Bergblut (2010)

Hier haben wir einen Film, der in Süddeutschland und Öster­reich für Ärger sor­gen wird – indem er die sel­ben Rentner ins Kino lockt, die sonst an der Münchner Uni die Vorlesungen über baye­ri­sche Geschichte ver­stop­fen, und die sicher noch nicht wis­sen, dass Kinokarten inzwi­schen Platznummern haben…

Der Tiroler Volksaufstand ist ein mytho­lo­gi­sches Kernstück in der oft schwie­ri­gen Geschichte der Beziehungen zwi­schen Bayern und Öster­rei­chern, und er hätte sicher­lich einen guten his­to­ri­schen Film ver­dient. Bergblut will uns aller­dings eher von Menschen erzäh­len als von Schlachten.

Achtung: Bitte unbedingt den Nachtrag unten beach­ten. Wie es scheint waren meine Recherchen für diesen Artikel teilweise fehlerhaft.

Die Geschichte

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lei­det ganz Europa unter den Nachwehen der fran­zö­si­schen Revolution. Aus den Träumen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist nicht die Demokratie her­vor­ge­gan­gen, son­dern nur ein neuer Autokrat: Napoléon Bonaparte, ein erfolg­rei­cher Armeegeneral, der es geschafft hatte, im Pariser Chaos die Macht an sich zu rei­ßen und sich schließ­lich einen eige­nen Kaisertitel zu erfin­den. Er beherrscht den gan­zen Westen Europas, wird aber von Öster­rei­chern, Engländern und Preußen mal mehr, mal weni­ger inten­siv bekämpft.

Auch Bayern hat sich dem Emporkömmling unter­wer­fen müs­sen, ist aber fürst­lich dafür belohnt wor­den. Napoleon erhob den Kurfürsten Maximilan Joseph zum König und erwei­terte sein Gebiet erheb­lich – mit dem von den besieg­ten Öster­rei­chern abge­tre­te­nen Tirol reichte Bayern nun bis ans Nordufer des Gardasees. Die Tiroler waren davon frei­lich nicht sehr begeis­tert, zumal sie den radi­kal moder­nen Reformen des Ministers Montgelas ebenso unter­wor­fen wur­den wie die Altbayern. Ihre poli­ti­schen Einrichtungen wur­den auf­ge­löst und durch einen zen­tra­lis­ti­schen Beamtenapparat ersetzt, ihre reli­giö­sen Traditionen über den Haufen gewor­fen, neue Steuern wur­den ein­ge­führt, und auch ihre wich­tigste alte Freiheit trat man mit Füßen: Seit 1511 hat­ten sie nicht mehr außer­halb des Landes Militärdienst leis­ten müs­sen, und nun ver­such­ten die Bayern, sie als Rekruten auszuheben.

Die Feinde Napoleons waren indes nicht end­gül­tig besiegt, son­dern schmie­de­ten Pläne für einen neuen Krieg. Anfang des Jahres 1809 traf eine Abordnung von Tiroler Milizhauptleuten in Wien ein, um in diese Vorbereitungen mit ein­be­zo­gen zu wer­den. Unter ihnen befand sich auch schon der spä­tere Nationalheld Andreas Hofer, ein Wirt, Bauer und Weinhändler aus dem Passeiertal bei Meran.

Am 9. April erklärte Öster­reich den Franzosen wie­der ein­mal den Krieg, und dies war auch das Signal für die unzu­frie­de­nen Tiroler, sich gegen die Bayern zu erhe­ben. Mit rela­tiv gerin­ger Unterstützung regu­lä­rer öster­rei­chi­scher Truppen gelang es ihnen bis August, die Bayern und ihre fran­zö­si­schen Verbündeten aus dem Land zu wer­fen. Für zwei glück­li­che Monate über­nahm Andreas Hofer, der wäh­rend der Kämpfe nur einer unter meh­re­ren Anführern gewe­sen war, die Regierungsgeschäfte in Innsbruck.

Doch auf den ande­ren Schlachtfeldern in Europa behielten die Franzosen die Oberhand. Mitte Oktober musste der Kaiser in Wien einer erneu­ten Inbesitznahme Tirols durch die Bayern zustim­men. Er for­derte die Tiroler auf, „sich ruhig [zu] ver­hal­ten und nicht zweck­los sich auf[zu]opfern“; zudem gewähr­ten die neuen und alten Okkupanten ein Generalpardon, so dass dem Einmarsch kein bedin­gungs­lo­ser Widerstand mehr ent­ge­gen­ge­bracht wurde. Sogar Andreas Hofer selbst war gewillt, den Kampf ein­zu­stel­len. Er hatte den Waffenstillstand sogar bereits unter­zeich­net, wurde aber letzt­lich von sei­nen eige­nen Anhängern dazu getrie­ben, in aus­sichts­lo­ser Lage doch noch ein­mal den Aufstand zu orga­ni­sie­ren. Doch es war zweck­los – Hofer muss sich schließ­lich vor sei­nen Häschern ver­ste­cken, wird im Januar 1810 fest­ge­nom­men und wenige Wochen spä­ter von einem fran­zö­si­schen Erschießungskommando hingerichtet.

Tirol gehört, wie jeder weiß, heute trotz­dem nicht mehr zu Bayern. Napoleon hielt sich alles in allem bis 1815 an der Macht, erlebte dann aber auf einem Schlachtfeld in Belgien sein Waterloo. Er wurde auf die abge­le­gene Atlantikinsel St. Helena ver­bannt, und die sieg­rei­chen euro­päi­schen Mächte mach­ten den­je­ni­gen Teil sei­ner Grenzziehungen, der ihnen nicht gefiel, im Wiener Kongress wie­der rück­gän­gig. Die Opfer, die sowohl Tiroler als auch Bayern 1809 gebracht hat­ten, waren in der Gesamtbetrachtung daher fast bedeutungslos.

Der Film

Ein Tiroler, der in Augsburg einen fran­zö­si­schen Soldaten erschlägt und nun mit sei­ner baye­ri­schen Frau ins Passeiertal flüch­ten muss, ist die dra­ma­tur­gi­sche Entschuldigung, mit der Bergblut uns in die­ses his­to­ri­sche Szenario ent­führt. Die Geschichte, die der Film uns dann erzäh­len will, ist in ers­ter Linie die der Tochter aus bes­se­ren Kreisen, die von den uri­gen Bergbauern nicht gerade freund­lich auf­ge­nom­men wird, schließ­lich aber eine der ihren wird. Auch wenn die Webseite zum Film viel Wert auf Hintergrundinformation legt und sogar Materialien für Lehrer zum Download anbie­tet, ist der Tiroler Aufstand nicht viel mehr als ein Szenenbild für die­ses Heimatdrama.

Regisseur Philipp J. Pamer ist selbst ein Südtiroler aus Andreas Hofers Passeiertal, und er ist außer­dem ein fri­scher Absolvent der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Beides sieht man dem Film an, und bei­des gereicht ihm nicht immer zum Vorteil. Bergblut kommt zwar pro­fes­sio­nell daher, weist aber eben doch die eine oder andere Ecke und Kante in der tech­ni­schen Umsetzung auf, wie das bei jun­gen Filmemachern oft der Fall ist, und er lie­fert eine wenig kom­plexe Darstellung des Tiroler Volksaufstandes, die eher dem Mythos ent­spricht als der Historie.

So etwas kann in Ordnung sein, wenn der Hintergrund wirk­lich neben­säch­lich sein soll, aber Pamers Kamera inter­es­siert sich eben doch für Andreas Hofer und die Aufständischen, für die baye­ri­schen Besatzer und die Franzosen, und zwar viel stär­ker, als es nur zur Illustration von Motivationen not­wen­dig wäre. Wenn wir schon Hofers letzte Worte bei sei­ner Erschießung hören dür­fen, bei der keine der Hauptfiguren anwe­send ist, warum sehen wir dann nicht auch seine Hin– und Hergerissenheit zwi­schen Widerstand und Kapitulation? Oder die der vie­len ande­ren Tiroler, die eben nicht alle begeis­tert los­ge­zo­gen sind um ehren­voll für eine ver­lo­rene Sache zu ster­ben? Warum zeigt man uns kaum einen der vie­len guten Gründe für den Aufstand, son­dern lässt nur eine stets nebel­haft blei­bende Empörung gegen die Fremdherrschaft aufscheinen?

Ein schö­nes Beispiel für das ver­fehlte Streben nach Einfachheit ist die Figur des Staatspfarrers, der im Film Altbayer ist. Das ist deut­lich ahis­to­risch und nicht ein­mal rea­lis­tisch, denn woher hätte König Max I. die vie­len Geistlichen neh­men sol­len, um ein rie­si­ges Gebiet wie Tirol allein mit treuen Untergebenen aus den Stammländern zu ver­sor­gen? Die Pfarreien in den neu hin­zu­ge­won­ne­nen Gebieten wur­den zwar häu­fig tat­säch­lich neu besetzt, aber ledig­lich mit „baye­risch gesinn­ten“ Einheimischen. Im Fall von St. Martin in Passeier über­nahm ein­fach der Priester aus dem Nachbarort die Pfarre – und pre­digte trotz­dem vor der lee­ren Kirche, weil man ihm nicht traute. Dass das nie­man­dem am Set bekannt war, ist ziem­lich unwahr­schein­lich, also sieht es so aus, als hätte Pamer geglaubt, die­sen Sachverhalt nicht ver­mit­teln zu können.

Wenn nun wenigs­tens die Geschichte der jun­gen Katharina, die in Südtirol eine neue Heimat fin­det, eini­ger­ma­ßen beein­dru­ckend wäre, dann könnte man die his­to­rio­gra­phi­schen Lässigkeiten gerne ent­schul­di­gen. Aber lei­der ist die Spannung über­schau­bar, wenn das feind­se­li­gen Bergvolk sie erst hasst und ver­ach­tet und schließ­lich doch akzep­tiert. Auch mögen die Tiroler wohl ein­fa­che Menschen sein, aber wenn die ganze Familie gleich vom ers­ten Abend an nichts ande­res zu tun hat, als über die neue Schwiegertochter zu frot­zeln und ihr das Leben schwer zu machen, dann ist das höl­zern, ein­di­men­sio­nal und ebenso schwer zu ertra­gen wie spä­ter die völ­lig an den Haaren her­bei­ge­zo­gene Entscheidung Katharinas, ihren Ehemann mit Gewalt an der Rückkehr zur Front zu hin­dern. Da wird die Dramaturgie mit der Mistgabel genö­tigt, voranzuschreiten.

Fazit

Bergblut ist ein brauch­ba­rer, aber nicht groß­ar­ti­ger Film eines Regisseurs, von dem man sicher noch hören wird, aber lei­der spre­chen im Moment noch vor allem die exzel­len­ten Landschaftsaufnahmen für ihn. Die his­to­ri­sche Darstellung schei­tert in sei­ner Leinwandpremiere an man­geln­dem Mut zur Komplexität – und für den Rest der Handlung gilt das Gleiche.

Nachtrag

Anfang Februar 2011 hat der Kommentator Dr. Erwin Gufler auf der alten Historienschinken-Website auf einige Ungenauigkeiten meiner Recherchen und Schlussfolgerungen aufmerksam gemacht, die ich hier komplett wiedergeben will:

Sehr geehr­ter Björn Láczay,
in St. Martin in Passeier war anders als sie schrei­ben in der Tat der baye­ri­sche Geistliche Hermeter ein­ge­setzt, der aller­dings schon 1808 ange­fein­det durch die Bevölkerung das Weite suchen musste.
Von der baye­ri­schen Regierung wur­den ab 1805 meh­rere sog. Staatspfarrer ein­ge­setzt, um in den Kirchen für Ruhe und Ordnung zu suchen.
der Film ist an die­sen und vie­len ande­ren Stellen his­to­risch sehr kor­rekt und beruht nach Informationen des Regisseurs und der im Abspann ver­tre­ten Historikern auf vie­len neuen und teil­weise unbe­kann­ten Quellen.
Informationen über die baye­ri­schen Geistlichen im Dienste Bayerns um 1809:
ST. MARTIN:
15. August 1808 – 16. April 1809: Hermeter
Ab Mai, wann genau ist nicht ersicht­lich, wurde wie­der Beda Jung Pfarrer in St. Martin. Hermeter und sein Kooperator Glas muss­ten ihre Stelle räu­men und wur­den auf Befehl Andreas Hofers ins Meraner Kapuzinerkloster gesperrt.
Beda Jung stirbt am 02. September 1809!
Darauf fol­gen kurze Seelsorgetätigkeiten der Patres Gallus Blaas und Karl Mayr.
Ende 1809 wird Herrmann Strobl, Benediktiner, Pfarrer in St. Martin.
Auch wenn nach dem Abgang von Hermeter in St. Martin eine kurze Zeit kein Pfarrer war, so haben dort doch Aushilfspriester die Messen gele­sen, bis ein neuer Pfarrer ein­ge­setzt wurde!
Deshalb wird Hofer wohl auch wei­ter­hin in St. Martin zur Messe gegan­gen sein (wenigs­tens die wenige Zeit, die er da noch zu Hause war!)
Matthias Hermeter war aus Wangen. Er wurde dort 1780 gebo­ren.
Augustin Glas, sein Kooperator in St. Martin (seit 28. August 1808) wurde 1781 in Benediktbeuren gebo­ren, 1806 zum Priester geweiht, 1811 Kuratprovisor in St. Peter bei Lajen, 1818 Pfarrer im Achental.
Hier nach­zu­le­sen:
– Joseph Rapp, Tirol im Jahre 1809, S. 16–17
–Mercedes Blaas, Die „Priesterverfolgung“ der baye­ri­schen Behörden in Tirol 1806 – 1809, Schlernschriften 277, Innsbruck 1986
–Dorfbuch von St. Leonhard, Band I, Monika Mader, Die Deutschordenspfarre St. Leonhard von 1219 bis zur Gegenwart, S. 175
Mit freund­li­chen Grüßen,
Erwin
P. s: Noch viel inter­es­san­ter ist fol­gende bis­lang nur weni­gen bekannte his­to­ri­sche Erkenntnis, die eben­falls in „Bergblut“ zum ers­ten Mal kor­rekt dar­ge­stellt wird: Andreas Hofer wusste in der Nacht zum 28. Jänner 1810 bereits, dass er ver­ra­ten wor­den war und ent­schloss sich nicht zu flie­hen. Der „St. Mortiner Hasler“ (Joseph Thaler, ein befreun­de­ter Mann aus St. Martin) hatte ihn und seine Familie nicht nur die ganze Zeit über mit Essen ver­sorgt, son­dern auch auf Richter Auers Hinweis hin Hofer gewarnt.
(Die Geschichte um Hofers Verrat ist bekannt: Raffl kommt zu Auer und droht ihm gegen ihn Anzeige zu erstat­ten, wenn er nicht die erfor­der­li­chen Schritte zu Hofers Gefangennehmung ein­leite.
Auer war pri­vat wohl von Hofers Versteck infor­miert, ver­schmähte es aber, die­sen anzu­zei­gen du berich­tet auf amt­li­che Anfragen der fran­zö­schi­schen Militärbehörde in Meran und in sei­nen Wochenrapporten, dass man über Hofers Aufenthalt nichts in Passeier wisse, oder gab sonst aus­wei­chende Antworten.)