Mysteries of Lisbon (2010)

Das Blöde bei Filmfesten ist ja das: Man kann über­haupt nie alles sehen, was einen inter­es­siert. Sich auf ein bestimm­tes Genre beschrän­ken zu wol­len — zum Beispiel, sagen wir, auf his­to­ri­sche Filme — hilft da auch nicht viel wei­ter, denn die Programmplaner legen logi­scher­weise geschickt alles auf sich über­schnei­dende oder sonst­wie unmög­li­che Termine.

Sonntag früh um elf hat man natür­lich immer Zeit, aber da muss man dann eben neh­men, was man krie­gen kann, und beim dies­jäh­ri­gen Münchner Filmfest war das jetzt bei­spiels­weise  ein vier­ein­halb­stün­di­ges Monumentalwerk über die Problemchen der bes­se­ren Gesellschaft Portugals in der ers­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Das ist näm­lich ganz klar die schönste Zeit für Historienfilme: Malerische Kostüme, feine aris­to­kra­ti­sche Sitten samt einem Standesdünkel, der einen froh sein lässt im fort­schritt­li­chen 21. Jahrhundert zu leben, und dazu die­selbe stink­kon­ser­va­tive Sexualmoral wie unge­fähr in den 1950ern. Also alles auf leicht­ver­dau­li­che Weise exo­tisch und doch nicht so fremd, dass es lan­ger Einführungen bedurfte. Was das mit Geschichte zu tun hat, darf jeder für sich ent­schei­den. Vielleicht ist es sogar rela­tiv authen­tisch, schließ­lich war der Autor der Buchvorlage, Camilo Castelo Branco, selbst ein Kind die­ser Zeit. Andererseits habe ich für sol­che Fälle eine ganz ein­fa­che per­sön­li­che Regel: Filme, in denen alle mit Kutschen und Pferden her­um­gon­deln, sind nicht ernst­zu­neh­men, wenn man nicht wenigs­tens ab und zu auch einen Haufen Pferdescheiße zu sehen kriegt.

Da fällt Mysteries of Lisbon mit sei­ner voll auf Romantik getrimm­ten Optik schon mal durch. Aber sonst ist alles drin, was man sich nur wün­schen kann. Gräfinnen, die fremd gehen, eifer­süch­tige Herzöge, lie­bes­kranke Edelleute, die zusam­men nach Venedig flie­hen, Väter, die die Hand ihrer Tochter ver­wei­gern, ent­täuschte Frauen, die auf Rache sin­nen — irgend­wie wol­len die vier­ein­halb Stunden ja gefüllt wer­den. Das ist über­haupt das Erstaunliche, dass es Regisseur Raoul Ruiz und DrehbuchautorCarlos Saboga tat­säch­lich schaf­fen, diese irr­wit­zige Zeitspanne halb­wegs sinn­voll zu nut­zen. Sie arbei­ten mit inein­an­der ver­schach­tel­ten Rückblenden, die es erlau­ben, immer neue „Mysterien“ zu ser­vie­ren, aber jeweils in klei­nen Häppchen, damit nie­mand über­for­dert ist. Zum glei­chen Zweck bleibt auch die Erzählgeschwindigkeit ange­mes­sen gemäch­lich, sodass man zwi­schen­durch die vie­len ver­schie­de­nen Figuren immer mal wie­der geis­tig zusam­mensor­tie­ren und den Über­blick wie­der­er­lan­gen kann. Im Ergebnis hat man dann ein Werk, das über­ra­schen­der­weise nicht lang­wei­lig wird, obwohl einem par­tout nicht klar­wer­den will, worin die Relevanz die­ser Seifenoper mit bemüh­tem künst­le­ri­schem Anspruch beste­hen soll.

Das Ganze funk­tio­niert aller­dings nur etwa bis zur Dreistundenmarke, dann stellt sich irgend­wann das Gefühl ein, dass es nun auch lang­sam rei­chen könnte. Die meis­ten Geheimnisse sind dann ent­hüllt und man bekommt so eine Ahnung, wor­auf die rest­li­chen hin­aus­lau­fen wer­den, aber der Film ver­passt eine Gelegenheit nach der ande­ren, den Abspann ein­zu­blen­den und ein ehren­vol­les Ende zu neh­men. Statt des­sen walzt er uner­müd­lich und unver­zeih­lich auf ein rich­tig bescheu­er­tes zu. Aber da will ich mal nicht zu viel verraten.

Von Mysteries of Lisbon gibt es noch eine sechs­stün­dige Serienfassung, die sogar schon in deut­scher Synchronisation auf, wo sonst, arte zu sehen war. Und wenn über­haupt, dann sollte man ihn wohl schön etap­pen­weise in die­ser Version genie­ßen. Denn es mag gute Gründe geben, mehr als vier Stunden im Kino zu ver­brin­gen. Aber das hier ist, bei allem Wohlwollen, eher kei­ner davon.