Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft

Nein, ich habe weder eine beson­dere Leidenschaft für Mittelame­rika noch für die Geschichte der Damenmode. Aber da mir nun schon der eine Film über Coco Chanel aus dem Jahr 2009 über den Weg gelau­fen ist, habe ich selbst­ver­ständ­lich gleich auch den ande­ren auf meine Lovefilm-Liste gesetzt. Und zuver­läs­sig, wie der Zufall nun ein­mal ist, habe ich ihn aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz auch recht schnell in mei­nem Briefkasten gehabt.

Coco Chanel — Der Beginn einer Leidenschaft ist im Gegensatz zur völ­lig spe­ku­la­ti­ven Liebesgeschichte von Coco & Igor ein lupen­rei­nes Biopic, das sich zumin­dest im Rahmen des Branchenüblichen der his­to­ri­schen Wahrheit ver­pflich­tet fühlt. Das recht­fer­tigt eine etwas ein­ge­hen­dere Beschäftigung mit dem Thema.

Die Geschichte

Die Frau, die die Damenmode ins zwan­zigste Jahrhundert füh­ren sollte, stammte aus Verhältnissen, die mit dem Wort „ein­fach“ nur unzu­rei­chend umschrie­ben sind. Ihr Vater war ein flie­gen­der Händler und noto­ri­scher Weiberheld, ihre Mutter ein armes Geschöpf, das durch die Schwangerschaft, die er ihr quasi auf der Durchreise ange­hängt hatte, aller Zukunftshoffnungen beraubt wor­den war und das er als bil­lige Arbeitskraft auf seine Reisen mit­nahm. Gabrielle Chanel wurde 1883 als zwei­tes Kind, aber immer noch unehelich, in Saumur an der Loire gebo­ren und ver­brachte ihre Kindheit in ärmli­chen Verhältnissen. Als die Mutter 1895 starb, lie­ferte ihr Vater sie kur­zer­hand in einem katho­li­schen Waisenhaus ab, wo sie, mit Nadel und Faden, immer­hin die Grundlagen ihres spä­te­ren Handwerks lernte.

Im Alter von 18 Jahren lan­dete Gabrielle Chanel in Moulins. Sie war in einem Mädchenpensionat unter­ge­bracht, arbei­tete als Aushilfe in einem Laden für „Aussteuer– und Babyartikel“ und träumte von einer Karriere als Operettensängerin. Fürs erste reichte es aller­dings nur zu kur­zen Auftritten in niveau­lo­sen Vergnügungsetablissements für die örtli­chen Kavalleriesoldaten, die ihr, nach einem der Chansons aus ihrem schma­len Repertoire, den Spitznamen „Coco“ ein­tru­gen, sowie die Bekanntschaft mit dem Industriellensohn Étienne Balsan, der sie in ihren Ambitionen unter­stützte — lei­der ohne Erfolg, denn die Theaterbetreiber im nahen Vichy befan­den sie schnell für nur mäßig talen­tiert und ihre Stimme für zu dünn.

Balsan war ein Privatier ohne große Sorgen und mit nur weni­gen Zielen im Leben. Als seine Eltern star­ben, legte er sich einen Landsitz bei Compiègne zu, wo er Rennpferde züch­tete, Freunde beher­bergte und wilde Besäufnisse ver­an­stal­tete. Er nahm Gabrielle mit, nicht wirk­lich als Geliebte, eher als stän­di­gen Gast, und sie gab sich dem feu­da­len Lebensstil hin, lag bis in die Mittagsstunden im Bett, las bil­lige Romane und ging so gut wie nie aus. „Das faulste Geschöpf, das man sich den­ken kann“, urteilte Balsan Jahrzehnte spä­ter, obwohl sie jeden­falls Reiten lernte (und sich dafür eine für Damen ganz und gar unschick­li­che Kluft schnei­dern ließ).

Mit der Zeit ent­deckte sie ihre wah­ren Talente. Für eine Schauspielerin unter Balsans Freundinnen fer­tigte sie Hüte an, die bald auch von ande­ren Damen nach­ge­fragt wur­den. Balsan rich­tete ihr ein Atelier in einer Pariser Erdgeschoßwohnung ein, aber die­ses Arrangement stieß schnell an seine Grenzen. Gabrielle hatte so viel Erfolg, dass die Räume zu klein wur­den. Sie wünschte sich einen rich­ti­gen Laden, aber ihr Gönner, der ohne­hin nie ver­stan­den hatte, warum eine Frau selbst arbei­ten will, war zu kei­ner wei­te­ren Investition bereit.

Die Lösung für die­ses Problem war ein rei­cher Brite namens Arthur Capel, den die Franzosen nur „Boy“ nann­ten. Als aus­ge­zeich­ne­ter Polospieler und in einer Zeit, in der alles Englische bei den Franzosen schreck­lich en vogue war, war er seit 1908 ein will­kom­me­ner Gast auf Étienne Balsans Landsitz. Er war anders als die sim­pel gestrick­ten Pferdenarren und Partyhengste, die sich sonst dort her­um­trie­ben: welt­män­ni­scher, gebil­de­ter, mit einer Vielzahl von Interessen. Er fas­zi­nierte Gabrielle, und ihre unge­wöhn­li­che Persönlichkeit hatte auf ihn die glei­che Wirkung. Wenn man Étienne über­haupt als Cocos Liebhaber bezeich­nen konnte, so ver­lor er diese Stellung nun, in einer nicht ganz eifer­suchts­freien, aber erstaun­lich zivi­li­siert von­stat­ten gehen­den Überg­angs­zeit, nach und nach an Boy Capel, der Gabrielle Chanels Ein und Alles wer­den sollte. Wenn sie spä­ter davon spach, nur ein­mal geliebt zu haben, dann meinte sie immer ihn.

Boy unter­stützte sie mit einem Darlehen, das ihr ermög­lichte, im Jahr 1911 ein klei­nes Haus in der Pariser Rue Cambon zu kau­fen. Es sollte der Grundstein ihres Welterfolgs wer­den. Schon wäh­rend des Weltkriegs folg­ten Modesalons in Deauville und Biarritz, und als Arthur Capel 1919 bei einem Autounfall ums Leben kam, war Chanel ange­sichts des Verlustes eine unglück­li­che, aber nun­mehr auch unab­hän­gige Frau.

In den fol­gen­den Jahrzehnten wurde aus dem Waisenkind Gabrielle die mit wei­tem Abstand ein­fluss­reichste Modedesignerin ihrer Zeit, wenn nicht aller Zeiten. Sie sprach zeit­le­bens ungern über ihre Herkunft, und wenn, dann tischte sie ihren Zuhörern gerne die wil­des­ten Lügengeschichten auf. Aber ohne die Zeit im Waisenhaus, ohne den prä­gen­den Kontakt zum ein­fa­chen, arbei­ten­den Volk hätte sie es wohl kaum zustande gebracht, die Frauen aus den unprak­ti­schen, mit­tel­al­ter­li­chen Kostümierungen des 19. Jahrhunderts zu befreien.

Der Film

Es gibt nicht wenige Leute, denen Anne und Camille Fontaines Darstellung des Werdegangs von Coco Chanel des­halb nicht gefällt, weil sie ihnen zu sehr ein Aschenputtel-Märchen und zu wenig die Geschichte einer gelun­ge­nen Emanzipation ist, aber wer sei­nen Geschmack so von sei­nen poli­ti­schen Vorlieben prä­gen lässt, dem ist nicht zu hel­fen. Tatsächlich ist gerade die­ser Aspekt wohl eher zu loben als zu kri­ti­sie­ren, denn Chanels Werdegang war in die­sen frü­hen Jahren eben kein Sich-Durchkämpfen einer star­ken Frau gegen alle gesell­schaft­li­chen Widerstände. Sie war talen­tiert und krea­tiv, sicher­lich, aber um auch erfolg­reich zu sein brauchte sie die Hilfe nicht eines, son­dern gleich zweier Prinzen. Man stelle sich vor, sie hätte eine schiefe Nase gehabt, wäre über­ge­wich­tig gewe­sen oder, Gott bewahre, am Ende gar ein Mann — die Moderevolution wäre man­gels finan­zi­el­ler Mittel glatt ausgefallen.

Coco avant Chanel, wie der Film weni­ger sper­rig im fran­zö­si­schen Original heißt, ist eine freie Adaption der Chanel-Biographie der fran­zö­si­schen Journalistin Edmonde Charles-Roux von 1971. Das ist ein Werk, das über seine wis­sen­schaft­li­che Genauigkeit kaum Zeugnis in Form von Fußnoten und biblio­gra­phi­schen Referenzen ablegt, das aber zumin­dest bis vor kur­zem mehr oder weni­ger die ein­zige umfang­rei­chere Abhandlung zum Thema gewe­sen zu sein scheint, die nicht nur der puren Heldinnenverehrung dient. (Es scheint ein sehr aktu­el­les Buch von Justine Picardie zu geben, das sich in den Beständen mei­ner Lieblingsbibliothekaber lei­der bis­her nicht ein­ge­fun­den hat.)

Man kann inso­fern Abweichungen von Charles-Roux‘ Version nähe­rungs­weise als his­to­ri­sche Fehldarstellungen behan­deln; aus die­ser Perspektive schnei­det Coco avant Chanel recht gut ab. Vielleicht darf man sich fra­gen, wel­chen dra­ma­tur­gi­schen Sinn es hat, aus Étienne Balsans Schloss einen alt­ehr­wür­di­gen Familiensitz samt Ahnenportraits zu machen, wo er das Anwesen doch in Wahrheit erst kurz vor Chanels Einzug gekauft hatte, aber das wären nun wirk­lich Petitessen. Eher inter­es­sant wäre, warum dies oder jenes nicht erzählt wird: etwa die Tatsache, dass auch Balsan sie schon mit einem Atelier in Paris unter­stützte, bevor sie mit Boy Capels Hilfe die erste eigene Immobilie kaufte. Oder, wenn wir schon dabei sind, der gesamte erste Weltkrieg, der irgend­wann in den letz­ten zehn Minuten, vor Capels Autounfall, zwi­schen­durch statt­ge­fun­den haben sollte. Beides gehört nicht zum Thema, bei­des passt nicht gut in den Erzählstrang, mag sein, aber das Nichtwissen ver­zerrt doch auch ein biss­chen die kor­rekte Wahrnehmung. Für die zahl­reich ein­ge­streu­ten Anekdötchen, die ihre Persönlichkeit und ihre Inspirationsquellen illus­trie­ren sol­len, dürfte man außer­dem nur schwer Belege fin­den, aber das ist natür­lich ein grund­sätz­li­ches Problem des Mediums Film, das immer nach expli­zi­ten Details ver­langt, selbst wenn es nur ober­fläch­li­che Botschaften trans­por­tie­ren will.

Audrey Tautou inter­pre­tiert ihre Rolle arg fröh­lich und mit sehr zurück­ge­nom­me­ner Strenge und Launenhaftigkeit, was nicht ganz dem Coco-Klischee ent­spricht. Bis zu einem gewis­sen Grad kann die fabel­hafte Amélie viel­leicht nicht anders, jeden­falls habe ich sie auch noch in kei­nem ande­ren Film rich­tig aus­flip­pen gese­hen. Tautou ist das ein­zige echte Zugpferd in der Besetzung, inso­fern ist nicht ganz klar, ob die Produzenten das um der Kinokassen wil­len in Kauf neh­men muss­ten oder ob sie es so beab­sich­tigt haben. Natürlich spielt es aber auch kaum eine Rolle, denn wer kann schon sicher sagen, wie die junge Coco wirk­lich gewe­sen ist.

Sein ein­zi­ges grö­ße­res Problem teilt Coco avant Chanel mit vie­len Vertretern des Genres: er ist eigent­lich nur für Eingeweihte ver­ständ­lich. Zwar über­schüt­tet er uns nicht wie so viele andere mit Namen und Gesichtern, die man schließ­lich nicht mehr aus­ein­an­der­hal­ten kann, aber die Bedeutung einer gan­zen Reihe von Szenen kann doch nur einem Zuschauer klar wer­den, der ein biss­chen mehr über Gabrielle Chanel weiß als das, was das übli­che Allgemeinwissen so her­gibt. Für Unvorbereitete bleibt außer der im Grunde nicht sehr fes­seln­den Cinderella-Story und eini­gen über­deut­li­chen Anspielungen auf das Korsett, aus dem Chanel die Frauen ja eigen­hän­dig befreit haben wollte, nicht viel übrig.

Fazit

Wir haben hier eine not­wen­di­ger­weise ver­kür­zende, aber ver­mut­lich ganz akku­rate Biographie der jun­gen Gabrielle Chanel. Wer die große Coco (ver­dien­ter­ma­ßen) ver­ehrt, sollte die­sen Film gese­hen haben. Ebenso alle Fans von Audrey Tautou. Alle ande­ren amü­sie­ren sich wahr­schein­lich auch ein biss­chen, ver­pas­sen aber nicht viel, wenn sie statt­des­sen ein­fach kla­mot­ten­shop­pen gehen.