Die Grünen und das Gras

“Mit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil, das den Besitz kleiner Mengen leichter Drogen straffrei stellt, ist die Forderung nach einer faktischen Legalisierung Realität geworden.”

Meint Jürgen Trittin in der Welt. Man will ausnahmsweise hoffen, dass das nur eine dieser erbärmlichen Wischiwaschi-Formulierungen ist, mit denen sich die Grünen seit Jahren bei Leuten anbiedern wollen, die im Traum nicht daran denken, grün zu wählen.

Wenn er das nämlich ernst meint, dann weiß der gute Jürgen offenbar nicht, wovon er spricht. Dem deutschen Hanfverband ist das auch gleich aufgefallen. Der meint nämlich wörtlich:

“Was für ein unglaublicher Unsinn!”

Und treffender hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Trittin führt nicht weiter aus, worin für ihn die Unterschiede zwischen einer “faktischen” und einer tatsächlichen Legalisierung bestehen, aber die meisten halbwegs vernünftigen Menschen werden sich wohl unter jeder Art Legalisierung ein kleines bisschen mehr vorstellen als die Chance, dass der Staatsanwalt vielleicht das Verfahren einstellt, wenn man mit ein paar Gramm erwischt wird. Wenn jemand gut informiert ist, könnte er sogar darauf hinweisen, dass es auch in den Niederlanden nur eine “faktische” Cannabislegalisierung gibt; und da gibt es, wie jeder weiß, Läden, in denen man das Zeug einfach kaufen kann.

Glücklicherweise sind die Freunde “leichter Drogen” alle gaaanz entspannt, nehmen es als taktisches Manöver und nutzen sogar die Gelegenheit, zur Wahl der Grünen aufzurufen. Wenn sie sich da mal nicht verrechnet haben.

Trittins Ausführungen passen nämlich ganz ausgezeichnet in das Gesamtbild einer Partei, die zwar früher vom “Recht auf Rausch” träumen konnte, die aber heute genau so viel Angst um die Kinder hat wie alle anderen. Im Programm zur Bundestagswahl ist das Kapitel zur Drogenpolitik überschrieben mit “Prävention, Hilfe und Entkriminalisierung”, und da wird dann erzählt von Schwerstabhängigen, gesundheitlichen Schäden, Werbeverboten und “Abstinenzangeboten”. Sogar der Schutz vor dem Passivrauchen gehört dazu! Von einer liberalen Politik um ihrer selbst willen ist da keine Spur mehr, die Frage nach legalen Bezugsquellen spielt sowieso keine Rolle, es geht nur um wirksame Schadensbegrenzung gegen die bösen, bösen Drogen.

Selbst eine Kultfigur wie Christian “Gebt das Hanf frei!” Ströbele, der immerhin den Anbau für den Eigenbedarf legalisieren will, lässt ja ab und zu durchblicken, dass es ihm vor allem bloß um die Gleichbehandlung von Alkohol, Nikotin und Cannabis gehe, eine Argumentation, mit der man genauso gut Schnapsbrennereien schließen könnte. Und das Ganze ist keineswegs bloß das Problem einer Parteiführung, die ihre wilde Basis wahlkampftauglich halten will. Ich erinnere mich da nur zu ungern an einen Antrag an den Bundesparteitag vor zwei Jahren in Nürnberg. Es ging darum, sich gegen das damals drohende (und inzwischen gültige) Verbot der halluzinogenen Pflanze Salvia divinorumauszusprechen. Bekanntermaßen waren die Grünen 2007 schon lange nicht mehr an der Regierung beteiligt und hätten daher keinerlei Einfluss auf die Verbotsentscheidung gehabt; es handelte sich also um einen völlig risikolosen Feel-Good-Antrag, mit dem man billig das Bekenntnis zu einer freiheitlichen Grundhaltung in der Drogenpolitik hätte untermauern können. Leider fand sich aber irgend ein ein ahnungsloser Schwätzer, der von unbekannten Gefahren schwafelte, die Delegierten lehnten das Ganze mit deutlicher Mehrheit ab und fuhren nach Hause, um zu berichten, dass “die Legalisierung(!) von Salvia divinorum glücklicherweise(!) keine Mehrheit” gefunden habe. (Siehe z.B. S. 5 im Rundbrief des KV Pinneberg.)

Tatsächlich würde ich heute wetten, dass in einer rot-gelb-grünen oder rot-rot-grünen Koalition, in der die Frage der Legalisierung weicher Drogen zur Debatte stünde, die Grünen eher nicht die treibende Kraft des Fortschritts sein würden. Wenn man sich ansieht, mit welcher geradezu inquisitorischen Vehemenz sie das Rauchverbot in Gaststätten unterstützen, drängt sich mir eher der Verdacht auf, dass sie eine solche Entwicklung, geleitet von plötzlichen gesundheitspolitischen “Einsichten”, sogar bremsen könnten.

Ich würde daher dem Deutschen Hanfverband im Besonderen und den deutschen Kiffern im Allgemeinen eher nicht zur Wahl der Grünen raten. Da können sie genau so gut im Bett liegen bleiben und noch einen durchziehen. Helfen könnte es stattdessen, wenn wesentlich mehr von ihnen in die Grüne Partei (oder, um ehrlich zu sein, in irgendeine Partei) eintreten würden.

Sie sollten auf Parteitagen aber immer ein paar Joints dabeihaben. Nüchtern dürfte die grüne Realität nämlich kaum zu ertragen sein.