Biutiful (2010)

Aus dem gan­zen Aufgebot der dies­jäh­ri­gen Oscarverleihung istBiutiful der erste Film, der mich wirk­lich beein­druckt hat. Natürlich habe ich ein paar Filme nicht gese­hen, unter ande­rem das angeb­lich so über­ra­gende Social Network, aber was ich gese­hen habe waren — nunja, nicht gerade Enttäuschungen, auch nicht nur mit­tel­mä­ßige Kost, aber eben doch nichts, was in die Filmgeschichte ein­ge­hen wird.

Das ist bei Alejandro González Iñárritus letz­tem Werk viel­leicht auch nicht unbe­dingt der Fall, aber immer­hin bringt Biutifuletwas fer­tig, was viele Filme gerne schaf­fen wür­den, aber sel­ten einer erreicht: er fühlt sich tat­säch­lich an wie ein „authen­ti­sches Unterschichtsdrama“. Das dürfte immer­hin fast so eine Art hei­li­ger Gral des anspruchs­vol­len Kinos sein.

Filmemacher tun sich mit so etwas natur­ge­mäß schwer, denn wenn man so einen Beruf ergrei­fen möchte, ist finan­zi­elle Unabhängigkeit (will sagen: rei­che Eltern) fast eine Grundvoraussetzung, und gute Beziehungen zu ein paar Produzenten oder wenigs­tens ande­ren Künstlern haben auch noch sel­ten gescha­det. Erfolgreiche Regisseure und Schauspieler ent­stam­men daher fast immer zumin­dest der obe­ren Mittelschicht, und wenn man an einen belie­bi­gen Hollywoodstar denkt und bei Wikipedia nach­schaut, dann hat man eine gute Chance fest­zu­stel­len, dass wenigs­tens ein Elternteil auch schon im Filmgeschäft war. Wenn man viele sol­che Leute in einem Filmset zusam­men­steckt, dann kön­nen groß­ar­tige Sachen dabei her­aus­kom­men, aber in den sel­tens­ten Fällen ein glaub­wür­di­ges Bild der „ein­fa­chen Bevölkerung“, mit der ja nie­mand von die­sen Leuten jemals etwas zu tun gehabt hat. Im Moment kann man die­sen Effekt sehr gut an dem Boxerdrama The Fighterbeob­ach­ten, wo der ganze Film von den abzieh­bild­ar­ti­gen Nebenrollen her­un­ter­ge­zo­gen wird, und wer ein para­dig­ma­ti­sches Beispiel sucht, muss nicht wei­ter zurück­schauen als zur Oscarverleihung 2009, wo mit Precious ein ganz grau­en­voll ras­sis­ti­sches, sexis­ti­sches und ins­ge­samt ein­fach däm­li­ches Machwerk als bes­ter Film nomi­niert war.

So etwas ist mög­lich, weil Filmpreisjurys im Allgemeinen ja aus den sel­ben ver­wöhn­ten Söhnchen und Töchterchen beste­hen wie Filmcrews. Und 99% des Publikums, das so etwas sehen will, ganz genauso. Da kann man also mit ein paar mit­leids­hei­schen­den Schockeffekten (Drogen! Morde! Vergewaltigungen!) und einem Eimer vol­ler Vorurteile noch hübsch erfolg­reich sein. Nur bei mir scheint das nicht zu funk­tio­nie­ren, weil ich der selt­sa­men Über­zeu­gung anhänge, dass auch die Ränder und Abgründe der Gesellschaft von Menschen bevöl­kert wer­den und nicht von Freaks aus dem Gruselkabinett.

Uxbal, die Hauptfigur von Biutiful, ler­nen wir als Krebspatienten, als gestress­ten Vater und sogar noch als über­sinn­li­ches Medium ken­nen, bevor wir erfah­ren, dass er ein Kleinganove ist, und obwohl auch er ein paar ziem­lich hef­tige Katastrophen erlebt, kommt es nie soweit, dass er uns als Identifikationsfigur ver­lo­ren­geht und wir uns, wie bei der Konkurrenz so oft, nur noch ange­nehm gruseln.

Aber den Protagonisten gut aus­se­hen zu las­sen ist noch keine große Kunst, auch wenn Javier Bardem in die­ser Rolle schon sehr auf­fäl­lig glänzt. Die wirk­lich erstaun­li­che Leistung Iñárritus und sei­ner Darsteller besteht darin, dass noch die absto­ßends­ten Aktionen jeder letz­ten Nebenfigur abso­lut nach­voll­zieh­bar blei­ben. Die manisch-depressive Exfrau, die fremd­geht, lügt, ihren klei­nen Sohn psy­chisch ter­ro­ri­siert: Müssen wir nicht mögen, ver­ste­hen wir aber. Der kor­rupte Polizist, der aus hei­te­rem Himmel anfängt, Uxbal dann doch Steine in den Weg zu legen: Ein Mistkerl, aber er kann wahr­schein­lich nicht anders. Die Chinesen, die gna­den­los ihre ille­gal ein­ge­wan­der­ten Landsleute aus­beu­ten: Hochgradig unsym­pa­thisch, aber auch sie sind nur Getriebene.

Ich habe mit den Filmen von Iñárritu bis­her ein ein­zi­ges klei­nes Problem gehabt: Sie blei­ben ein­fach nicht im Gedächtnis. Sowohl Amores Perros als auch 21 Gramm sind extrem fes­selnd, solange die DVD läuft, aber ich könnte ohne Hilfe von Wikipedia heute nicht ein­mal mehr ganz grob sagen, was da eigent­lich pas­siert ist. Die ver­wo­be­nen Handlungsstränge, die unkon­ven­tio­nel­len Zeitstrukturen und die vie­len Figuren nei­gen offen­bar dazu, ein biss­chen vom Wesentlichen ablen­ken. Biutiful hat die­ses Problem nicht mehr, er wird ganz kon­ven­tio­nell und chro­no­lo­gisch erzählt. Und ich glaube, die Virtuosität im Jonglieren mit Ereignissen, Kausalitäten und Charakteren, die Iñárritu in sei­nen epi­so­den­haf­ten Werken bewie­sen hat, zeigt sich in einer etwas sub­ti­le­ren Form auch hier, indem sie dafür sorgt, dass die innere Struktur der Handlung bis ins letzte Detail exakt zusammenpasst.

Biutiful hat erstaun­lich viele nega­tive Kritiken bekom­men, die sich aber, soweit ich das auf die Schnelle beur­tei­len kann, vor allem an der nega­ti­ven, pes­si­mis­ti­schen Grundstimmung stö­ren. Das dürfte tat­säch­lich Geschmackssache sein, ein Gutelaunefilm ist das jeden­falls nicht. Vielleicht liegt darin auch der Grund, warum er den Oscar letzt­lich nicht gewon­nen hat. So oder so muss ich jetzt auch noch In einer bes­se­ren Welt sehen. Der hat ihn näm­lich gekriegt, den Oscar, und muss dann ja wohl rich­tig groß­ar­tig sein.