Sommer in Orange (2011)

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Jetzt wird Marcus H. Rosenmüller also, zum Beispiel vom Bayerischen Rundfunk, schon ganz scham­los als „Kultregisseur“ titu­liert. Ob das auf die Dauer gut für seine Karriere ist, steht zu bezwei­feln, denn so eine Bezeichnung bekommt man vor allem dann leicht ver­passt, wenn man sich auf ein recht enges künst­le­ri­sches Spektrum beschränkt und dadurch regel­mä­ßig die Erwartungen sei­nes Publikums erfüllt. Es ist aber doch zu befürch­ten, dass die Leute irgend­wann viel­leicht keine leich­ten baye­ri­schen Heimatkomödien mehr sehen wollen…

Sommer in Orange ist ein ganz glän­zen­des Beispiel für sei­nen Stil und die damit ver­bun­de­nen Probleme. Es geht um Neo-Sannyasins, im bür­ger­li­chen Sprachgebrauch gewöhn­lich „Bhagwan-Jünger“ genannt, die Anfang der 1980er in der baye­ri­schen Provinz ein Therapiezentrum eröff­nen und unver­meid­lich mit den kon­ser­va­ti­ven Dorfbewohnern anein­an­der­ge­ra­ten. Die Drehbuchautorin Ursula Gruber ist selbst unter Sannyasins auf­ge­wach­sen, aber nicht nur des­we­gen kann man so ein Setting durch­aus als his­to­ri­sches Faktum neh­men. Es gab damals einige die­ser Kommunen in Bayern, deren Nachbarn noch heute wilde Geschichten zu erzäh­len wis­sen — und der baye­ri­sche Religionsunterricht kannte noch bis in die Neunziger kein wich­ti­ge­res Thema als die Warnung vor gefähr­li­chen „Psychosekten“, die angeb­lich nur hin­ter dem Geld ihrer Anhänger her waren.

Tatsächlich war die Bewegung um „Bhagwan“ Shree Rajneesh aber ziem­lich harm­los. Dieser indi­sche Guru hatte es im Widerspruch zu sei­nem nega­ti­ven Image als gewis­sen­lo­ser Verführer nie dar­auf ange­legt, eine welt­weite Anhängerschaft hin­ter sich zu ver­sam­meln. Er pre­digte seine eklek­ti­zis­ti­schen Lehren noch auf Hindi, als die ers­ten Europäer und Amerikaner längst wie­der in die Heimat zurück­ge­kehrt waren, um sie wei­ter­zu­ver­brei­ten, und was er so von sich gab, hatte aus heu­ti­ger Sicht etwa so viel Skandalpotenzial wie das Esoterikregal einer durch­schnitt­li­chen Bahnhofsbuchhandlung. Im west­li­chen Kulturkreis war er nicht des­halb erfolg­reich, weil sein Glaubenssystem so exo­tisch und umstürz­le­risch gewe­sen wäre, son­dern weil es die anstren­gen­den Aspekte sei­nes hin­du­is­ti­schen Fundaments im Gegenteil eher aus­blen­dete. „Bhagwan“ ver­langte keine aske­ti­schen Praktiken, stand dem Kapitalismus und dem tech­ni­schen Fortschritt aus­drück­lich posi­tiv gegen­über und lie­ferte dazu noch eine geistig-moralische Unterfütterung für die Erosion der über­kom­me­nen Sexualmoral, die sicher alles andere als ein fern­öst­li­ches Phänomen war. Der Westen, mit sei­ner Über­fluss­ge­sell­schaft und der schö­nen neuen Idee von der freien Liebe, hatte auf so eine Ideologie nur gewar­tet, wäh­rend sie ihrem Erfinder im tra­di­ti­ons­ver­haf­te­ten Indien poli­ti­sche Schwierigkeiten ein­brach­ten, gegen die ein paar baye­ri­sche Dorfbürgermeister der reinste Kindergeburtstag sind.

Die über­trie­be­nen Reaktionen der anstän­di­gen Deutschen auf diese in ers­ter Linie naive und fast ein biss­chen lie­bens­werte Sekte wären eigent­lich ein durch­aus ernst­zu­neh­men­des Thema. Das heißt natür­lich nicht, dass man gleich einen ernsthaf­ten Film dar­aus machen müsste, aber wie es bei Rosenmüller halt so ist, ist nicht ein­mal ein halb­her­zi­ger Versuch von Vielschichtigkeit zu erken­nen. Seine baye­ri­schen Dorfbewohner sind Comicfiguren, wie man sie in der Seppl-Vorurteilskiste jedes x-beliebigen Norddeutschen fin­det, und die Bhagwan-Jünger kom­men nicht viel bes­ser weg. Als Hauptfiguren müs­sen sie zwar ein biss­chen nach­sich­ti­ger behan­delt wer­den, aber wenn man kurz dar­über medi­tiert, was da eigent­lich vor sich geht, dann erscheint auch wie­der alles platt wie die Münchner Schotterebene: Die freie Liebe schei­tert bei der ers­ten Gelegenheit an Eifersuchtsanfällen, die Rituale kom­men voll­kom­men leer und lächer­lich daher, der große Guru hat es nur auf die blonde Frau abge­se­hen, und die armen Kinderchen lei­den ganz schreck­lich unter ihrem erzwun­ge­nen Anderssein.

Natürlich muss das im Großen und Ganzen so sein, weil die über­zeich­ne­ten Figuren oft die ein­zige Quelle der Komik sind — auch so ein typi­scher Rosenmüller-Effekt, dass man Wortwitz, Pointen und sogar ganz bil­li­gen Slapstick fast ver­geb­lich sucht, aber die male­ri­sche Schlichtheit der ober­baye­ri­schen Ureinwohner immer wie­der für einen Schenkelklopfer her­hal­ten darf.

Bei alle­dem bleibt trotz­dem fest­zu­stel­len, dass Sommer in Orange dann doch zum wie­der­hol­ten Male ein ganz net­ter und amü­san­ter Film gewor­den ist. Petra Schmidt-Schaller und Amber Bongard spie­len ihre Hauptrollen sou­ve­rän, der Rest der Besetzung kommt zumin­dest mit der Klischeehaftigkeit sei­ner Parts ganz gut klar, Ausstattung, Kamera, Musik und was man sonst so alles braucht sind pro­fes­sio­nell unauf­fäl­lig, und Rosenmüller selbst mag viel­leicht nicht gerade der Alleroriginellste und Allersubtilste unter dem blau-weißen Himmel sein, aber das, was er da macht, beherrscht er jeden­falls per­fekt. Seine Werke strah­len jedes­mal wie­der einen Charme aus, der einen dazu bringt, die gan­zen Flachheiten bequem zu verdrängen.

Höchstwahrscheinlich wird sich sein „Kultregisseur“-Stil irgend­wann abnut­zen, aber die­ser Tag ist noch nicht gekom­men. Und, ehr­lich gesagt, von mir aus kann er dann doch auch gerne noch eine Weile so wei­ter machen.

Frost/Nixon (2008)

Seit im Juni 1972 fünf Leute im Watergate-Gebäudekomplex dabei erwischt wur­den, wie sie Wanzen in den Büros der Demokratischen Partei instal­lier­ten und gene­rell am her­um­spio­nie­ren waren, ver­bin­det man mit Richard Nixon vor allem die Erinnerung an den bekann­tes­ten Politikskandal der Geschichte. Die Details der Vorgänge, die zu sei­nem Rücktritt geführt haben, mögen bei den meis­ten in Vergessenheit gera­ten sein, und alles andere, was er als 37. Präsident der USA sonst noch so getan hat, wusste schon Mitte der Siebziger kein Mensch mehr, aber die Endsilbe „-gate“ erkennt sogar auf unse­rer Seite des Atlantiks fast jeder Zehnjährige als Symbol für Korruption und unde­mo­kra­ti­sche Umtriebe.

Dass Nixon mit die­sem Erbe nicht beson­ders glück­lich war, kann man sich leicht den­ken. Er hat immer bestrit­ten, selbst an irgend­wel­chen ille­ga­len Aktivitäten betei­ligt gewe­sen zu sein und wird wohl noch ein paar Jahre lang gehofft haben, sich reha­bi­li­tie­ren zu kön­nen. Zu die­sem Zweck schrieb er seine Memoiren, und zu die­sem Zweck gab er dem bri­ti­schen Fernsehmoderator David Frost ein aus­führ­li­ches Interview. Frost war damals bereits recht popu­lär, aber mit einer Vergangenheit als Komiker galt er nicht unbe­dingt als der seriö­seste Fernsehjournalist weit und breit; es ist also gut mög­lich, dass Nixon hoffte, da einen Gesprächspartner gefun­den zu haben, der sei­ner Rhetorik wenig ent­ge­gen­zu­set­zen hatte. Entscheidend war aber, dass Nixon seine Anwaltslizenz ver­lo­ren hatte und schlicht und ein­fach Geld brauchte: Frost bot die fabel­hafte Summe von 600.000 Dollar, ein Vielfaches des­sen, was andere Interessenten zu zah­len bereit waren. Er hätte daher ver­mut­lich sogar dann den Zuschlag bekom­men, wenn er bis dahin nur die Sesamstraße anmo­de­riert hätte.

Für Frost lohnte sich das Geschäft auch lang­fris­tig. Nixon been­dete die Fernsehaufzeichnung mit eini­gen sehr per­sön­li­chen, nach­denk­li­chen Bemerkungen — kein Geständnis, nur mit viel Phantasie eine Entschuldigung, aber immer­hin genug, um die Sendung zu einem fan­tas­ti­schen Quotenerfolg wer­den zu las­sen. Darauf konnte David Frost eine seriöse Fernsehkarriere auf­bauen, die bis heute anhält und ihm neben Ruhm und Reichtum auch den Ritterschlag der Queen einbrachte.

Die Entstehungsgeschichte die­ses Interviews und das Interview selbst wur­den 2006 von Peter Morgan zu einem Theaterstück ver­ar­bei­tet und zwei Jahre spä­ter, nach einer erfolg­rei­chen Zeit in London und am Broadway, in die Kinos gebracht. Die Hauptdarsteller, Frank Langella als Nixon und Michael Sheen als Frost, über­nahm man aus der Bühneninszenierung, und weil man eine etwas grö­ßere Zielgruppe anspre­chen wollte als das lang­wei­lige Politikfilme übli­cher­weise tun, durfte der eta­blierte Hollywood-Unterhaltungsspezialist Ron Howard Regie führen.

Das Kalkül ging nicht auf — es gab zwar fünf Oscar-Nominierungen, wie sich das für ein anspruchs­vol­les Drama gehört, aber die Einspielergebnisse waren nicht sehr berau­schend. Dabei wird die Story durch­aus flott und humor­voll erzählt, Sheen und Langhella gestal­ten ihre Figuren sym­pa­thisch und ori­gi­nell, und recht schnell hängt man als Zuschauer am Haken und will wis­sen, wie die­ser ver­bale Schlagabtausch zwi­schen dem etwas halb­sei­de­nen Playboy und dem net­ten Opa, in dem ein geris­se­ner Politiker steckt, wei­ter­geht. Alles in allem ist das recht unter­hal­tend und durch­aus auch für Leute geeig­net, die über Politik nicht viel mehr wis­sen, als dass sie wohl ein schmut­zi­ges Geschäft sein soll.

Aus his­to­rio­gra­phi­scher Sicht ist das ande­rer­seits lei­der genau das Problem des Films. Er erkauft sich viel von sei­nem Entertainment-Faktor mit einer deut­li­chen Tendenz zur Über­zeich­nung. Frost mag ein Lebemann und Frauenheld gewe­sen sein, aber nach allem, was man über ihn lesen kann, scheint er auch ein akri­bi­scher Arbeiter gewe­sen zu sein, der wohl kaum so schwach vor­be­rei­tet in eine Sendung gegan­gen wäre wie uns die­ser Film glau­ben machen will. Und Langellas oscar­no­mi­nier­ter Nixon wirkt zwar ange­mes­sen gebro­chen und ein­sam, aber von ein paar Anflügen abge­se­hen ist er sicher­lich nie­mand, den man jemals, wie den ech­ten Richard Nixon, „Tricky Dick“ nen­nen würde. In sei­nen schwächs­ten Momenten wirkt Langella vor allem alt und ein klei­nes biss­chen senil, und das wird dem schlag­fer­ti­gen, wort­ge­wand­ten Nixon, den man in den Original-Interviews bewun­dern kann, auf gar kei­nen Fall gerecht.

Ron Howard setzt dabei oben­drein auf einen sehr doku­men­ta­risch inspi­rier­ten Stil, mit viel Handkamera und sogar „Talking Heads“, die die Vorgänge in der Rückschau erläu­tern und inter­pre­tie­ren. Wenn es die ech­ten Mitarbeiter Frosts wären, die da auf­tre­ten und ihre Sicht der Dinge aus­brei­ten, wäre das natür­lich ein gro­ßer Pluspunkt für die Glaubwürdigkeit der Darstellung, aber tat­säch­lich sehen wir wie­der nur die Schauspieler, die, vor­sich­tig umge­stylt, ihren aus­wen­dig­ge­lern­ten Text zum Besten geben. Damit ober­fläch­lich zwar der Anspruch auf Authentizität erho­ben, aber es bleibt bei der lee­ren Form ohne jede inhalt­li­che Unterfütterung, und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Films stellt sich nur umso intensiver.

Und um den scheint es ins­ge­samt nicht allzu gut bestellt zu sein. Wie es um David Frosts Arbeitsmoral bestellt war, ob er tat­säch­lich an sei­ner läs­si­gen Einstellung zu schei­tern drohte und ob die Finanzierung des teu­ren Interviews tat­säch­lich der­art am sei­de­nen Faden hing wie Frost/Nixon uns glau­ben machen möchte, das ist so ohne Weiteres nicht leicht nach­zu­prü­fen. Dafür fin­det man sehr leicht eine gute Quelle über die Vorgänge wäh­rend des Interviews selbst und das Zustandekommen der selbst­kri­ti­schen Bemerkungen, die der Film als Sieg Frosts fei­ert. Wie Nixons Biograph Jonathan Aitken berich­tet, sind ihm die näm­lich kei­nes­wegs in einem emo­tio­na­len Augenblick unter der Last sei­nes Gewissens ent­fleucht, und Frosts jour­na­lis­ti­sches Talent hatte auch wenig damit zu tun. Vielmehr hatte Nixon die Situation der­art gut unter Kontrolle, dass ihn schließ­lich sogar seine eige­nen Mitarbeiter bedräng­ten, den Zuschauern ein biss­chen mehr zu geben. Was im Film als spon­ta­nes Geständnis gefei­ert wird, war in Wirklichkeit ein sorg­fäl­tig geplan­tes und geschickt prä­sen­tier­tes Statement, und nie­mals ist einer Mitarbeiter sei­ner Mitarbeiter her­ein­ge­platzt, um Nixon in letz­ter Sekunde davon abzu­hal­ten. Ganz im Gegenteil — alle mach­ten sich Sorgen, dass er es doch noch unter den Tisch fal­len las­sen könnte.

Es gibt einige andere erzäh­le­ri­sche Freiheiten, die sich der Film nimmt, und in viele Szenen eine Menge Fragezeichen. Aber die Interpretation des von Frost pro­vo­zier­ten „Geständnisses“ genügt schon ganz allein, um ihn aus his­to­ri­scher Sicht zu ver­wer­fen. Das Thema Nixon ist in den USA immer noch ein hei­ßes Eisen; wer sich da zu einer sol­chen Dehnung der Tatsachen hin­rei­ßen lässt, macht sich der Propaganda ver­däch­tig und ver­liert jede Glaubwürdigkeit. Denn was die Sache ja noch viel schlim­mer mach, ist dies: Man ist geneigt, Jonathan Aitken zuzu­stim­men, wenn er die wahre Geschichte als „much more intri­guing“ bezeich­net. Die Story wird durch die Erfindung des spon­tan geläu­ter­ten Präsidenten aber nicht bes­ser als die Realität, sie wird nur sim­pler, erwart­ba­rer und eher Hollywood-kompatibel. Frost/Nixon ist somit ganz offen­sicht­lich nur ein Unterhaltungsprodukt. Kein ganz schlech­tes, immer­hin, aber lei­der auch kein biss­chen mehr.

Das Blaue vom Himmel (2011)

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Wenn wir im Kino einer deut­schen Journalistin dabei zuse­hen sol­len, wie sie in Lettland die — natür­lich dunkle — Vergangenheit ihrer Mutter erforscht, dann klingt das noch nicht nach einer direkt abschre­cken­den Handlungszusammenfassung. Da könnte man sich auf eine Art inner­fa­mi­liäre Detektivgeschichte ein­rich­ten, womög­lich ein­ge­bet­tet in ein inter­es­san­tes his­to­ri­sches Umfeld, und bestimmt auf einen ordent­li­chen Schuss Emotionen. Leider will aber Hans Steinbichlers Das Blaue vom Himmel weder detek­ti­visch noch his­to­risch sein, son­dern nur gefüh­lig. Durch die­sen sim­plen Umstand wird er dann zum bis­her größ­ten Langweiler die­ses Kinojahrs.

Rein ober­fläch­lich betrach­tet liegt das natür­lich schon mal daran, dass Steinbichler zu die­sen schreck­lich „ruhi­gen“ und „nach­denk­li­chen“ Kameraeinstellungen greift, mit denen man jedem Zuschauer noch vor dem ers­ten Schnitt ver­mit­teln kann, dass sein eige­nes Leben drau­ßen ver­mut­lich inter­es­san­ter wäre als das, was er sich da jetzt zwei Stunden lang in einem abge­dun­kel­ten Raum erzäh­len las­sen soll. Aber die Probleme lie­gen viel tie­fer, näm­lich mal wie­der dort, wo deut­sche Filme ganz tra­di­tio­nell am meis­ten Probleme haben: im Drehbuch, das in die­sem Fall von Josephine Jahnke und Robert Thayenthal stammt.

Die Figur der demen­ten alten Dame Marga Baumanis, die aus ihrem Altersheim aus­bricht, aller­hand äußerst unsym­pa­thi­schen Unsinn anstellt und dabei wir­res Zeug über ihre Jugend in Lettland redet, ist ja an sich schon schwie­rig, weil sie kaum Ansatzpunkte zur emo­tio­na­len Anteilnahme bie­tet. Das ist jetzt sehr vor­sich­tig aus­ge­drückt, man könnte auch ganz ein­fach sagen: sie nervt. Und damit erzeu­gen Jahnke und Thayenthal gleich das nächste Problem, denn Margas Tochter Sofia ver­ste­hen wir auch nur genau so lang, wie sie ihrer Mutter aus den Weg gehen oder sie mög­lichst schnell wie­der los­wer­den will. Was sie dage­gen dazu bringt, sich über­haupt für das zusam­men­hang­lose Gebrabbel zu inter­es­sie­ren, das ihre Mutter stän­dig von sich gibt, kann man schon schwer nach­voll­zie­hen, und dass sie auf die Idee kommt, zusam­men mit ihr ins kri­sen­ge­schüt­telte Lettland zu fah­ren (wir schrei­ben das Jahr 1991), ist schon hart an der Grenze zum kom­plet­ten Blödsinn.

Man könnte vie­les ver­zei­hen, wenn der Film sich auch nur die geringste Mühe geben würde, ein biss­chen Spannung auf­zu­bauen. Aber da fehlt es schon an der Voraussetzung, denn weder in den Szenen der gegen­wär­ti­gen Handlung noch in den Rückblenden erhal­ten wir irgend einen Hinweis dar­auf, wor­auf wir eigent­lich gespannt sein soll­ten. In Lettland ange­kom­men, sehen wir ein­fach nur ein paar Russen (ganz unpro­ble­ma­tisch) und bekom­men dann von einem (ganz leicht auf­find­ba­ren) älte­ren Herrn ohne wei­tere Umschweife die Lösung des Geheimnisses erzählt. Und nach ein paar wei­te­ren Großaufnahmen emo­tio­nal gebeu­tel­ter Gesichter ist der Film dann mehr oder weni­ger auch schon aus.

Über­haupt, die Großaufnahmen. Es ist ganz offen­sicht­lich dass Steinbichler ganz große Gefühle trans­por­tie­ren will, aber er hätte sich dazu halt lie­ber ein paar Schauspieler suchen sol­len, die so etwas auch drauf­ha­ben. Abgesehen viel­leicht von Hannelore Elsner, die aber als Marga natür­lich nur glaub­wür­dig vor sich hin plap­pern muss, besticht die ganze Truppe näm­lich vor allem durch Talentlosigkeit. Speziell Juliane Köhler scheint aus­schließ­lich auf wei­tes Augenaufreißen und robo­ter­hafte Bewegungen spe­zia­li­siert zu sein, ist aber uner­träg­li­cher­weise am längs­ten und am bild­fül­lends­ten zu sehen. Nicht viel bes­ser ist Karoline Herfurth, die die junge Marga der drei­ßi­ger Jahre spielt, und der man keine Sekunde lang die inten­sive, hoff­nungs­lose Liebe abkauft, die ihre Figur quält, aber ihr kann man wenigs­tens zugute hal­ten, dass der Käse, den ihr das Drehbuch vor­schreibt, halt gar zu groß ist.

Zum his­to­ri­schen Hintergrund ist eigent­lich nur zu sagen, dass er für den Film reich­lich irre­le­vant ist. In den aus­führ­li­chen Rückblicken auf Margas Jugend erfah­ren wir, dass da anfangs noch Deutsche in Lettland sind, dass sie dann alle „heim ins Reich“ müs­sen, und dass dann die Russen kom­men und alle nach Lust und Laune in die GULags abtrans­por­tie­ren. Das ist also nicht ein­mal so tief­grün­dig wie die ori­gi­nal­ge­treuen alten Autos, die der Requisiteur in den 1991er Szenen über­all hat hin­stel­len las­sen, aber man muss dafür fast noch dank­bar sein, weil man sich sonst durch­aus in man­chen Momenten Gedanken dar­über machen könnte, ob da nicht manch­mal ein klei­nes biss­chen nost­al­gi­scher Revanchismus mitschwingt.

Es ist alles ein ganz furcht­ba­rer Rückfall in die schlimms­ten Angewohnheiten des deut­schen Kinos: Erzählerische Ideenlosigkeit bei for­ma­ler Großkotzigkeit und inhalt­li­cher Leere. Dass so etwas über­haupt im Kino gezeigt wird, liegt natür­lich nach wie vor an Steinbichlers inzwi­schen acht Jahre zurück­lie­gen­dem Debüt Hierankl, das damals beim Feuilleton als recht gro­ßer Wurf galt und viel­leicht auch ganz ordent­lich war. Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht gese­hen. Aber mit Einschlafhilfen wie Das Blaue vom Himmel dürfte er sei­nen Kredit, so oder so, recht schnell verspielen.

The Way Back (2010)

Erinnert sich noch jemand an So weit die Füße tra­gen, den Fernseh-„Straßenfeger“ von 1959? Oder an das Kinoremake von 2001? Da ging es um den deut­schen Soldaten Clemens Forell, der aus einem sowje­ti­schen Arbeitslager an der Beringstraße flieht und sich tau­sende Kilometer quer durch Sibirien in den Iran durch­schlägt, um wie­der nach Hause zu kommen.

Eine ganz ähnli­che Geschichte erzählte der Pole Sławomir Rawicz, der angeb­lich zusam­men mit einer Gruppe wei­te­rer Häftlinge aus Sibirien nach Indien ent­kom­men war. Und weil ein Pole, der aus dem GULag ent­kommt, inter­na­tio­nal natür­lich viel bes­ser zu ver­kau­fen ist als ein Wehrmachtssoldat, hat Hollywood für seine eigent­lich längst über­fäl­lige Entdeckung des Stoffs jetzt zu die­ser Vorlage gegriffen.

Interessanterweise stellt sich her­aus, dass sowohl Soweit die Füße tra­gen als auch Rawiczs The Long Walk wahr­schein­lich nicht auf Tatsachen beru­hen, denn Archivdokumente wider­spre­chen sowohl Forells rea­lem Vorbild Cornelius Rost als auch der Geschichte Rawiczs. Das heißt nicht, dass es über­haupt keine wah­ren Geschichten über spek­ta­ku­läre Fluchtaktionen aus sowje­ti­schen Gefangenenlagern gibt; es sind tat­säch­lich immer wie­der mal Häftlinge ent­kom­men, wie wir aus Berichten über die danach jeweils fäl­lige Bestrafung des Wachpersonals wis­sen. Aber für spek­ta­ku­läre Odysseen wie in The Way Back, fin­den sich kaum Beweise, und über­haupt waren die wenigs­ten Ausbrecher poli­ti­sche Gefangene. Denn als poli­ti­scher Häftling war man erst geret­tet, wenn man die UdSSR ver­las­sen hatte — die Kopfgelder, die auf einen aus­ge­setzt wur­den, waren hoch und die Strafen für eine Unterstützung ent­flo­he­ner Häftlinge dra­ko­nisch. Ein „nor­ma­ler“ Krimineller konnte sich dage­gen oft ein­fach in der nächs­ten grö­ße­ren Stadt sei­nen dor­ti­gen Kollegen anschlie­ßen und dadurch gut für einige Zeit untertauchen.

Trotz allem ist The Way Back als Geschichtsdarstellung aber nicht völ­lig nutz­los. Einige Details der Darstellung des GULag-Lebens wäh­rend der ers­ten hal­ben Stunde des Films sind durch­aus erhel­lend. Dass bei­spiels­weise die Berufsverbrecher einen wesent­lich höhe­ren Status hat­ten und unter den ande­ren Gefangenen regel­recht gefürch­tet waren, ent­spricht voll und ganz den Tatsachen. Die Figur des Khabarov, der fan­tas­ti­sche Fluchtpläne schmie­det, ohne sie jemals umset­zen zu wol­len und, steht exem­pla­risch für die psy­cho­lo­gi­schen Strategien vie­ler Häftlinge des GULag-System, wäh­rend die por­no­gra­phi­schen Skizzen, mit denen der Zeichner Tomasz Handel treibt, ein sehr hand­fes­tes Beispiel dafür sind, wie man sich mit ein biss­chen Talent das Leben erleich­tern konnte, indem man sei­nen Mitgefangenen die sib­ri­sche Langeweile vertrieb.

Das alles bleibt aber ver­gleichs­weise ober­fläch­lich — mit der emo­tio­na­len Intensität, in der kürz­lich erst Mitten im Sturm das glei­che Thema auf die Leinwand gebracht hat, kann The Way Back nicht die­nen. Und nach dem Ausbruch ver­wan­delt er sich dann ohne­hin in einen rei­nen Abenteuerfilm ohne echte his­to­ri­sche Relevanz, der lei­der nicht ein­mal beson­ders span­nend ist.

Der Regisseur Peter Weir zeich­net ja auch für einen mei­ner Lieblingsfilme ver­ant­wort­lich, näm­lich das extrem rea­lis­ti­sche Seefahrerdrama Master And Commander. Dieses Werk ist bei vie­len Leuten als ziem­li­cher Langweiler ver­schrien, was ich nur wohl nur des­halb nie ver­ste­hen konnte, weil die Seefahrtsgeschichte so ein biss­chen mein Spezialgebiet ist. Nach The Way Back kann ich es unge­fähr nachvollziehen.

Es ist wohl nicht ganz leicht, eine rela­tiv gleich­för­mige Handlung, die sich über viele Monate erstreckt, sau­ber auf Spielfilmlänge zu kom­pri­mie­ren, womög­lich auch noch schön mit dra­ma­ti­scher Entwicklung und Höhepunkt. Deshalb beschränkt sich Weir in sei­nem Drehbuch auf eine eher epi­so­den­hafte Erzählweise, und man­ches, was man da sieht, ist auch ganz nett, aber wenn man kein beson­de­res Interesse an sibi­ri­schen Fernwanderungen mit­bringt, bleibt das ganze lang­wie­rige Gelatsche eher so mit­tel­mä­ßig span­nend. Und irri­tie­rend ist es auch: Gerade war noch eisi­ger Winter, einen Moment spä­ter scheint die warme Sonne über der Taiga, und trotz­dem steht unver­än­dert die Nahrungsknappheit zur Debatte. In einem Moment schlüp­fen die Flüchtlinge durch ein Loch in der chi­ne­si­schen Mauer, ein paar Schnitte spä­ter wer­den sie im Himalaya von einem Sherpa gefunden.

Das ist alles ganz ordent­lich gemacht, aber ein biss­chen belie­big, und es wird auch nicht dadurch bes­ser, dass Weir es mit einem guten Schuss ame­ri­ka­ni­schem Pathos über­gießt: Die Leute mögen ster­ben, aber immer­hin kön­nen sie sich freuen, dass sie als „freie Männer“ gestor­ben sind. Nun ja.

Positiv über­rascht war ich ledig­lich von Colin Farrell. Der zeich­net sich, wenn man ihm eine Hauptrolle gibt, ja immer vor allem dadurch aus, dass er die Augenbrauen so schön lei­dend hoch­zie­hen kann, und durch nicht viel sonst. Den furcht­ein­flö­ßen­den, aber loya­len Kriminellen Valka spielt er hier aber wirk­lich sehr glaub­haft und nuan­ciert. Womöglich täte es ihm ganz gut, wenn er für eine Weile nur noch Bösewichter geben würde. Aber so ein jun­ger Hollywood-Schönling wie er kommt natür­lich gar nicht so leicht an sol­che Rollen ran.

Literatur

Tabu — Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden (2011)

Tabu — Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden (2011)

Ach ja, diese Künstler. Verrückt müs­sen sie sein, Melancholiker, Outcasts und am bes­ten Junkies, nur dann kön­nen sie Großes schaf­fen! Dieses Klischee mag in Wirklichkeit nur für wenige gel­ten, aber wenn es auf einen sicher zutrifft, dann auf den öster­rei­chi­schen Lyriker Georg Trakl, des­sen dunkle, sym­bol­hafte und oft schwer zugäng­li­che Zeilen wohl kaum ent­stan­den wäre, wenn er ein bra­ver Apotheker gewor­den wäre, so wie seine Eltern sich das gewünscht hatten