Der ganz große Traum (2011)

Wenn ein Film über Fußball in einem deut­schen Multiplexkino nur ein­mal täg­lich am spä­ten Nachmittag gezeigt wird, dann kann man sich schon vor­stel­len, was da unge­fähr los ist. Das Marketing allein kann bei die­sem Thema und in die­sem Land kaum schuld sein, also muss es sich ent­we­der um einen hoff­nungs­lo­sen Langweiler han­deln oder um ziem­lich dümm­li­chen Quatsch, wenn sogar die Kinobetreiber so wenig Hoffnungen in so einen Streifen setzen.

Die Geschichte der Einführung unse­res heu­ti­gen Nationalsports ins von para­mi­li­tä­ri­schen Turnübungen ver­seuchte Kaiserreich sollte doch nor­ma­ler­weise ein mitt­le­rer Kassenmagnet sein, möchte man mei­nen. Aber Der ganz große Traum setzt die­ses Potential der­art schwach um, dass man keine zehn Minuten braucht, um zu sehen, dass das nichts wer­den kann.

Auf der posi­ti­ven Seite darf man fest­hal­ten, dass ein gewis­ser Unterhaltungswert durch­aus vor­han­den ist. Wenn einem alles andere egal ist, sieht man eine nette kleine Story mit Emotion und ein biss­chen Humor. Aber dafür muss man schon ein sehr dickes Fell haben.

Das kleinste Problem ist noch, dass der echte Lehrer Konrad Koch wohl kei­nen gar so schreck­lich dra­ma­ti­schen Kampf aus­fech­ten musste, um sei­nen Schülern das Kicken zu ermög­li­chen wie sein Alter Ego Daniel Brühl. Dass man his­to­ri­sche Ereignisse manch­mal ein biss­chen zuspit­zen muss, um sie kino­t­aug­lich zu machen, ist ja keine son­der­lich skan­da­löse Entdeckung. Traurig ist aber, dass fast alle Nebenfiguren in die­sem Film reine Abziehbilder sind, die wir­ken, als hät­ten sich die Recherchen der Drehbuchautoren Philipp Roth und Johanna Stuttmann zum Erziehungswesen des neun­zehn­ten Jahrhunderts auf die Lektüre des Struwwelpeterbeschränkt.

Ob Lehrer, ob Eltern, wen wir auch zu Gesicht bekom­men: Nichts als ein Haufen stu­rer und erz­blö­der Nationalisten, die im Sportunterricht nur eine Vorübung für den Einmarsch in andere Länder sehen und alles Nichtdeutsche als min­der­wer­tig betrach­ten. Ich würde ver­mu­ten, dass das alles im Großen und Ganzen eine gedan­ken­los ana­chro­nis­ti­sche Projektion von Naziklischees ist; bewei­sen mag ich es nicht, denn zu ernst­haf­ten Nachforschungen fehlt mir bei soviel Unfug jede Motivation. Aber selbst wenn sich der — nach der Reichsgründung zwei­fel­los recht aus­ge­prägte — Nationalstolz damals schon in der­art gro­tes­ken Formen gezeigt haben sollte, müsste man doch fest­stel­len, dass auch das vor­letzte Jahrhundert mit Sicherheit von ech­ten Menschen mit dif­fe­ren­zier­ten Persönlichkeiten bevöl­kert wurde, und nicht von Comicfiguren aus der Klischeeanstalt.

Weitere Plattheiten zei­gen sich, wenn Kochs Schüler gerade noch alles Englische vehe­ment ableh­nen, um nach dem magi­schen Kontakt mit einem Fußball plötz­lich vor Begeisterung zu plat­zen; wenn die kai­ser­li­che Delegation noch vor zwei Minuten das Verbot des neuen Sports in Stein mei­ßeln wollte, um nach einem „deut­schen“ Sieg im Braunschweiger Stadtpark plötz­lich Feuer und Flamme zu sein; und nicht zuletzt, wenn es natür­lich eine Frau sein muss, die als aller­erste eine Abseitsregel ver­steht, die in der dar­ge­stell­ten Form über­haupt erst ein hal­bes Jahrhundert spä­ter ein­ge­führt wurde.

Und obwohl er nicht der Hauptgrund ist, dass hier, um es mal so aus­zu­drü­cken, eine „Hundertprozentige“ auf pein­lichste Weise ver­ge­ben wurde, muss man zwangs­läu­fig auch mal ein paar Worte zu Daniel Brühl ver­lie­ren: Daniel Brühl ist kein Schauspieler. Er ist höchs­tens ein Schauspielerdar­stel­ler. Er spielt unun­ter­bro­chen so, wie echte Schauspieler spie­len, wenn sie jeman­den spie­len sol­len, der schau­spie­lert. Besonders, wenn er gerade kei­nen Text hat, weiß er gar nichts mit sich anzu­fan­gen, beschäf­tigt sich mit zusam­men­hang­lo­sen Gesichtszuckungen und gibt auf jede vor­stell­bare Weise zu ver­ste­hen, dass er über kei­nen Funken Talent verfügt.

Aber das ist wohl so, wenn man jeman­dem eine Rolle gibt, weil man sei­nen Papi von der gemein­sa­men Sesselpfurzerei beim Staatsfernsehen her gekannt hat. Es steht zu ver­mu­ten, dass der Rest der Crew vom Ganz gro­ßen Traum auf ähnli­che Weise in der Branche Fuß gefasst hat…