Walker (1987)

Mitte des 19. Jahrhunderts war es in den USA nicht unge­wöhn­lich, an Manifest Destiny zu glau­ben, eine Doktrin, die der angel­säch­si­sche Rasse den gött­li­chen Auftrag zuschrieb, dem gan­zen ame­ri­ka­ni­schen Kontinent die Zivilisation zu brin­gen. Diese Ideologie spielte für große his­to­ri­schen Ereignissen wie den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg eine Rolle, mehr noch aber für die soge­nann­ten Filibuster – Privatleute, die auf eigene Faust ver­such­ten, in Mittelamerika oder der Karibik Gebiete mili­tä­risch an sich zu rei­ßen, um ihnen Freiheit und Demokratie zu brin­gen. Einer der bekann­tes­ten unter ihnen war William Walker, die Hauptfigur die­ses reich­lich unor­tho­do­xen Films aus dem Jahr 1987.

Die Geschichte

Walker betä­tigte sich in ver­schie­de­nen Gegenden der USA als Arzt, Jurist und Zeitungsverleger, bevor er seine Bestimmung darin erkannte, das Manifest Destinysei­nes Heimatlandes zu erfül­len. Er ver­suchte, auf fried­li­chem Weg von der mexi­ka­ni­schen Regierung die Genehmigung zur Errichtung einer Kolonie zu bekom­men, doch als die Mexikaner sein Begehren ablehn­ten, hatte er keine mora­li­schen Skrupel, sich eine eigene kleine Armee zu rekru­tie­ren, in den Norden Mexikos ein­zu­mar­schie­ren und sich zum Präsidenten von Sonora und Niederkalifornien auszurufen.

Natürlich war­fen ihn die Mexikaner recht bald wie­der aus dem Land, aber so schnell gab er nicht auf. Mit der Unterstützung des Eisenbahnbarons Vanderbilt, der die lukra­tive Landverbindung vom Atlantik zum Pazifik in Nicaragua kon­trol­lierte und sich zur Absicherung sei­ner Profite poli­ti­sche Stabilität wünschte, griff er 1855 in den dor­ti­gen Bürgerkrieg ein und schaffte es tat­säch­lich, mit nur einer Handvoll Männern die Hauptstadt zu erobern. Er hielt sich über ein Jahr an der Macht, bevor er von einer Koalition der Nachbarstaaten (die er eben­falls hatte erobern wol­len) zur Kapitulation gezwun­gen wurde und sich von der US Navy zurück in die Vereinigten Staaten brin­gen las­sen musste.

In den USA galt Walker damals als Held, in Mittelamerika genießt er nach wie vor in etwa den Ruf des Leibhaftigen. Er starb 1860 im Alter von 36 Jahren durch ein hon­du­ra­ni­sches Erschießungskommando, nach­dem er ein zwei­tes Mal ver­sucht hatte, in der Region Fuß zu fassen.

Der Film

Alex Cox’ Film folgt der Über­lie­fe­rung vom Scheitern der Republik Sonora bis zu Walkers Tod zwar ver­gleichs­weise treu und ohne wesent­li­che his­to­ri­sche Fakten zu ver­fäl­schen, arbei­tet ande­rer­seits aber inten­siv mit absicht­lich ein­ge­führ­ten Anachronismen: die Soldaten rau­chen Marlboro oder trin­ken Coca Cola, Walker und seine Gegner lesen Time und Newsweek, und die Rettung durch die US Navy erfolgt schließ­lich mit Hilfe eines Hubschraubers. In den acht­zi­ger Jahren soll­ten diese klei­nen Seltsamkeiten wohl auch die Verbindung zur inter­ven­tio­nis­ti­schen Nicaraguapolitik Ronald Reagans her­stel­len; heute, da man das auch schon in Geschichtsbüchern nach­le­sen muss, kön­nen sie nur noch eine Art Brechtschen Verfremdungseffekt hervorrufen.

Einer der weni­gen aka­de­mi­schen Historiker, die das Medium Film als Form geschicht­li­cher Darstellung über­haupt ernst neh­men – Robert Rosenstone – lobt diese Vorgehensweise, weil dadurch immer klar bleibe, dass der Zuschauer nicht ein­fach durch ein Fenster in die Vergangenheit blickt, und erklärt ihn gera­dezu zum Musterbeispiel „post­mo­der­ner“ Geschichtsschreibung auf Zelluloid.

Walker leis­tet als his­to­ri­scher Film tat­säch­lich viel Gutes. Wenn er etwa die groß­spu­ri­gen, von der Erhabenheit der Zivilisation schwa­feln­den Texte aus William Walkers zeit­ge­nös­si­schem Bericht als Voice-over über die Bilder plün­dern­der Soldaten legt, ist das selbst für den unbe­darf­tes­ten Zuschauer eine flotte Einführung in die Bedeutung gründ­li­cher Quellenkritik. Aber im Großen und Ganzen muss ich dem geschät­zen Kollegen Rosenstone den­noch wider­spre­chen. Walkerwar im Kino ein gran­dio­ser Flop, und zwar vor allem des­we­gen, weil ihn kaum jemand ver­stan­den hat. Wie sich her­aus­stellt, ist es zwar zwei­fel­los in Ordnung, Konventionen durch­bre­chen zu wol­len, aber nur dann, wenn man dem Zuschauer auch klar­ma­chen kann, dass er sie nicht mehr anwen­den darf. Da das hier nicht statt­fin­det, wer­den die Anachronismen eben nicht als sinn­volle Verfremdungseffekte ver­stan­den, son­dern im bes­ten Fall als alberne und depla­zierte Humorversuche, und im schlech­te­ren Fall als Anzeichen dafür, dass der ganze Film als his­to­ri­sche Darstellung unge­nau und nicht ernst zu neh­men ist.

Eine weni­ger expe­ri­men­telle und post­mo­derne Herangehensweise wäre hier die bes­sere Wahl gewe­sen, denn im Gegensatz zu den Vorstellungen der aka­de­mi­schen Elite wis­sen Kinobesucher ohne­hin, dass sie es nur mit einer Nachbildung der Wahrheit zu tun haben. Selbst, wenn sie als „Wahre Geschichte“ ver­kauft wird.

Fazit

Eine gute und recht unter­halt­same Darstellung kaum noch bekann­ter, aber hoch­in­ter­es­san­ter his­to­ri­scher Ereignisse. Aufgrund der sti­lis­ti­schen Eigentümlichkeiten sollte man sich den Film nicht völ­lig unvor­be­rei­tet anse­hen, aber dieses Problem sollte ja hiermit gelöst sein.