Coco Chanel & Igor Stravinsky (2009)

Mit Igor Strawinski quält man heute Schulkinder, wenn man ihnen bei­brin­gen will, wie sich moderne Orchestermusik anhört, und jede Modedesignstudentin träumt davon, so erfolg­reich wie Gabrielle „Coco“ Chanel zu sein. Es han­delt sich zwei­fel­los um zwei der ein­fluss­reichs­ten Gestalten des 20. Jahrhunderts, und wenn sol­che Leute auch noch was mit­ein­an­der gehabt haben, dann ver­steht es sich fast von selbst, dass man dar­über einen Film dre­hen muss.

Nun ist das Problem an Liebesabenteuern, ins­be­son­dere mit ver­hei­ra­te­ten Männern, und ins­be­son­dere wenn Ehemann, Ehefrau und Geliebte auch noch unter einem Dach woh­nen, dass für gewöhn­lich nicht viel nach außen dringt. Man weiß, dass Strawinski mit­samt sei­ner Familie im Jahr 1920 für eine Weile in Chanels Landhaus gelebt hat, aber schon ob es über­haupt eine Affärre gege­ben hat, bleibt umstrit­ten. Coco hat in spä­te­ren Jahren davon berich­tet, Zeitzeugen haben ihre Darstellung in Zweifel gezo­gen, und die Firma Chanel hält alle Berichte dar­über offi­zi­ell für fik­tio­nal, was sie aber nicht davon abge­hal­ten hat, die Produktion von Coco Chanel & Igor Stravinsky ebenso offi­zi­ell zu unterstützen.

Was man in Jan Kounens Film sieht, ist also mehr oder weni­ger frei erfun­den. Ein paar Faktoide die­nen der Wiedererkennung: die noto­ri­sche Premiere des Balletts Le sacre du prin­temps in Paris, die in einen Tumult aus­ar­tete, weil das Publikum mit Strawinskis moder­ner Komposition nichts anfan­gen konnte; die Entwicklung von Chanel No. 5, die tat­säch­lich zu jener Zeit statt­fand; die Tuberkuloseerkrankung von Strawinskis Frau. Biographischen Wert hat das alles nicht, es ste­hen die ani­ma­li­schen Emotionen der Hauptpersonen im Vordergrund. Deren Persönlichkeitszeichnung folgt zwar grob den jewei­li­gen Über­lie­fe­run­gen, aber im Wesentlichen wir­ken sie durch­aus aus­tausch­bar — scham­lose Verführerinnen und in Liebe erglü­hende Männer, die schließ­lich kalt abge­wie­sen wer­den, hat die Kinogeschichte nun wirk­lich schon ein paar vorzuweisen.

Letztlich bleibt von Coco Chanel & Igor Stravinsky wenig im Gedächtnis. Es ist ein ordent­li­cher Film, der Freunden des geho­be­nen roman­ti­schen Genres knapp zwei Stunden gute Unterhaltung beschert, mit über­zeu­gen­den (und ihren Rollenvorbildern äußer­lich sehr ähnli­chen) Schauspielern und natür­lich mit groß­ar­ti­ger musi­ka­li­scher Untermalung aus dem boden­stän­di­ge­ren Repertoire Strawinskis. Viel mehr darf man aber nicht erwarten.