Under Fire (1983)

Nicaragua hatte ich ja, wie’s der Zufall will, bereits im ruhm­rei­chen ers­ten Artikel die­ses Blogs. Damals ging es um eine Kuriosität des neun­zehn­ten Jahrhunderts, jetzt wen­den wir uns der Zeitgeschichte zu.

Ein Film, der nur vier Jahre nach den Ereignissen, die er por­trä­tiert, in die Kinos kommt, kann eigent­lich kaum als „his­to­risch“ gel­ten, und tat­säch­lich war Under Fire natür­lich nicht dafür gedacht, das Publikum über den genauen Ablauf der Nicaraguanischen Revolution zu unter­rich­ten. Eher schon ging es um poli­ti­sche Propaganda, was die ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit, die gerade den Republikaner Ronald Reagan ins Weiße Haus gewählt hatte, im Jahr auch 1983 durch­aus ver­stan­den und mit ent­spre­chen­dem Desinteresse quit­tiert hat. Nun, da haben die Yankees dann doch was verpasst…

Die Geschichte

Zwischen 1912 und 1933 war der mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Staat Nicaragua von Truppen der USA besetzt, die das Land erst ver­lie­ßen, nach­dem ihnen der Guerillaführer Augusto Sandino jah­re­lang zuge­setzt hatte. Die Amerikaner ver­schwan­den aber nicht spur­los, son­dern hin­ter­lie­ßen eine von ihnen aus­ge­bil­dete schlag­kräf­tige Nationalgarde unter dem Kommando ihres treuen Verbündeten Anastasio Somoza, der nichts Besseres zu tun hatte als den Nationalhelden Sandino hin­ter­rücks ermor­den zu las­sen und zügig eine Diktatur zu errichten.

Somoza brachte etwas zu Stande, was alle Usurpatoren gerne tun wür­den, aber nur sehr wenige schaf­fen: Er begrün­dete eine Dynastie. Obwohl er 1956 einem Attentat zum Opfer fiel, nach­dem seine Kleptokratie das Land gar zu sehr aus­ge­räu­bert hatte, schaff­ten es nach­ein­an­der seine bei­den Söhne Luis und Anastasio(gewis­ser­ma­ßen „der zweite“), die Macht in der Familie zu hal­ten. Doch es for­mierte sich auch Widerstand. Beginnend in den frü­hen sech­zi­ger Jahren führte die nach Augusto Sandino benannte Rebellenorganisation der „Sandinisten“ einen Guerillakrieg gegen Somozas Nationalgarde, und je här­ter der Diktator und seine Söhne gegen ihre Gegner vor­gin­gen, je tie­fer sie das ver­armte Land in die Krise stürz­ten, desto mehr Zulauf fand die Opposition. Ende der sieb­zi­ger Jahre konn­ten sich die Somozas nicht ein­mal mehr auf die kon­ser­va­tive Oberschicht ver­las­sen und wur­den schließ­lich 1979 in der Nicaraguanischen Revolution davongejagt.

Leider bedeu­tete das nicht, dass in Nicaragua nun Frieden ein­kehrte. Die US-Regierung, immer umge­trie­ben von der Angst vor einem „zwei­ten Kuba“, einem wei­te­ren sozia­lis­ti­schen Staat vor ihrer Haustür, rüs­te­ten die zumeist in den nörd­li­chen Nachbarstaat Honduras geflüch­te­ten Einheiten der nica­ra­gua­ni­schen Nationalgarde mit Waffen und Geld aus, so dass sie als „Contras“ ein wei­te­res Jahrzehnt lang für bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustände in ihrem Heimatland sor­gen konnten.

Der Film

Under Fire erzählt die fik­tive Geschichte des Kriegsreporters Russell Price
(Nick Nolte), der 1979 durch die Fälschung eines Fotos des ebenso fik­ti­ven Rebellenführers „Rafael“ der san­di­nis­ti­schen Revolution eine ent­schei­dende Wendung gibt. Die auf­fäl­ligste Eigenheit des Films ist dabei die fast sati­risch wir­kende, aber ver­mut­lich nicht völ­lig unrea­lis­ti­sche Darstellung des täg­li­chen Lebens aus­län­di­scher Journalisten in einem Kriegsgebiet. Price und seine Kollegen kom­men nach Nicaragua, weil sie sich ein „net­tes Hotel und einen sau­be­ren klei­nen Krieg“ mit ein paar inter­es­san­ten Storys und Fotos ver­spre­chen, und in der Tat kön­nen sie fröh­lich am Pool sit­zen und Drinks schlür­fen, wäh­rend drau­ßen die Kämpfe toben. Es ist weni­ger die gefähr­li­che poli­ti­sche Lage als Price‘ eige­ner Ehrgeiz, der ihn schließ­lich in Schwierigkeiten bringt, wenn er auf der Suche nach Rafael zusam­men mit Rebellen in Feuergefechte gerät und sich mit dem Regime anlegt.

Der zweite inter­es­sante Aspekt, und die Hauptaussage von Under Fire, ist seine klar pro­san­di­nis­ti­sche Ausrichtung, die ihn zu einem Flop in den USA und zu einem Erfolg im Rest der Welt gemacht haben. Präsident Somoza erscheint als gewis­sen­lo­ser Großkotz, der Folterkammern unter­hält, sich an inter­na­tio­na­len Hilfslieferungen berei­chert und nur von Washington an der Macht gehal­ten wird, aus dif­fu­ser Angst vor den „Commies“; die Sandinisten dage­gen sind ebenso ehren– wie hel­den­haft und wer­den von der Bevölkerung geliebt. Das ist etwas ein­di­men­sio­nal, wenn man weiß, dass auch die Revolutionäre sich nicht als die vor­bild­lichs­ten Demokraten erwie­sen haben, aber als der Film pro­du­ziert wurde, konnte es wahr­schein­lich fast als objek­tive Darstellung der Situation in Nicaragua durch­ge­hen. Sympathie für einen Verbrecher wie Somoza darf ja sogar bis heute als unan­ge­bracht gel­ten, und die Hinweise auf die undurch­sich­tige Rolle der ame­ri­ka­ni­schen Regierung und der CIA erschei­nen ange­sichts des­sen, was in den Achtzigern noch kom­men sollte, fast pro­phe­tisch. (Die ers­ten Maßnahmen Ronald Reagans zur Unterstützung der Contras wer­den aller­dings wohl schon vor Drehbeginn klar­ge­macht haben, wo die Loyalitäten der USA lagen.)

Regisseur Roger Spottiswoode, ansons­ten vor allem bekannt für den mit­tel­mä­ßi­gen James-Bond-Streifen Der Morgen stirbt nie, baut um seine poli­ti­sche Botschaft herum über­ra­schen­der­weise einen Film auf, den man sich pro­blem­los ein­fach um der Spannung wil­len anse­hen kann, und ent­fal­tet natür­lich gerade dadurch beson­dere pro­pa­gan­dis­ti­sche Wirkung. Wer hier 1983 ahnungs­los ins Kino gegan­gen ist, ist jeden­falls sicher nicht als Anhänger Anastasio Somozas oder der Contras wie­der herausgekommen.

Fazit

Unabhängig von Geschichte und Politik ist Under Fire ein fes­seln­der Actionfilm. Die Darstellung der Nicaraguanischen Revolution ist dabei zwei­fel­los poli­tisch ten­den­ziös und nicht allzu viel­schich­tig, gibt aber zu kon­kre­ter Kritik eigent­lich wenig Anlass.