Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat (2008)

Was war das damals für eine Frechheit! Hollywood wollte den glor­rei­chen deut­schen Widerstand zum Unterhaltungsprodukt machen! Gedenkstätten ent­wei­hen, Originalschauplätze besu­deln, alles durch den Kakao zie­hen, Deutschland vor der gan­zen Welt lächer­lich machen. So jeden­falls habe ich das Gezeter unge­fähr in Erinnerung, das durch den Blätterwald rauschte, als die Produzenten von Operation Walküre in Berlin um Drehgenehmigungen nach­such­ten. Als der pein­li­che Scientologe Tom Cruise sich dann ein paar Monate spä­ter mit dem „Courage-Bambi“ den pein­lichs­ten Medienpreis aller Zeiten abholte und in der Dankesrede pein­li­cher­weise „Es lebe das hei­lige Deutschland!“ sagte, war die Welt eh schon wie­der in Ordnung. Ach ja, und ein gar nicht so pein­li­cher Film ist neben­her auch entstanden.

Die Geschichte

Es ist das Jahr 1944. Seit Monaten trifft sich in der Berliner Wohnung des 1938 aus Protest gegen Hitlers Kriegsplanungen zurück­ge­tre­te­nen Generaloberst Ludwig Beck der natio­nal­kon­ser­va­tive Widerstand – hoch­ran­gige Politiker und Offiziere der Wehrmacht, die Pläne für einen Staatsstreich gegen Hitler schmie­den. Nur wenige echte Demokraten sind dar­un­ter, die aller­meis­ten seh­nen sich zurück in die Zeit und das poli­ti­sche System des Kaiserreichs, und viele sind ehe­ma­lige Anhänger des Nationalsozialismus. Aber sie haben erkannt, dass Hitler den Krieg ver­lie­ren wird, und beschlos­sen, dass er besei­tigt wer­den muss.

Ihre ein­zige rea­lis­ti­sche Hoffnung ist die Wehrmacht. Ihre mili­tä­ri­sches Potenzial ver­spricht die Chance, einen Umsturz erfolg­reich her­bei­zu­füh­ren und die Macht gegen regime­treue Kräfte etwa in der SS zu ver­tei­di­gen. Aber die Soldaten der Wehrmacht haben einen Eid auf Adolf Hitler geschwo­ren; solange der Führer lebt, besteht also wenig Hoffnung, dass gerade die von mili­tä­ri­schem Ehrgefühl getra­ge­nen Offiziere einen Putsch unter­stüt­zen könn­ten. Das erste Ziel der Verschwörer muss also die Beseitigung des Führers sein. Wenn Hitler tot wäre, so war der wei­tere Plan, würde man „front­fremde Parteiführer“ für das Attentat ver­ant­wort­lich machen, das in Deutschland sta­tio­nierte Ersatzheer alar­mie­ren, die Gegner des Umsturzes ver­haf­ten las­sen, eine neue Regierung unter Ludwig Beck als „Reichsverweser“ und pro­vi­so­ri­schem Staatsoberhaupt bil­den und den Krieg end­lich been­den, bevor es zu spät war.

Zentrale Figur des Plans war der junge Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, ein Abkömmling alten schwä­bi­schen Adels, des­sen Begeisterung für Hitler mit den ers­ten Misserfolgen in Russland geschwun­den war und der in Nordafrika ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger der lin­ken ver­lo­ren hatte. Er hatte eine Position in Berlin inne, die ihm die Autorität ver­lieh, das Ersatzheer zu befeh­li­gen, falls der eigent­li­che Befehlshaber Generaloberst Fromm sich nicht auf die Seite des Widerstands schla­gen würde. Und es kris­tal­li­sierte sich her­aus, dass er auch der ideale Mann für die Ausführung des Attentats war, da er Hitler als ein­zi­ger nahe genug kom­men konnte und auch über die nötige Tatkraft ver­fügte. (An letz­te­rem Punkt war bereits ein ande­rer Kandidat gescheitert.)

So kam es zu der stra­te­gisch etwas ungüns­ti­gen Notwendigkeit, dass Stauffenberg am 20. Juli 1944 zunächst eigen­hän­dig Hitler in die Luft spren­gen und dann so schnell wie mög­lich im einige Flugstunden ent­fern­ten Berlin das Kommando über­neh­men sollte. Idealerweise hät­ten seine Mitverschwörer dort schon Teile der Operation ansto­ßen kön­nen, doch nach einem nicht durch­ge­führ­ten Anschlagsversuch einige Tage zuvor muss­ten sie dies­mal vor­sich­tig sein. Sie hat­ten bereits Verdacht auf sich gezogen.

Stauffenberg erreichte das Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen am 20. Juli 1944 mit fast zwei Kilo Sprengstoff und eini­gen Zeitzündern in einer Aktentasche; kurz vor der Lagebesprechung, bei der Hitler ster­ben sollte, wollte er die Zünder ein­set­zen. Da die Besprechung kurz­fris­tig vor­ver­legt wurde, blieb für die­sen nicht ganz unkom­pli­zier­ten Vorgang weni­ger Zeit als erwar­tet, und Stauffenberg wurde oben­drein von einem Unteroffizier dabei gestört. Er konnte nur die Hälfte des Sprengstoffs scharf­ma­chen und ver­säumte es aus bis heute nicht geklär­ten Gründen, die andere Hälfte mit in die Tasche zu legen, die er kurz dar­auf beim Besprechungstisch depo­nierte. Sie wäre auch ohne Zünder ein­fach mit­ex­plo­diert, wodurch mit gro­ßer Sicherheit alle Anwesenden im Raum getö­tet wor­den wären.

Statt des­sen über­lebte Hitler, und mit ihm die meis­ten ande­ren Teilnehmer der Besprechung. Stauffenberg, der Mühe hatte, die in Alarmzustand ver­setzte Wolfsschanze zu ver­las­sen, ahnte davon nichts und lan­dete in Berlin in der Über­zeu­gung, Hitler sei tot. Er lei­tete ganz nach Plan den Staatstreich ein, aber es war zu spät: Kurz nach Beginn der als „Walküre“ bezeich­ne­ten Operation tra­fen Meldungen aus der Wolfsschanze ein, dass Hitler noch am Leben war. Der Wind drehte sich somit rasch gegen die Verschwörer, die schließ­lich am spä­ten Abend in ihrer Zentrale im Berliner Bendlerblock gestellt wur­den. Stauffenberg und drei andere Rädelsführer wur­den noch in der sel­ben Nacht erschos­sen, die meis­ten ande­ren Beteiligten wur­den vor Roland Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.

Der Film

Bei der lan­des­ty­pisch auf­ge­reg­ten Debatte um die Drehgenehmigungen für den Film an den Originalschauplätzen in Berlin stand der dümm­li­che Gedanke im Vordergrund, der Scientologe und ver­mut­lich niveau­lose Amerikaner Tom Cruise könnte das Ansehen des Nationalhelden Stauffenberg in den Schmutz zie­hen. Aber alle, die diese Befürchtung heg­ten, dürf­ten mit Operation Walküre am Ende mehr als glück­lich gewe­sen sein, denn eine Herabwürdigung des natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Widerstands ist sicher­lich das letzte, was man dem Film vor­wer­fen kann.

Auch die his­to­ri­schen Unwahrheiten, die man ihm ange­krei­det hat, sind nicht beson­ders pro­ble­ma­tisch. Der Drehbuchautor ver­wen­det die Legende von der über­ra­schen­den örtli­chen Verlegung der Lagebesprechung vom 20. Juli aus einem mas­si­ven Bunker in eine ein­fa­che Barracke, in der die Sprengwirkung durch die offe­nen Fenster ver­pufft sein soll. Das ist ein Zeichen für schlechte Recherche, denn diese Idee ist seit wenigs­tens 25 Jahren wider­legt, und dra­ma­tur­gisch not­wen­dig ist sie auch nicht. Dass Stauffenberg sich vom Führer per­sön­lich die Unterschrift zu den Putschbefehlen geholt haben soll, ist natür­lich eben­falls eine his­to­ri­sche Fiktion hart an der Grenze zum Blödsinn. Aber im Großen und Ganzen wer­den die Fakten gut dar­ge­stellt, die Geschichte wird packend erzählt, und für die Kleinigkeit, die uns Historikern bis heute Rätsel auf­gibt, hat man eine sehr feine und glaub­hafte Lösung gefun­den: Dass nur ein Kilo Sprengstoff ver­wen­det wurde könnte in der Tat ein­fach auf eine hek­ti­sche Verwechslung der Art zurück­zu­füh­ren sein, wie sie im Film gezeigt wird.

Wenn man die Cruise-Version die­ser deut­schen Heldengeschichte schlecht fin­den möchte, dann fin­det man die Gründe eher darin, dass sie zu sehr Heldengeschichte ist. Der wahre Stauffenberg war schließ­lich nicht nur Widerstandskämpfer, er war auch erz­kon­ser­va­tiv bis zur Rückwärtsgewandtheit, ein Nationalist, ein eli­tä­rer Antidemokrat und wahr­schein­lich, wie die meis­ten sei­ner Standesgenossen, Antisemit. Man muss dem Film die ein­sei­tig posi­tive Darstellung sei­ner Hauptfigur aller­dings nicht unbe­dingt nach­tra­gen, denn er inter­es­siert sich für poli­ti­sche Standpunkte und Beweggründe ein­fach so gut wie gar nicht und behaup­tet daher auch nicht viel Falsches dar­über. Eine rich­tig gute Verfilmung des Stoffes müsste aber der­einst auch diese Aspekte beleuchten.

Und dass diese kleine Unzulänglichkeit von der deut­schen Filmkritik recht oft über­se­hen wor­den ist, ist doch zumin­dest auch inter­es­sant. Nicht wahr?

Fazit

Ein ziem­lich guter Action-Thriller, der sich ein akzep­ta­bles Maß an Freiheit mit dem his­to­ri­schen Stoff gönnt. So infor­ma­tiv wie eine Guido-Knopp-Dokumentation ist Operation Walküre wohl auch. Aber viel unterhaltsamer.

Literatur

  • Hoffmann, Peter: Warum miss­lang das Attentat vom 20. Juli 1944? In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Bd. 32 (1984) Nr. 3, S. 441–461.
  • Winter, P.R.J: British Intelligence and the July Bomb Plot of 1944: A Reappraisal. In: War in History Bd. 13 (2006) Nr. 4, S. 468–494.