Almanya – Willkommen in Deutschland (2011)

Über das soge­nannte „Integrationsproblem“, wie die tra­di­ti­ons­rei­che deut­sche Xenophobie neu­er­dings heißt, könnte man ein furcht­bar ver­bis­se­nes, tod­erns­tes Drama vol­ler gebro­che­ner Figuren und schreck­li­cher Schicksale dre­hen. Dann würde man, wenn man als Filmemacher begabt genug wäre, alle mög­li­chen Preise ein­heim­sen, ein paar poli­tisch total inter­es­sierte Halbintellektuelle in lee­ren Kinosälen von der Richtigkeit ihres eige­nen Weltbildes über­zeu­gen und zwei Jahre spä­ter uner­kannt im Nachtprogramm von arte wie­der­holt wer­den. Oder man macht es ein­fach so wie Yasemin Samdereli und bringt einen fröh­li­chen Film in die Kinos, den jeder sehen will, weil man ihn ein­fach lie­ben muss.

Die Forderung nach Integration wird ja bekann­ter­ma­ßen immer von denen am lau­tes­ten gestellt, die noch nie einen rich­ti­gen „Ausländer“ gese­hen haben. Wer mit sei­nem tür­ki­schen Gemüsehändler baye­risch spricht oder vom afgha­ni­schen Automechaniker auf platt­deutsch begrüßt wird, der muss schon ein paar beein­dru­ckende geis­tige Saltos voll­zie­hen, um das Gequatsche von der Leitkultur noch nach­voll­zie­hen zu kön­nen. Insofern ist die wich­tigste Leistung von Almanya schon mal ganz ein­fach die, uns eine voll­kom­men nor­male tür­ki­sche Familie zu prä­sen­tie­ren, in der alle Deutsch reden, der jüngste Sohn eine blonde Gabi gehei­ra­tet hat und die älteste Enkelin ein außer­ehe­li­ches Kind von einem Engländer und dafür einen sau­be­ren Anpfiff erwar­ten darf, aber auch schon nichts Schlimmeres. Das muss man sich ja ange­sichts idio­ti­scher Legenden von Ehrenmorden und Kopftuchmädchen auch gele­gent­lich vor Augen füh­ren, dass eine sehr bequeme Mehrheit der tür­kisch­stäm­mi­gen Familien in Deutschland mit dem Zivilisationsstand ein­ge­bil­de­ter Durchschnittsarier locker mit­hal­ten kann.

Als ob das nicht schon Heldentat genug wäre, bekom­men wir dann auch noch haut­nah die inter­kul­tu­relle Zerrissenheit einer ehe­ma­li­gen Gastarbeiterfamilie prä­sen­tiert. Wenn dem klei­nen Cenk in Rückblenden von der „Heimat“ erzählt wird, dann erscheint Anatolien wie ein mit­tel­al­ter­li­ches Märchenreich, das irgend­wie gleich­zei­tig am Meer und mit­ten in den Bergen lie­gen kann. Und wenn man die Familie bei ihrer Ankunft in Deutschland beob­ach­tet, dann ist das plötz­lich ein Land mit selt­sa­men Toilettensitzen, in dem die Leute unver­ständ­li­ches Kauderwelsch reden und rat­ten­ar­tige Hunde an Seilen um die Häuserblocks zer­ren. Aber schnel­ler als man denkt, ist plötz­lich aus der Heimat die Fremde gewor­den. Und umge­kehrt. Und plötz­lich muss man vom Mond sein, um nicht zu ver­ste­hen, warum ein Türke, der seit drei­ßig Jahren Schinkenbrote früh­stückt, sei­nen alten Pass behal­ten will.

Almanya lässt kein Vorurteil aus, geht aber so char­mant und wit­zig damit um, dass aus die­sem nor­ma­ler­weise ver­nich­ten­den Urteil ein Kompliment wird. Hier gibt es so viele nette Pointen und lie­bens­werte Figuren, dass selbst ver­spon­nene Sozi-Bundesbanker nicht mehr von Integration rha­bar­bern und über­zeug­ten Glatzen spon­tan Haare wach­sen wer­den. Mag sein, dass es graue sind, aber immerhin.