Joschka und Herr Fischer (2011)

Ich bin kein gro­ßer Fan von fil­mi­schen Geschichtsdokumentationen, denn es ist doch so: Bei Spielfilmen weiß jeder, dass sie nur aus Schauspielern, Requisiten und Kulissen beste­hen. Niemand würde das, was er da sieht, für die volle Wahrheit hal­ten. Dadurch kann der Spielfilm die Vorteile des Mediums voll aus­spie­len und den Zuschauer ver­gan­gene Zeiten haut­nah mit­er­le­ben las­sen, ohne dass die unver­meid­li­chen Abweichungen von der his­to­ri­schen „Wahrheit“ Schaden anrich­ten würden.

Dokumentarfilme tre­ten dage­gen immer mit dem Anspruch auf Wahrheit auf. Sie sind die unse­li­gen Ursachen von Sätzen, die mit „Im Fernsehen haben sie aber gezeigt, dass…“ begin­nen. Aber lei­der kann das Medium Film mit dem Anspruch auf Wahrheit und Objektivität nicht umge­hen. Die Bilder sind zu ver­füh­re­risch, und die dra­ma­tur­gi­schen Notwendigkeiten erlau­ben nicht, ein Thema erschöp­fend zu behan­deln; es sei denn, man wollte seine Zuschauer mit Absicht zu Tode lang­wei­len. Die erfolg­reichs­ten Dokumentarfilme sind eigent­lich immer Propaganda, denn erst durch kon­se­quente Einseitigkeit gewin­nen sie ihren Unterhaltungswert — natür­lich vor allem für die, die ohne­hin schon der glei­chen Meinung waren wie der Filmemacher…

Wenn also der ehe­ma­lige grüne Außenminister in Joschka und Herr Fischer sein eige­nes Leben kom­men­tie­ren darf und die Journalisten her­um­nör­geln, dass so ein Format zu „sub­jek­tiv“ sei oder ein absicht­li­cher „Verzicht auf Kritik“, dann ist das Unfug. Eher würde ich sagen, Regisseur Pepe Danquart hat ein­fach nur ver­stan­den, wie sein Beruf funk­tio­niert. Er ist ja nicht umsonst Oscarpreisträger. Ein Film über „sechs Jahrzehnte deut­sche Nachkriegsgeschichte“, wie die dazu­ge­hö­rige Websitewirbt, ist das Ganze dann aber natür­lich auch nicht gewor­den. Es ist ein­fach eine  wei­tere Gelegenheit zur Selbstdarstellung für Joseph Martin Fischer.

Und Selbstdarstellung ist ganz zwei­fel­los immer schon Fischers Kernkompetenz gewe­sen. In die­sem Fach ist er wirk­lich bril­lant. Er trägt seine Entwicklung vom Ministranten über den Straßenkämpfer zum Minister als mora­li­sche Notwendigkeit vor, und man will ihm das alles sogar dann noch bei­nahe glau­ben, wenn er den ori­en­tie­rungs­lo­sen Lebensabschnitt als Frankfurter Taxifahrer ganz unver­schämt als Selbstfindung ver­kauft. Wenn von der deut­schen Geschichte die Rede ist, lässt er den Zuschauer ganz sub­til wis­sen, dass es selbst­ver­ständ­lich er war, der diese Geschichte geprägt hat, ohne sich jemals dazu her­ab­zu­las­sen, so etwas tat­säch­lich wört­lich zu sagen. Und am meis­ter­haf­tes­ten ist, dass er sich mensch­lich gibt, Schwäche zeigt, Fehler zugibt und beschei­den wirkt. Das ver­leiht ihm erst recht die Aura des Über­mensch­li­chen; man denkt an Merkel und Westerwelle und wun­dert sich, warum es heute keine sol­chen Politiker mehr gibt.

Allerdings dau­ert der Film fast zwei­ein­halb Stunden, und in die­ser lan­gen Zeit mer­ken selbst die pri­mi­tivs­ten Feuilletonredakteure, dass ihnen hier nicht die unge­schönte Wahrheit prä­sen­tiert wird. Dann sind sie belei­digt und schrei­ben einen bösen Verriss, aber eigent­lich ist gerade das ein rich­ti­ger Geniestreich von Danquart: Wohl wis­send, dass er ohne­hin nicht objek­tiv sein kann, hat er sich für gna­den­lose, unkom­men­tierte Subjektivität ent­schie­den und bringt dadurch zwar keine brauch­bare geschicht­li­che Darstellung mehr zustande, aber dafür so etwas wie eine fil­misch auf­be­rei­tete Quelle. Wer Bismarcks Gedanken und Erinnerungen liest oder Napoleons Leben und Werk, der wird auch nicht gerade eine wis­sen­schaft­lich fun­dierte Geschichtsinterpretation erwar­ten, aber inter­es­sant ist es trotz­dem, wie sol­che Figuren sich selbst sehen woll­ten. Falls Joschka Fischer keine Zeit oder Lust mehr hat, uns seine selbst­ge­fäl­lige Autobiographie schrift­lich vor­zu­le­gen, dann haben wir also immer­hin die­sen Film.

Natürlich gibt es aber auch gute Gründe, Joschka und Herr Fischer eher mit­tel­mä­ßig zu fin­den. Er ist defi­ni­tiv zu lang gera­ten, schafft es über weite Strecken nicht, Spannung zu erzeu­gen oder zu hal­ten, und er spart die inter­es­san­tes­ten Fragen aus. Wir bekom­men in elen­der Länge lang­wei­lige Details aus Joschkas öder katho­li­scher Vertriebenenkindheit prä­sen­tiert, aber wenn es darum geht, warum Rot-Grün 2005 aus einer Laune her­aus die Bundestagswahl vor­ge­zo­gen hat, dann wer­den wir mit einem schlich­ten „Ich war ja dage­gen“ abge­speist. Man sollte mei­nen, dass da aus angeb­lich über 20 Stunden Rohmaterial mehr her­aus­zu­ho­len gewe­sen wäre, aber offen­bar wollte Fischer ent­we­der nicht dar­über reden oder Danquart hat ihn ein­fach nicht gefragt.

Joschka und Herr Fischer wird in ein paar klei­nen Kinos in gro­ßen Städten lau­fen, aber nicht sehr lange. Danach sehen wir ihn höchs­tens noch­mal bei irgend­ei­nem arte-Themenabend. Das Problem ist nicht nur, dass sich sowieso kaum jemand Dokumentarfilme ansieht, son­dern vor allem auch, dass die­je­ni­gen, die sich für Joschka Fischer inter­es­sie­ren, dann doch nicht so viel Neues erfah­ren werde. Und die ande­ren kön­nen sich’s ja sowieso sparen.