Der Adler der neunten Legion (2011)

Der junge römi­sche Zenturio Marcus Flavius Aquila bricht mit sei­nem bri­tan­ni­schen Sklaven in die von wil­den Barbarenstämmen bewohnte Region nörd­lich des Hadrianswalls auf. Er sucht nach einem gol­de­nen Adler, dem Feldzeichen der neun­ten römi­schen Legion, die dort Jahre zuvor spur­los ver­schwun­den ist — unter dem Kommando sei­nes Vaters. Nur, wenn er die­sen Adler zurück nach Rom bringt, kann er die ange­schla­gene Ehre sei­ner Familie wiederherstellen.

So erzählt es Rosemary Sutcliff in ihrem Jugendroman Der Adler der neun­ten Legion, und so gibt es auch Kevin Macdonald in sei­nem gleich­na­mi­gen Film wie­der. Der geschicht­lich fass­bare Kern die­ser Story besteht im Fund einer bron­ze­nen, flü­gel­lo­sen Adlerfigur in Südengland und ansons­ten nur noch im Schweigen der Über­lie­fe­rung über den Verbleib einer römi­schen Kampftruppe in Britannien nach dem Jahr 117. Man nahm frü­her an, dass die Legio VIIII Hispana in schwe­ren Kämpfen im heu­ti­gen Schottland völ­lig auf­ge­rie­ben wurde, aber inzwi­schen ver­mu­ten die Historiker, dass sie ledig­lich ver­legt wurde und erst viel spä­ter im Osten des Reichs ver­lo­ren­ging. Und die Bronzestatuette steht allen Erkenntnissen nach in gar kei­ner Beziehung zum römi­schen Militär.Der Adler der neun­ten Legionbewegt sich damit von Grund auf im his­to­ri­schen Phantasialand, aber ange­sichts der extrem dün­nen Quellenlage zu die­ser bald zwei Jahrtausende ent­fern­ten Vergangenheit ist das kein gro­ßer Vorwurf, denn es gilt mehr oder weni­ger für jede Erzählung über diese Zeit. Wenn man sich mit anti­ker Geschichte beschäf­tigt, ist es oft nur allzu leicht mög­lich, alle ver­füg­ba­ren schrift­li­chen Zeugnisse zu einem bestimm­ten Thema inner­halb kür­zes­ter Zeit zusam­men­zu­tra­gen und zu lesen; der Hauptteil der Arbeit erschöpft sich dann in idea­ler­weise detek­ti­vi­scher, gele­gent­lich aber auch eher lite­ra­ri­scher Spekulation um das, was zwi­schen die­sen weni­gen Zeilen steht.

Die Geschichte, die Der Adler der neun­ten Legion erzählt, hat sich also mit ziem­li­cher Sicherheit nie so zuge­tra­gen, und genau­ge­nom­men ist schon die Vorstellung, jeder Römer wäre nörd­lich der Grenze frü­her oder spä­ter von Horden pri­mi­ti­ver Urmenschen gelyncht wor­den, maß­los über­trie­ben. Denn es gab nach­weis­lich auch fried­li­che Handelskontakte mit den bar­ba­ri­schen Nachbarn; man­che Forscher ver­mu­ten sogar, dass der Bau des Antoninuswalls, einer spä­ter viel wei­ter nörd­lich errich­te­ten zwei­ten Grenzbefestigung, über­haupt nur auf den Unmut der­je­ni­gen „Barbaren“ zurück­zu­füh­ren gewe­sen sei, die durch den Hadrianswall von den Segnungen der römi­schen Zivilisation abge­schnit­ten wor­den waren.

Über­haupt, die Barbaren. Der Adler der neun­ten Legion kon­zi­piert sie als wilde Mischung aller vor­stell­ba­ren Hollywoodklischees: Sie zele­brie­ren obskure Riten wie im zwei­ten Teil von Indiana Jones, lesen Spuren wie Indianer aus einem alten Western, kämp­fen wie die Urwaldbewohner aus Mel Gibsons Apocalypto und ver­schmel­zen mit den kale­do­ni­schen Wäldern wie die Na’vi aus Avatar — ganz abge­se­hen davon, dass sie auch ein biss­chen so aus­se­hen mit ihren blau bemal­ten Körpern.

Das alles darf man dem Film aber eigent­lich nicht ankrei­den, denn natür­lich weiß man buch­stäb­lich rein gar nichts über die Lebensweise der nord­bri­ti­schen Ureinwohner zur Römerzeit — aus­ge­rech­net die Körperbemalung ist so ziem­lich das ein­zige beleg­bare Faktum. Da bleibt natür­lich wenig übrig, als sich ein biss­chen was zusam­men­zu­rei­men, was dann zwecks gerin­ge­rer Verwirrung des Publikums auch noch mög­lichst nah am Erwartbaren blei­ben sollte. Und die Über­zeich­nung der Feindseligkeit und Gefährlichkeit hat ja auch einen dra­ma­tur­gi­schen Sinn, denn eine beängs­ti­gende Reise in ein kel­ti­sches Herz der Finsternis ist schließ­lich die Grundprämisse des Plots. Dass Kaiser Hadrian eine Mauer quer durch Britannien hat bauen las­sen, wird im Übri­gen ja sowieso auch irgend­ei­nen Grund gehabt haben.

Was bleibt, und was dem Film trotz allem den Anschein von Authentizität ver­leiht, sind Details aus der römi­schen Kultur– und Militärgeschichte. Ich bin alles andere als ein Experte für diese Gebiete, aber die Kostüme, die Bauten, die Kampfstrategie, die Verwendung eines gäli­schen Dialekts als Sprache der Barbaren und viele wei­tere Kleinigkeiten wir­ken zumin­dest auf den ers­ten Blick nicht san­da­len­film­haft, son­dern durch­dacht und rea­lis­tisch. Dass die Römer bei­spiels­weise höl­zerne Amphitheater zusam­men­zim­mer­ten, um ihre Spiele und Gladiatorenkämpfe auch im bri­tan­ni­schen Niemandsland genie­ßen zu kön­nen, erscheint mir durch­aus denk­bar. Es ist ande­rer­seits abso­lut mög­lich, dass auch diese Einzelheiten gar nichts mit der Realität am Hut haben, aber da wir dar­über noch weni­ger wis­sen als über die Ereignisgeschichte, ist das das äußerste, was man von einem Kinofilm erwar­ten kann, ohne­hin das Gefühl, die Antike irgend­wie „gese­hen zu haben“. In die­ser Hinsicht macht Der Adler der neun­ten Legion seine Sache ganz gut.

Rein dra­ma­tur­gisch betrach­tet haben wir es mit einem Werk zu tun, das man am bes­ten als reine Abenteuer-Action auf­fasst. Filmrezensenten haben manch­mal die dumme Angewohnheit, nach einem tie­fe­ren Sinn und einer mora­li­schen Botschaft zu suchen, aber sol­che Ansprüche wür­den einem hier glatt den Spaß ver­der­ben. Die Motivation sowohl des Römers als auch sei­nes Sklaven durch einen dif­fu­sen Ehrbegriff ist für uns ver­weich­lichte Mitteleuropäer kaum nach­voll­zieh­bar, und die sich ent­wi­ckelnde Freundschaft zwi­schen den bei­den nach all den Raufereien noch viel weni­ger. Es wäre sicher­lich mög­lich gewe­sen, das bes­ser zu machen — mit einer ande­ren Schwerpunktsetzung, einer genaue­ren Figurenzeichnung und viel­leicht auch einem ande­ren Hauptdarsteller als dem manch­mal ganz leicht depla­ziert wir­ken­den Bürschchen Channing Tatum. Aber wie die Dinge lie­gen, kann man es eher posi­tiv wer­ten, dass sich der Film um tief­grün­dige Gefühle nicht küm­mert, denn irgend­wie traut man ihm höchs­tens zu, gleich  beim ers­ten Versuch völ­lig ins Pathos abzu­glei­ten, was er ohne den Versuch, eine Charakterstudie sein zu wol­len, tat­säch­lich recht gut vermeidet.

Am bes­ten funk­tio­nert Der Adler der Neunten Legion dann, wenn man einen Kampf her­auf­zie­hen spürt, wenn gekämpft wird, wenn einem Kampf aus­ge­wi­chen wer­den soll oder wenn sonst­wie das unklare Gefühl der Bedrohlichkeit in der Fremde der Highlands her­auf­zieht. Dann wird es zwar gele­gent­lich ziem­lich blu­tig, aber wenn einen das nicht stört, macht es rich­tig Spaß. Dazwischen gibt es fabel­hafte Landschaftsaufnahmen, einen schö­nen kel­ti­schen Soundtrack und natür­lich nicht zuletzt das schon erwähnte Gefühl, eine ferne Vergangenheit nach­er­le­ben zu können.

Fazit

Antike Geschichte ist immer auch ein Produkt der Fantasie, und für Der Adler der Neunten Legion gilt das in beson­de­rem Maße. Man bekommt keine his­to­ri­schen Fakten, son­dern höchs­tens einen Hauch von anti­kem Lebensgefühl. Aber als actionrei­ches „Männerkino“ mit ästhe­ti­schem Mehrwert ist das ein sehr ordent­li­cher Film.

Literatur

  • Fraser, James E.: From Caledonia to Pictland. Scotland to 795. Edinburgh 2009.
    • Keppie, Lawrence: Legions and vete­rans. Roman army papers 1971 — 2000. Stuttgart 2000.