King George – Ein Königreich für mehr Verstand (1994)

In den frü­hen neun­zi­ger Jahren brachte der Theaterregisseur Nicholas Hytner ein Stück über einen eng­li­schen König auf die Bühne, der in die Geschichte ein­ging durch seine Volksnähe, seine Langlebigkeit – und seine wie­der­keh­ren­den Anfälle von Irrsinn. Es war ein gro­ßer Erfolg in London, ging auf eine gefei­erte US-Tournee, und unver­meid­lich folg­ten Pläne für die Filmadaption der geis­ti­gen Aussetzer George des Dritten. 1994 war es soweit, und gleich reg­nete es Oscarnominierungen für Hytners Spielfilmdebüt.

Die Geschichte

Georg III. war der erste bri­ti­sche König aus dem Haus Hannover, der in England gebo­ren wurde. Diese Tatsache, kom­bi­niert mit einem demons­tra­tiv unprä­ten­tiö­sen Lebensstil, mach­ten ihn zu einem recht belieb­ten Monarchen. Farmer George, wie er von sei­nen Untertanen halb spöt­tisch, halb lie­be­voll genannt wurde, war gläu­big, blieb im Gegensatz zu allen sei­nen Vorgängern lebens­läng­lich sei­ner Frau treu, liebte seine 15 Kinder und inter­es­sierte sich für die Landwirtschaft ebenso sehr wie für Kunst und Wissenschaft. Das genügte für viele sei­ner Untertanen, um die Schattenseiten sei­ner Regierungszeit wett­zu­ma­chen: Wie die meis­ten Monarchen ver­tei­digte er seine Vorrechte mit Elan gegen die Ansprüche des Parlaments, was ihm in libe­ra­len Kreisen den Ruf eines Autokraten ein­trug. Und die ame­ri­ka­ni­schen Kolonien hatte er nicht einfach nur ver­lo­ren, son­dern auch noch einen reich­lich unpo­pu­lä­ren und teu­ren Krieg um sie geführt.

Doch der König litt unter einer rät­sel­haf­ten Krankheit. Im Herbst 1788, im Alter 50 Jahren und im 29. Jahr sei­ner Regierungszeit, erlitt er einen schwe­ren psy­cho­ti­schen Schub und war nicht in der Lage, die Thronrede zur Eröffnung des Parlaments zu hal­ten. Er redete stun­den­lang zusam­men­hang­lo­sen Unsinn und neigte zu gewalt­tä­ti­gen Ausbrüchen gegen seine Diener, und unab­hän­gig vom Wahrheitsgehalt der Gerüchte über noch selt­sa­me­re Verhaltensweisen stand fest, dass er nicht mehr ganz Herr sei­ner Sinne war. Im Parlament wur­den Stimmen laut, die eine sofor­tige Regierungsübernahme durch den Kronprinzen befür­wor­te­ten, der auf­grund sei­ner aus­schwei­fen­den Lebensführung nicht gerade der Lieblingssohn des Königs war. Premierminister William Pitt konnte eine ent­spre­chende Gesetzesvorlage nicht ver­hin­dern, son­dern nur ver­su­chen, sie zu verzögern.

George III. wurde schließ­lich in die Anstalt des mit psy­chi­schen Krankheiten erfah­re­nen Arztes Francis Willis ein­ge­lie­fert. Mit einem Therapiemix aus fri­scher Luft, kör­per­li­cher Arbeit, aber auch stren­ger Fixierung bei Anfällen ohne Rücksicht auf den Rang des Patienten, gelang es dort, den Zustand des Königs zu bes­sern, bis er schließ­lich, am 26. Februar 1789, für voll­stän­dig geheilt erklärt wurde. Dr. Willis wurde dadurch vor­über­ge­hend zu einem eng­li­schen Nationalhelden, und George III. kehrte gerade noch recht­zei­tig auf den Thron zurück, denn die Regentschaft sei­nes Sohnes war im Unterhaus bereits beschlos­sen wor­den. Nur die Zustimmung des Oberhauses stand noch aus.

In den fol­gen­den Jahren blieb der König von einer Rückkehr sei­ner Krankheit ver­schont. Erst nach 1800 setz­ten wie­der neue Schübe ein, die von Willis Söhnen mit den glei­chen Methoden behan­delt wur­den. Erst nach einem unheil­ba­ren Rückfall im Jahre 1810 führte kein Weg mehr daran vor­bei, den Prince of Wales und spä­te­ren König George IV. zum Regenten zu erhe­ben. George III. ver­brachte den Rest sei­nes Lebens in fast voll­stän­di­ger geis­ti­ger Umnachtung, starb aber erst 1820, was ihn zum bis dahin am längs­ten regie­ren­den eng­li­schen Monarchen machte.

Moderne Historiker gin­gen lange Zeit davon aus, dass er unter der erb­li­chen Stoffwechselstörung Porphyrie gelit­ten hat, aber wie sich jüngst her­aus­stellte, hat diese in den 1960ern getrof­fene Diagnose wohl nur nie­mand je ernst­haft anhand der Quellen über­prüft – denn zu den über­lie­fer­ten Symptomen passt sie nicht. Was also den Wahnsinn George III. her­vor­ge­ru­fen hat, bleibt bis heute ein Rätsel.

Der Film

King George folgt nicht hun­dert­pro­zen­tig den his­to­ri­schen Fakten, aber wenn er von ihnen abweicht, dann scheint er gute dra­ma­tur­gi­sche Gründe dafür zu haben. So ist zum Beispiel die Annullierung der gehei­men Ehe des Kronprinzen in Wirklichkeit erst Jahre nach der ers­ten Erkrankung erfolgt, aber da es der ordent­li­chen Abwicklung aller Handlungsstränge dient, kann der König diese Entscheidung sei­nem Sohn im Film ruhig auch ein biss­chen frü­her mit­tei­len. Es ist schließ­lich nur eine Kleinigkeit.

Alles wesent­li­chen Elemente der Handlung sind his­to­risch belegt, von den Hauptkontrahenten im Parlament bis hin zu dem Attentatsversuch mit einem Obstmesser, auf den der König eher amü­siert rea­giert. Die rau­hen Methoden des Dr. Willis sind real, die Idee, dass George III. sich den Verlust der Kolonien sehr zu Herzen genom­men hat, folgt zumin­dest einem wie­der­keh­ren­den Motiv der Geschichtsschreibung, und dass gele­gent­lich auf die ver­al­tete Porphyrie-Theorie ange­spielt wird, kann man dem Film nicht ankrei­den, denn die galt noch vor­letz­tes Jahr als akzep­tier­tes Faktum. Lediglich die Darstellung des Kronprinzen als intri­gan­ter Bösewicht, der sei­nen Vater lie­ber heute als mor­gen vom Thron sto­ßen will, erscheint allen über­lie­fer­ten Konflikten zum Trotz etwas über­trie­ben. Aber selbst dafür ließe sich wohl ein wis­sen­schaft­li­cher Fürsprecher finden.

Ansonsten arbei­tet der Film her­vor­ra­gend mit sei­ner komö­di­an­ti­schen Grundstimmung. Er baut keine schwin­del­er­re­gen­den Spannungsbögen auf und sorgt nicht für Lacher, die die Fensterscheiben gefähr­den wür­den, aber der feine Humor hält einen auch über ein paar Längen hin­weg gut bei der Stange. Dass uns schon die Mimik der Schauspieler immer wie­der daran erin­nert, hier nicht alles ernst­zu­neh­men, ist dabei eine gute Methode, nicht alles als unver­rück­bare Wahrheit dar­zu­stel­len. Und das kann einem his­to­ri­schen Film nur gut tun.

Fazit

King George – Ein Königreich für mehr Verstand kann man als gelun­gene Unterhaltung sehen, aber auch als legi­time his­to­ri­sche Darstellung. Ein Idealfall, wie man ihn sich auch für bedeu­ten­dere Themen wün­schen würde.