Mitten im Sturm (2009)

Hier haben wir einen Film, der mich ein biss­chen unvor­be­rei­tet erwischt hat. Normalerweise wird man ja mona­te­lang im Voraus mit Trailern zuge­kleis­tert oder liest schon ein hal­bes Jahr vor dem deut­schen Starttermin Verrisse auf ame­ri­ka­ni­schen Webseiten. In die­sem Fall han­delt es sich aber um eine euro­päi­sche Produktion, die schon 2009 unter Zuhilfenahme diver­ser Filmförderprogramme ent­stan­den ist. Normalerweise ist das eher ein schlech­tes Omen für die Qualität eines Films; bei Mitten im Sturm hat die Beteiligung der Kulturbürokraten wohl nur zu schlech­tem Marketing geführt, denn hand­werk­lich ist er auf gutem Niveau, und es gibt Leute, die die­ses Drama um den sta­li­nis­ti­schen Terror in der Sowjetunion der drei­ßi­ger Jahre sogar schon für den Oscar für die beste weib­li­che Hauptrolle auf dem Zettel hatten.

Die Geschichte

Es gab eine Zeit, in den zwan­zi­ger und frü­hen drei­ßi­ger Jahren des letz­ten Jahrhunderts, da konnte man mit guten Gründen glau­ben, dass der Bolschewismus tat­säch­lich der Weg in eine bes­sere Zukunft der Menschheit sein würde. Natürlich: Der all­um­fas­sende Wohlstand des Kommunismus war noch weit ent­fernt, und man­che Menschen hat­ten unter den gesell­schaft­li­chen Umbrüchen schwer zu lei­den. Aber alle Übel, die mit dem neuen System ein­her­gin­gen, schie­nen not­wen­dig und vor­über­ge­hend zu sein, und zudem war das über­wun­dene Zarenreich nun auch nicht gerade das men­schen­freund­lichste Regime aller Zeiten gewesen.

Den Anfang vom Ende die­ser Illusionen kann man wohl rück­bli­ckend auf den 1. Dezember 1934 datie­ren. An die­sem Tag wurde der hoch­ran­gige ParteifunktionärSergei Kirow in Leningrad von einem Attentäter ermor­det. Kirow war ein treuer Anhänger Stalins gewe­sen und sicher kein Zögerer und Zauderer, was die Umsetzung kom­mu­nis­ti­scher Ideen betraf; er trug die Verantwortung für die Deportation tau­sen­der „sozial frem­der Elemente“ und ließ beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals Zwangsarbeiter wie die Fliegen ster­ben. Dennoch unter­stel­len man­che, dass sein Tod letzt­lich das Werk von Stalin selbst war. Zu beliebt sei Kirow gewe­sen, eine Bedrohung für die Macht des Staatschefs. Und jeman­dem, der schon ein Jahrzehnt frü­her nicht davor zurück­ge­schreckt war, den kran­ken Lenin von der Außenwelt zu iso­lie­ren, um an die Spitze der Partei zu gelan­gen, ist so etwas natür­lich leicht zuzutrauen.

Wie es auch gewe­sen sein mag — auf das Attentat folgte die „Große Säuberung“. Angefangen mit „Verschwörern“, unmit­tel­bar Verdächtigen, ech­ten und schein­ba­ren Gegnern Stalins über Bekannte der­sel­ben und wie­derum deren Bekannte brei­tete sich eine Verfolgungswelle über das ganze Land aus. Die Methoden, nach denen die Geheimpolizei ihre Untersuchungen durch­führte, sorg­ten wie von selbst dafür, dass der Strom neuer Verdächtiger nie­mals abriss, denn eine der weni­gen Möglichkeiten eines Beschuldigten, sei­nen Hals zu ret­ten, bestand darin, die eigene Schuld reu­mü­tig zuzu­ge­ben und andere als Mitverschwörer zu denun­zie­ren. Und dafür, dass diese Möglichkeit wahr­ge­nom­men wurde, sorg­ten die Ermittler schon — psy­chi­sche und phy­si­sche Folter war in den Gefängnissen an der Tagesordnung. Durch mona­te­lange Isolationshaft, Schläge, Schlafentzug, Drohungen, Scheinhinrichtungen und andere Methoden aus dem Gruselkabinett der tota­li­tä­ren Barbarei wurde die Persönlichkeit der Häftlinge gebro­chen, und im Idealfall konnte man sie danach mit einer mode­ra­te­ren Behandlung und trü­ge­ri­schen Versprechungen wie­der zu wil­li­gen Bütteln des Systems auf­bauen. Diese Vorgehensweise war so effek­tiv, dass fast alle Spitzenkader, die auf dem Höhepunkt der Hexenjagd in den Jahren 1936–38 in Schauprozessen abge­ur­teilt wur­den, „frei­wil­lig“ ihre „Schuld“ gestanden, in der meist irri­gen Über­zeu­gung, dadurch ver­schont und reha­bi­li­tiert zu wer­den. Das ver­un­si­cherte auch viele west­li­che Beobachter, die dann zuhause berich­te­ten, diese Farce liefe ganz nach rechts­staat­li­chen Prinzipien ab.

Die große Säuberung betraf die ganze rus­si­sche Gesellschaft, aber am bemer­kens­wer­tes­ten daran war, dass aus­ge­rech­net treue Parteimitglieder in beson­de­rem Maß ins Fadenkreuz gerie­ten. Und unter die­sen waren wie­derum jene am stärks­ten gefähr­det, die über­zeugt waren, am Aufbau einer bes­se­ren und gerech­te­ren Gesellschaft mit­zu­wir­ken. Wer recht­zei­tig merkte, dass er sein Fähnchen immers schön nach Stalins Wind zu rich­ten hatte, wer sich auch ein­mal für etwas ent­schul­digte, was er nicht getan hatte und wer gewis­sen­los genug war, den eige­nen Freundeskreis ans Messer zu lie­fern, der hatte eine Chance, mit hei­ler Haut davon­zu­kom­men. Wer dage­gen seine Unschuld beteu­erte oder gar die Stirn hatte, auf Ungerechtigkeiten hin­zu­wei­sen, der wurde hin­ge­rich­tet. Oder lan­dete in den GULag-Arbeitslagern.

Diese Horrorcamps in den eisi­gen Weiten Sibiriens hat­ten mit den Idealen des Kommunismus nicht mehr viel zu tun. Noch bis 1927 galt Zwangsarbeit ganz offi­zi­ell als unge­eig­net, wenn man den neuen Menschen for­men wollte, den die Arbeiter– und Bauernutopie wohl brauchte. Doch von soviel Gutmenschentum hielt Stalin offen­bar nichts, und letzt­lich waren die bil­li­gen Wegwerfarbeitskräfte ja auch ein ökono­mi­scher Faktor. Die Kolonisierung des Ostens, die Ausbeutung sei­ner Bodenschätze und Naturressourcen, die infra­struk­tu­relle Erschließung Sibiriens — das alles wurde mit Hilfe von frie­ren­den, hun­gern­den Sträflingen realisiert.

Das GULag-System war nicht wie die KZs der Nazis dafür gedacht, Menschen sys­te­ma­tisch zu ver­nich­ten, aber sie erle­dig­ten diese Aufgabe den­noch mit nicht uner­heb­li­cher Effizienz. Auch wenn die Lagerleitung nicht die Absicht hatte, die Zwangsarbeiter zu Tode zu schin­den, bedeu­tete die Kombination von schlech­ter Ernährung, unzu­rei­chen­der Kleidung, schlech­ten Unterkünften und man­geln­der Hygiene für viele Gefangene ein schlei­chen­des Todesurteil. Und wir reden hier von „nor­ma­len“ Zeiten. Im Kriegswinter 1941, als die Deutschen immer wei­ter nach Osten vor­dran­gen und im gan­zen Land Not und Elend herrschte, waren die Bedingungen noch viel schlim­mer. Ein Viertel aller Lagerinsassen ver­hun­gerte allein in die­sen weni­gen Monaten (oder arbei­tete sich in der Hoffnung auf Zuteilung höhe­rer Nahrungsrationen zu Tode).

Ende 1938 ende­ten in der Sowjetunion die gro­ßen Verhaftungswellen — Innenminister Jeschow, der im wesent­li­chen dafür ver­ant­wort­lich war, wurde gewis­ser­ma­ßen eines sei­ner eige­nen letz­ten Opfer, und die Schuld an den Exzessen schob das Regime kon­se­quen­ter­weise wie­derum den Feinden der kom­mu­nis­ti­schen Revolution in die Schuhe. Natürlich bedeu­tete das nicht, dass auch die Gefangenen in den Arbeitslagern frei­ge­las­sen wor­den wären. Wer ver­ur­teilt war, saß seine Strafe im Allgemeinen ab, und eine poli­ti­sche Rehabilitation war noch eine ganze Weile nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 nicht denkbar.

Wer die zeit­ge­nös­si­sche Legende geglaubt hatte, Stalin habe von allem nichts gewusst und sofort ein­ge­grif­fen, als ihm die Verfehlungen sei­ner Untergebenen bewusst wur­den, der konnte sich direkt nach dem Krieg eines Besseren beleh­ren las­sen. In den 40ern und frü­hen 5oern wie­der­holte sich das gesamte Schema der Säuberungen in den ost­eu­ro­päi­schen Satellitenstaaten der UdSSR in allen unap­pe­tit­li­chen Dateils mit Verhaftungen, Folter, Schauprozessen und poli­ti­schen Morden. Wenn man also nicht gerade annimmt, dass die­ser Irrsinn eine unaus­weich­li­che Stufe im Entwicklungsprozess des Kommunismus ist, dann muss man davon aus­ge­hen, dass der para­no­ide Generalissimus den Terror als Machtinstrument durch­aus zu schät­zen gewusst hat.

Der Film

Mitten im Sturm erzählt die wahre, in ihrer Autobiographie auf­ge­zeich­nete Geschichte von Jewgenija Ginsburg, einer Literaturprofessorin aus Kasan, die als über­zeugte Kommunistin in die Mühlen der Säuberung hin­ein­ge­zo­gen wurde, ihre pri­vi­le­gierte Stellung ver­lor und schließ­lich vor allem des­halb in Sibirien lan­dete, weil sie den Fehler beging, sich gegen die unge­recht­fer­tig­ten Vorwürfe zur Wehr zu set­zen. Zusammen mit einer net­ten Liebesgeschichte im Lager ergibt dadurch ein ordent­li­cher Spannungsbogen, der den Film auf einem guten dra­ma­tur­gi­schen Niveau hält, wäh­rend wir einen Einblick in die Terrormaschinerie und die Schrecken des GULag-Lebens bekommen.

Der zweite Teil des Films ist auch im Hinblick auf die his­to­ri­sche Darstellung recht gut gelun­gen, aber solange Jewgenija sich noch in Freiheit befin­det, solange sie Vorlesungen gibt, um ihre Reputation kämpft und mit ihrem Mann um die ange­mes­sene Reaktion auf die Vorwürfe strei­tet, ver­su­chen Marleen Gorris (Regie) und Nancy Larsen (Buch) ein biss­chen viel hin­ein­zu­pa­cken — ein Fehler, der bei adap­tier­ten Drehbüchern gerne pas­siert. Wenn sie auch nur mit­tel­mä­ßig schrei­ben konnte, wird Jewgenija Ginsburg wird in ihrer Biographie ver­mut­lich klar und dif­fe­ren­ziert auf vie­len Seiten nie­der­ge­schrie­ben haben, was ihre Mitmenschen dazu getrie­ben haben könnte, sich gegen­sei­tig zu ver­fol­gen und zu denun­zie­ren, sich demü­tig für Dinge zu ent­schul­di­gen, die sie nicht getan hat­ten, und wie sie es schaff­ten, ihren Glauben an den Kommunismus auch dann nicht zu ver­lie­ren, als ihre Freunde und Verwandten abge­führt wur­den. Innerhalb der begrenz­ten Zeit, die auf der Leinwand nun­mal zur Verfügung steht, ist es aber schwer, sol­che Abstrakta glaub­wür­dig zu illustrieren.

Da wäre zum Beispiel das per­verse kom­mu­nis­ti­sche Ritual der Selbstkritik: Wer eine (von der, wie man weiß, stets Recht haben­den Partei) als falsch erkannte Position ver­tre­ten hat, der ist auf­ge­for­dert, sich selbst öffent­lich der Nachlässigkeit, „man­geln­der Wachsamkeit“ oder schlicht der Dummheit zu bezich­ti­gen und auf den als „rich­tig“ fest­ge­leg­ten Kurs ein­zu­schwen­ken. Dass nach dem Mord an Kirow ein Trupp von Kasaner Parteimitgliedern im Büro eines mitt­le­ren Funktionärs stand und, einer nach dem ande­ren, mecha­nisch seine eige­nen Fehler auf­zählte, ist also durch­aus eine reale Möglichkeit, aber ohne Kontext wirkt es im Film über­zo­gen und geküns­telt. Ebenso ver­hält es sich mit der alten Bekannten, die irgend­wann wäh­rend eines Verhörs her­ein­ge­führt wird und Jewgenija ohne jede Regung des Verrats beschul­digt. So kann es zwei­fel­los gewe­sen sein, aber wenn wir nicht wis­sen, wel­chen psy­chi­schen Qualen diese Menschen in den Kerkern der Geheimpolizei aus­ge­setzt waren, kön­nen wir schwer nach­voll­zie­hen, warum diese Frau eine frü­here Freundin gewis­sen­los ans Messer liefert.

Die gewich­tigste Nachlässigkeit die­ser Art ist die Darstellung Jewgenijas selbst, der man keine Sekunde abkauft, dass sie eine hun­dert­pro­zen­tige Kommunistin ist. Ja, sie mag wäss­rige Augen bekom­men wenn ihre Studenten patrio­ti­sche Poesie vor­tra­gen, und sie kom­men­tiert ein­mal: „Ich bin sicher, sie wis­sen was sie tun“, als einer ihrer Kollegen ver­haf­tet wird, aber alles in allem ist zu schnell bereit, alles zu hin­ter­fra­gen und hel­den­haf­tes Rebellentum zur Schau zu stel­len. Das ist nicht nur des­we­gen hart an der Grenze des Akzeptablen, weil es kaum der Wahrheit ent­spre­chen kann — Ginsburg trat schließ­lich sogar nach ihrer Gefangenschaft in Sibirien wie­der in die Partei ein — son­dern vor allem, weil der Film dadurch ver­säumt, eines der zen­tra­len Charakteristika der gro­ßen Säuberung dar­zu­stel­len. Kommunisten, zumin­dest die der Frühzeit, glaub­ten von gan­zem Herzen an die Heilsversprechen ihrer Ideologie, und die große Mehrheit war bereit, große Opfer dafür zu brin­gen. Der Kampf Stalins gegen den „Trotzkismus“ und andere Abweichler war eine ernste und edle Sache, von der man sich nicht ohne Weiteres abwandte. Mitten im Sturm scheint dage­gen von Menschen bevöl­kert zu sein, die sich der Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit des Systems voll­kom­men bewusst waren. Das mag für heu­tige Zuschauer leich­ter ver­dau­lich sein, aber dem Charakter der drei­ßi­ger Jahre ent­spricht es wahr­schein­lich nicht.

Insofern habe ich auch meine Zweifel, ob ich Emiliy Watsons schau­spie­le­ri­sche Leistung als Jewgenija Ginsburg so posi­tiv bewer­ten mag, wie andere das getan haben. Sie über­zeugt als Lagerinsassin, schei­tert aber ein biss­chen an der wesent­lich kom­ple­xe­ren Vorgeschichte, wenn auch nicht aus­schließ­lich aus eige­ner Schuld. Wesentlich beein­dru­cken­der ist da tat­säch­lich der eben­falls hoch gelobte Ulrich Tukur als Lagerarzt, der den nicht ganz ein­fa­chen Spagat sei­ner Figur zwi­schen Humor, Melancholie, Verzweiflung und Mitgefühl so natür­lich ver­kör­pert, dass er fast gar nicht auf­fällt und man sich aktiv bewusst machen muss, was für eine gran­diose Leistung er da eigent­lich ablie­fert. Manchmal ist es eben doch beein­dru­ckend, was deut­sche Schauspieler leis­ten kön­nen, wenn man ihnen nur ein bes­sere Gelegenheit gibt als die mit­tel­mä­ßi­gen Tatortfolgen, die man hier­zu­lande für den Gipfel der Unterhaltungskunst hält.

Fazit

Mitten im Sturm ist ins­ge­samt ein gelun­ge­ner Film, der den his­to­ri­schen Fakten größ­ten­teils gerecht wird. Wer den geschicht­li­chen Hintergrund kennt, wird sich aller­dings ein biss­chen an einer ver­kür­zen­den Oberflächlichkeit und einer stark von der heu­ti­gen Sicht beein­fluss­ten Charakterisierung des frü­hen Bolschewismus stören.