ten aber tat­säch­lich, oft von prak­tisch hand­tuch­gro­ßen Grundstücken aus, und das Öl wurde in allen zur Verfügung ste­hen­den Behältern gesam­melt und in alten Whiskyfässern zur Raffinerie gefahren.

Das ganze hatte einen aus­ge­präg­ten Wildwest-Charme. Natürlich schwank­ten die Preise, natür­lich waren man­che Lagerstätten weni­ger ergie­big als erhofft, natür­lich plat­zen alle Spekulationsblasen irgend­wann. Nicht nur ein­mal wur­den ganze Städte in Windeseile errich­tet und noch schnel­ler wie­der ver­las­sen, wenn die Zocker sich am Ende vom Acker mach­ten, aber die wilde junge Ölin­dus­trie selbst trotzte den frü­hen Krisen und blieb uns erhal­ten. Jahrzehntelang kehrte sie immer blieb sie ihren chao­ti­schen Anfängen treu, zog von Pennsylvania nach Ohio, Oklahoma,Texas, und schließ­lich nach Kalifornien und machte arm­se­lige Farmer wohl­ha­bend, rei­che Ölför­de­rer noch rei­cher und so man­che Spielernatur auch wie­der arm. Aber die Romantik würde irgend­wann ein Ende haben, und schuld daran war vor allem der berüch­tigte John D. Rockefeller, der die Industrie ord­nete, ratio­na­li­sierte — und fast kom­plett unter seine per­sön­li­che Kontrolle brachte.

Rockefeller war ein begna­de­tes geschäft­li­ches Talent, und es man­gelte ihm nicht an Ambitionen. Er begann mit einer ein­zel­nen Raffinierie in Cleveland, kaufte schnell eine zweite und arbei­tete schließ­lich dar­auf hin, alle Aspekte des Ölge­schäfts selbst kon­trol­lie­ren zu kön­nen, von der Raffinierung über den Transport bis zum Marketing. Dadurch er sei­nen Kunden ein stan­dar­di­sier­tes Qualitätsprodukt  anbie­ten konnte — ein nicht zu unter­schät­zen­der Vorteil ange­sichts der Tatsache, dass min­der­wer­ti­ges Lampenöl immer wie­der zu ver­hee­ren­den Explosionen führte. Rockefellers Firma erhielt dem­ent­spre­chend den ange­mes­se­nen Namen Standard Oil.

Sein Erfolgsgeheimnis hieß aber nicht nur Qualität und Organisation. Er schreckte auch vor zwei­fel­haf­ten Geschäftspraktiken nicht zurück, drängte Konkurrenten mit Dumpingpreisen aus ihren Märkten, schloss Bündnisse mit den Eisenbahngesellschaften, um die Transportkosten der Mitbewerber hoch­zu­trei­ben und brachte sie idea­ler­weise mit Zuckerbrot und Peitsche unter das Konzerndach von Standard Oil. Sogar Fälle von Sabotage sind spä­ter bekannt gewor­den. Die kon­kur­rie­ren­den Firmen leb­ten in der stän­di­gen Angst, von Standard Oil aus dem Markt gedrängt zu wer­den, und die Ölpro­du­zen­ten ver­band eine Hassliebe mit ihrem größ­ten Abnehmer, unter des­sen Fuchtel sie standen.

Rockefeller beherrschte den größ­ten Teil des Markt und wollte ein voll­stän­di­ges Monopol, doch die­ses Ziel erreichte er streng­ge­nom­men nie. Die klei­nen Ölge­sell­schaf­ten nutz­ten immer wie­der ihre Flexibilität und Innovationskraft, um gegen den mäch­ti­gen Konkurrenten beste­hen zu kön­nen. Beispielsweise wurde die erste Langstreckenpipeline 1879 vor allem des­halb gebaut, weil die unab­hän­gi­gen Firmen nicht län­ger auf die mit Standard Oil ver­bün­de­ten Eisenbahnen ange­wie­sen sein woll­ten; und weil Rockefeller lange nichts mit dem hoch­spe­ku­la­ti­ven Bohrgeschäft zu tun haben wollte, son­dern sich auf Weiterverarbeitung und Vermarktung kon­zen­trierte, blieb das Kleinunternehmertum bis ins 20. Jahrhundert ein wich­ti­ger Bestandteil des Ölgeschäfts.

Aber Monopol oder nicht, Standard Oil hatte sich ein grau­en­vol­les Image ein­ge­han­delt, und die öffent­li­che Meinung wandte sich nach und nach  ganz all­ge­mein gegen die gro­ßen Trusts des 19. Jahrhunderts, die man für prak­tisch alle Probleme ver­ant­wort­lich machte, die ent­fernt irgend­et­was mit Wirtschaft zu hat­ten, und von denen Standard Oil nur das leuch­tende Beispiel war. Im Jahr 1911 endete die Geschichte des Mammutkonzerns in einem Mammutprozess mit dem schlimmst­mög­li­chen Urteil: Das Imperium wurde in kleine Teile auf­ge­spal­ten, die von nun an getrennt von­ein­an­der ope­rie­ren mussten.

Aber die Zeiten hat­ten sich ohne­hin schon geän­dert. Die gro­ßen, welt­weit ope­rie­ren­den Ölkon­zerne in Amerika, Europa und Asien waren in jenen Jahren ohne­hin gerade dabei, ein­zu­se­hen, dass kei­ner von ihnen jemals den gesam­ten Markt unter seine Kontrolle würde brin­gen kön­nen und wirt­schaf­te­ten bald extrem fried­lich neben­ein­an­der her, was auch nicht gerade im Sinne des Verbrauchers war. Die Ölpro­duk­tion basierte nur wenige Jahre spä­ter nicht mehr auf zufäl­li­gen Entdeckungen und einer „guten Nase“ ein­zel­ner Ölmän­ner, son­dern auf wis­sen­schaft­li­chen Methoden, und mehr und mehr ver­schob sich der Schwerpunkt auf Lagerstätten außer­halb der USA, wo man nicht nach Lust und Laune boh­ren konnte, son­dern staat­li­che Konzessionen erwer­ben musste. Und vor allem tat sich mit der Verbreitung des Automobils ein neuer Markt auf, der viel grö­ßer und bedeu­ten­der wer­den sollte als das alt­her­ge­brachte Lampenölgeschäft. Das waren Bedingungen, von denen große Konzerne viel bes­ser pro­fi­tie­ren konn­ten als unab­hän­gige Kleinunternehmer. Standard Oil mochte nicht mehr exis­tie­ren, aber die Wildwest-Ära des Ölge­schäfts neigte sich trotz­dem dem Ende zu.

Der Film

Daniel Plainview, die fik­tive Hauptfigur von There Will Be Blood, ist ein pro­to­ty­pi­scher Wildwest-Ölmann am Ende des Goldenenen Zeitalters der Zocker und Glücksritter. Am Beispiel sei­ner Karriere kön­nen wir die ganze Palette spe­zi­fi­scher Eigenheiten der frü­hen Ölpro­duk­tion nach­voll­zie­hen: Die Prospektion anhand ober­fläch­li­cher Landschaftsmerkmale, die Bemühungen, alle rele­van­ten Grundstücke zu erwer­ben, bevor Spekulanten und Konkurrenten mit­mi­schen kön­nen, das Bohren mit pri­mi­ti­ven Holzbohrtürmen, die Gefahren durch Gasexplosionen und bren­nende Quellen, und schließ­lich die Kaufangebote von Standard Oil samt der Versuche, die Transportwege durch Pipelines doch lie­ber selbst zu kon­trol­lie­ren, um von Rockefellers Koloss unab­hän­gig zu bleiben.

Das ist eine reich­lich frag­men­ta­ri­sche, aber durch­aus anschau­li­che Darstellung der frü­hen Ölin­dus­trie, die frei­lich aber nur einen male­ri­schen Hintergrund für einen haupt­säch­lich vom Charakter des Protagonisten getra­ge­nen Plot bil­det. Plainview ist erfolg­reich und wohl­ha­bend, aber er ist ein Getriebener und Misanthrop, der die Früchte sei­ner Arbeit nicht genie­ßen kann. Er steht im Clinch mit dem bigot­ten Dorfpriester Eli Sunday, seit er ihn beim Grundstückskauf übers Ohr hauen wollte, er hat einen zehn­jäh­ri­gen Sohn, den er offen­sicht­lich über alles liebt, zu dem er aber nur mit Mühe ein nor­ma­les Verhältnis auf­bauen kann, und von dem er sich völ­lig ent­frem­det, nach­dem der Junge bei einem Unfall sein Gehör ver­liert. Die Konflikte, die in die­sem Szenario um die von Gier und Jähzorn geprägte Hauptfigur ent­ste­hen sind,  ganz unab­hän­gig von der the­ma­ti­schen Einbettung ins Ölge­schäft, die Seele des Films.

Das Herz dage­gen ist zwei­fel­los Hauptdarsteller Daniel Day-LewisThere Will Be Blood ver­dient lobende Erwähnungen für sein Drehbuch, das nur ein klei­nes biss­chen zu ereig­nis­arm ist, für die Regie von Paul Thomas Anderson, die nur manch­mal ein wenig lang­at­mig erzählt, und für die Musik, die an den meis­ten Stellen per­fekt die Stimmung trans­por­tiert und nur sehr sel­ten nervt. Aber Daniel Day-Lewis ist abso­lut makel­los. Man kauft ihm jede von Daniel Plainviews extre­men Gefühlsregungen ab, man ver­steht durch ein paar Gesten und die ganze Komplexität die­ser Figur und möchte eben­so­sehr Sympathie für sie emp­fin­den, wie man von ihr abge­sto­ßen ist, weil sie immer mensch­lich bleibt. Das ist eine groß­ar­tige Leistung, für die Day-Lewis ganz zurecht sei­nen zwei­ten Oscar kas­siert hat.

There Will Be Blood lässt man­che Fragen offen und lädt dadurch zu phi­lo­so­phi­schen Betrachtungen über Öl, Gier und Religion ein. Nicht zuletzt kann man ihn zwei­fel­los als Kapitalismuskritik lesen, was den Ölmän­nern des neun­zehn­ten Jahrhunderts sicher­lich nicht nur Unrecht tut. Was er aber sicher nicht ist, ist die Allegorie auf den ame­ri­ka­ni­schen Imperialismus der Gegenwart, die viele darin ent­de­cken woll­ten. Sicher, Plainview strebt rück­sichts­los nach Reichtum, und seine Mitmenschen lei­den dar­un­ter ebenso wie man­che ara­bi­schen Länder unter dem vom Öldurst getrie­be­nen Hegemonialanspruch der USA zu lei­den haben. Aber da hören die Gemeinsamkeiten zwi­schen den gesichts­lo­sen Konzernen von heute und den indi­vi­dua­lis­ti­schen Cowboys auf Bohrtürmen von damals wohl auch schon auf. Wer hier Esso, Halliburton oder gar George Bush jr. erken­nen will, hat ein­deu­tig nicht rich­tig zuge­schaut und auf jeden Fall zu viel Phantasie, zumal so eine bil­lige Metaphorik nun wirk­lich allzu pri­mi­tive für einen Film auf die­sem Niveau wäre.

Fazit

Der his­to­ri­sche Aspekt bleibt in There Will Be Blood eher atmo­sphä­risch, ist aber alles in allem eine gute Zusammenfassung des Alltags im Ölge­schäft der Frühzeit. Der rest­li­che Film dazwi­schen lebt nicht gerade von mit­reis­sen­der Action, aber immer­hin von hoher Schauspielkunst. Wenn man sich auf die Figur des Daniel Plainview ein­las­sen kann, ist das große Unterhaltung. Wenn nicht, dann kön­nen die 158 Minuten auch lang werden