We Want Sex (2011)

Es ist doch irgend­wie beru­hi­gend zu wis­sen, dass die sab­bern­den Idioten, die sich schon in den Siebzigern so demente Über­set­zun­gen wie „Flotte Teens und heiße Jeans“ aus­ge­dacht haben, ihre Jobs bei den deut­schen Filmverleihern noch immer nicht ver­lo­ren haben, oder? So schlimm kann es dann ja noch nicht sein mit der Arbeitslosigkeit…

We Want Sex heißt auf Englisch ganz ein­fach Made in Dagenham, was sicher­lich nicht so erst­klas­sig pla­ka­tiv ist, wie sich das die Marketingabteilungen hier wün­schen, aber min­des­tens genauso gutes Deutsch. Und wäh­rend sich der Titel aus dem Land der Dichter und Denker auf einen ein­zi­gen schlech­ten Witz in 113 Minuten bezieht, der nur des­halb im Drehbuch gedul­det wer­den konnte, weil er tat­säch­lich his­to­risch belegt ist, fasst der Originaltitel die Botschaft des Films in genia­ler Kürze zusam­men: Der Grundstein für die Gleichstellung der Frau, so sol­len wir glau­ben, wurde in Dagenham gelegt.

Die Geschichte

Die spä­ten sech­zi­ger Jahre waren welt­weit eine Zeit vol­ler Aufruhr. In Deutschland und Frankreich lehnte sich die junge Generation gegen den Konservativismus ihrer Eltern auf, in den USA pro­tes­tier­ten Millionen gegen den Vietnamkrieg, und im kom­mu­nis­ti­schen Osteuropa rüt­telte der Prager Frühling an den Verhältnissen. Wie die zeit­li­che Parallelität so vie­ler im Detail ganz unter­schied­li­cher Protestbewegungen zustande kam, ist his­to­risch völ­lig umstrit­ten. Fest steht aber, dass die Unruhen auch an Großbritannien nicht voll­kom­men spur­los vor­über­gin­gen, obwohl die Labour-Party dort eine ver­gleichs­weise pro­gres­sive Regierung stellte.

Im Vereinigten Königreich erin­nert man sich zwar nicht an revo­lu­tio­näre Studentenproteste, aber wie in vie­len ande­ren Ländern zeig­ten sich die Arbeiter zuneh­mend unzu­frie­den – es wurde wesent­lich häu­fi­ger gestreikt als in den Jahren zuvor. Da die Arbeitswelt in einer Weise von Männern domi­niert war, die jeder Prozentangabe spot­tet, war auch der Arbeitskampf Männersache; die weni­gen Frauen in den Industriebetrieben waren noch nie in den Ausstand getre­ten, obwohl sie schlech­ter bezahlt wur­den und oft unter wesent­lich schlech­te­ren Bedingungen beschäf­tigt waren.

Das änderte sich, als der Ford-Konzern 1967 ein neues Schema zur Bewertung der Qualifikation – und damit der Bezahlung – sei­ner Arbeitnehmer ein­führte. Alle Tätigkeiten wur­den in ein fünf­stu­fi­ges System ein­ge­ord­net. Die 187 weib­li­chen Angestellten des Werks in Dagenham, fast durch­wegs Näherinnen, die Bezüge für Autositze fer­tig­ten, lan­de­ten dabei in der zweit­nied­rigs­ten Kategorie und muss­ten sich oben­drein mit 85% des Lohns begnü­gen, den die gleich ein­ge­stuf­ten Männer beka­men. Man muss Ford wohl zuge­ste­hen, dass diese Diskriminierung not­wen­dig zu sein schien, denn ein gleich­wer­ti­ges Lohnniveau hätte ebenso wie eine höhere Einstufung dazu geführt, dass die Frauen plötz­lich mehr ver­dient hät­ten als Männer in der nied­rigs­ten Kategorie, was der Akzeptanz des neuen Systems wohl kaum för­der­lich gewe­sen wäre.

Weniger Lohn als ihre männ­li­chen Kollegen hat­ten die Frauen immer bekom­men, aber die Klassifikation als nied­rig­qua­li­fi­zierte Arbeiterinnen war finan­zi­ell ent­täu­schend und wohl auch eine emo­tio­nale Kränkung. Sie kün­dig­ten einen Streik an, und da Ford der Forderung nach einer höhe­ren Einstufung nicht nach­kam, mach­ten sie die Drohung zwei Wochen spä­ter wahr, ver­mut­lich zur Über­ra­schung nicht weni­ger ihrer Vorgesetzen, die sie zunächst gar nicht ernst­ge­nom­men haben dürften.

Weitere drei Wochen spä­ter blieb aller­dings nie­man­dem mehr etwas ande­res übrig, als sie ernst zu neh­men. Ohne Bezüge ruhte die Produktion von Sitzen, und als die Lagerbestände auf­ge­braucht waren, konnte Ford in ganz England keine Autos mehr fer­tig­stel­len. Die Verluste belie­fen sich auf eine Million Pfund pro Tag, was nach dem dama­li­gen Wert genug war, um die Sache zu einer Angelegenheit von natio­na­lem Interesse zu machen. Nach Vermittlung der Arbeitsministerin Barbara Castle einigte man sich auf eine kurz­fris­tige Erhöhung des Lohns auf zunächst 92% und spä­ter 100% des Satzes für Männer; die Höherstufung der Qualifikation sollte geprüft wer­den, und zwei Jahre danach erließ die Labour-Regierung sogar ein Gesetz, das die glei­che Bezahlung von Männern und Frauen sicher­stel­len sollte.

Es besteht kein Zweifel, dass der Aufstand der Arbeiterinnen von Dagenham als Meilenstein in der Geschichte der Gleichstellung der Frau gel­ten kann, aber die Angelegengeit war mit dem ers­ten raschen Erfolg natür­lich bei wei­tem noch nicht abge­schlos­sen. Der Equal Pay Act trat erst 1975 in Kraft, und bis ihre Qualifikation bes­ser bewer­tet wurde, gin­gen mehr als 15 Jahre und einige wei­tere Streiks der Näherei ins Land.

Der Film

Es ist kaum mög­lich, sich ein Urteil dar­über zu bil­den, wie exakt der Film die Ereignisse im Mai und Juni 1968 wie­der­gibt, denn die detail­lierte his­to­ri­sche Aufarbeitung der Ereignisse, die dazu not­wen­dig wäre, ist anschei­nend noch nicht geschrie­ben wor­den. Im vol­len Bewusstsein mei­nes man­geln­den Kenntnisstandes wage ich aber zu sagen: Ich glaube ihm kein Wort.

Natürlich ist die Geschichte, die Made in Dagenham erzählt, in gro­ben Zügen akku­rat, und es wur­den auch einige Zeitzeugen ein­ge­bun­den, die die Darstellung offen­bar gut­hei­ßen. Dass Problem ist, dass Drehbuchautor William Ivory beschlos­sen hat, sich nicht an den authen­ti­schen his­to­ri­schen Akteurinnen zu ori­en­tie­ren, son­dern die Näherei mit einem Trupp von Kunstfiguren zu bevöl­kern. Vom dra­ma­tur­gi­schen Standpunkt betrach­tet ist ein­zu­se­hen, dass so etwas not­wen­dig sein kann, wenn das Endprodukt einen gewis­sen Unterhaltungswert haben soll – man dreht schließ­lich kei­nen Dokumentarfilm. Aber wenn man die­sen Weg geht, muss man sehr dar­auf ach­ten, die Figuren glaub­wür­dig zu gestalten.

Eine smarte junge Anführerin und Hauptfigur, eine ältere Frau mit Hang zur Melancholie als Confidante, ein jun­ges Mädchen, das an der Nähmaschine von der Modelkarriere träumt, eine hüb­sche, kluge und pro­gres­sive Managergattin, die von ihrem Mann wie ein Hausmädchen behan­delt wird – das ist alles so erwart­bar und kli­schee­haft, dass es den Realitätssinn enorm stra­pa­ziert. Wenn dazu dann noch die Ministerin kommt, die fern aller Glaubhaftigkeit den gan­zen Arbeitskampf eines schö­nen Nachmittags wie eine dea ex machina flott und höchst­per­sön­lich zum Happy End auf­löst, dann ist beim Zuschauer end­gül­tig Misstrauen geweckt.

Und so erscheint der Film dann auch in ande­ren inter­es­san­ten Fragen nicht mehr ganz zuver­läs­sig. Ich hätte bei­spiels­weise meine Zweifel, ob es inner­halb der rela­tiv kur­zen Zeit der Werksschließung, die die Frauen erzwun­gen hat­ten, tat­säch­lich zu so emp­find­li­chen finan­zi­el­len Einbußen für die Männer gekom­men ist, dass Ehekonflikte aus­bra­chen, Raten für Kühlschränke nicht mehr bezahlt wer­den konn­ten und die Solidarität auf der Kippe stand. In einem ande­ren Umfeld hätte ich diese Darstellung akzep­tiert, aber so scheint es mir doch nur allzu gut in den konstrier­ten Spannungsbogen zu passen.

Dass alles so sim­pel, flach und vor­her­seh­bar gestrickt ist, min­dert im Übri­gen auch den Unterhaltungswert. Denn man kann zwar im Sinne der Gerechtigkeit ein biss­chen mit­fie­bern mit die­sen Näherinnen, aber für echte Identifikationsfiguren erschei­nen sie zu holz­schnitt­ar­tig, und Spannung kommt wahr­schein­lich selbst dann nicht auf, wenn man nicht weiß, wie damals alles letzt­lich aus­ge­gan­gen ist.

Fazit

Als his­to­ri­scher Film gerade so brauch­bar, solange man von den Soap-Opera-Elementen absieht. Das dürfte aller­dings nicht ganz leicht sein.