Nowhere Boy (2009)

Das in den letz­ten Jahren so beliebte Genre der Musikerbiographie nimmt sich übli­cher­weise das ganze Leben sei­ner Hauptfigur vor, oder behan­delt wenigs­tens vor­ran­gig die erfolg­reichs­ten Jahre. Vielleicht ist das bei einer über­le­bens­gro­ßen Persönlichkeit wie John Lennon aber gar nicht in befrie­di­gen­der Weise mög­lich. Obwohl er ja nur halb so lang auf die­sem Planeten weilte wie die meis­ten Menschen, gibt es über den Oberbeatle schließ­lich so viel Interessantes zu erzäh­len, dass es unmög­lich dra­ma­tur­gisch strin­gent in einen nur zwei­stün­di­gen Spielfilm gepackt wer­den kann. Hamburg, Beatlemania, der unver­gleich­li­che Ruhm und kom­mer­zi­elle Erfolg, die Konflikte inner­halb der Gruppe, Yoko Ono, die Trennung, das Attentat — jedes ein­zelne die­ser Schlagwörter könnte zu einem gan­zen Drehbuch mit vor­pro­gram­mier­tem Über­län­gen­zu­schlag aus­ge­walzt wer­den. Zum Teil ist das sogar schon pas­siert.

Aber wer hätte über­haupt gewusst, was für eine dra­ma­ti­sche Jugend die­ser Mann dazu noch gehabt hat? Ich jeden­falls nicht. Von sei­ner Tante erzo­gen, weil die Mutter nach der Trennung von sei­nem Vater der Aufgabe psy­chisch nicht gewach­sen war, hin– und her­ge­ris­sen zwi­schen die­sen bei­den ganz unter­schied­li­chen Frauen, gebeu­telt von schu­li­schem Misserfolg und schwe­ren Schicksalsschlägen wie dem Tod sei­nes Onkels, dabei schon früh der ein Troublemaker und mit Ansätzen der Genialität — eine frei erfun­dene Figur hätte auch nicht viel lein­wand­ge­rech­ter aus­fal­len kön­nen. Als eher bei­läu­fi­ger Beatles-Fan und ohne vor­he­rige Recherche bin ich da im Kino geses­sen und habe kaum glau­ben wol­len, dass diese Geschichte wahr sein soll.

Sie ist es aber. Ausführliche Forschungsarbeit ist in die­sem Fall glück­li­cher­weise gar nicht nötig, um das fest­zu­stel­len, weil das andere Leute natür­lich schon viel aus­führ­li­cher erle­digt haben. Wie es aus­sieht, wurde ledig­lich die Abwesenheit der leib­li­chen Mutter etwas ver­schärft, um dem Prozess der Wiederannäherung mehr Kraft zu ver­lei­hen; der ganze Rest ist fast buch­hal­te­risch akku­rat, von den ers­ten Auftritten mit der Beatles-Vorläufergruppe Quarrymen bis hin zu einer detailier­ten Dokumentation Lennons ers­ter Musikinstrumente samt Angaben dar­über wann und von wem er lernte, dar­auf zu spielen.

So etwas kann natür­lich leicht schief­ge­hen. Die Welt hat mehr als eine Promi-Hagiographie gese­hen, die von erschre­cken­der Ödnis geprägt und nur für sol­che Leute ver­dau­lich war, die schon alles über ihr Idol wis­sen und vor allem Spaß daran haben, obskure Einzelheiten wie­der­zu­ent­de­cken. Regisseurin Sam Taylor-Wood und Autor Matt Greenhalgh haben sich die­ses Problem mit Nowhere Boy bis zu einem gewis­sen Grad auch ein­ge­han­delt, indem sie auf lang­wie­rige Einführungen von Personen und Umständen ver­zich­ten und den Zuschauer prak­tisch immer mit­ten ins Geschehen wer­fen. Wenn man nicht schon von irgend­wo­her weiß, wer die gan­zen Jungs in Lennons Liverpooler Jugendclique eigent­lich sind und was spä­ter aus ihnen wird, dann ist es des­halb manch­mal ein biss­chen anstren­gend, dem Geschehen zu folgen.

Glücklicherweise betrifft das aber nur die Subplots um schu­li­sche Schwierigkeiten und erste Auftritte. Die Haupthandlung, die sich um die mensch­li­chen Dramen zwi­schen John (Aaron Taylor-Johnson) und sei­nen bei­den Müttern dreht, wäre sogar dann ver­ständ­lich und inter­es­sant, wenn man von den Beatles über­haupt noch nie etwas gehört hätte. Verantwortlich dafür sind Anne-Marie Duff und Kristin Scott Thomas, die die wirk­lich nicht ganz ein­fa­chen Rollen von Julia Lennon und Mimi Smith so groß­ar­tig spie­len, dass einem vor lau­ter emo­tio­na­ler Beteiligung sol­che Wörter wie „Kitsch“ gleich gar nicht mehr einfallen.

Nowhere Boy ist schon letz­ten Oktober erschie­nen und wahr­schein­lich kaum noch irgendwo im Kino zu sehen, aber wenn man ihn noch irgendwo erwischt, sollte man ihn sich nicht ent­ge­hen las­sen. Außer, man ist ein Hardcore-Beatles-Fan; dann muss man sich ja im Mai sowieso die DVD holen.