Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten (2011)

Auch wenn uns der vierte Teil der Fluch der Karibik–Reihe mit Edward „Blackbeard“ Teach und König Georg II. von England erst­mals ein paar rich­tige his­to­ri­sche Figuren prä­sen­tiert und damit eine unge­fähre zeit­li­che Einordnung der gan­zen Seemannsfantastik ermög­li­chen würde, wenn das Leben des einen nur mit der Regierungszeit des ande­ren über­lap­pen würde: Natürlich wäre es ein arg groß­zü­gi­ges Urteil, wenn man den Pirates of the Caribbean den Status his­to­ri­scher Filme zuer­ken­nen würde.

Nein, das ist natür­lich alles nur Sommerkinoquatsch, der gemacht wird, um Disneys Kassen zu fül­len. Ich nehme aller­dings die Tatsache, dass mein Multiplexkino hier um die Ecke unge­fähr ein Dutzend Vorstellungen pro Tag davon zeigt und nur noch gefühlte drei andere Filme im Programm hat, als Rechtfertigung dafür, hier trotz­dem mei­nen Senf dazu abzu­ge­ben. Die Teile 2 und 3 die­ser Franchise ste­hen ja schon unter den Top Ten der erfolg­reichs­ten Filme aller Zeiten, und wenn alles nach Plan läuft, lan­det Teil vier da sicher auch noch. Das mag kein his­to­ri­sches Kino sein, ein Stück Filmgeschichte ist es allemal.

Es ist übri­gens wahl­weise ein klei­nes Wunder oder ein gro­ßes Ärger­nis, dass das so ist. Denn der erste Teil der Reihe, den die Kritik noch außer­or­dent­lich posi­tiv auf­ge­nom­men hatte, steht da nur auf Platz 47, wäh­rend die bei­den Fortsetzungen, die so tie­risch abge­räumt haben, nach ein­hel­li­ger Meinung aller Menschen mit Geschmack scharf an der Schundgrenze ent­lang­schlit­tern. Tatsächlich ist es so, dass der ursprüng­li­che Fluch der Karibik ein klar struk­tu­rier­tes, nach ordent­li­chen dra­ma­tur­gi­schen Standards kon­zi­pier­tes Werk war, mit sau­ber ein­ge­führ­ten Figuren, kla­ren Motivationen, ein­fach zu ver­fol­gen­den Handlungssträngen und über­haupt allem was man so lernt an einer guten Filmakademie. Die zweite und dritte Installation wur­den dage­gen zuneh­mend… sagen wir… wirr.

Und zwar der­art wirr, dass ich ehr­lich gesagt gerade noch­mal nach­le­sen musste, um mich zu erin­nern, worum es da eigent­lich gegan­gen ist. Und es hun­dert­pro­zen­tig wie­der ver­ges­sen haben werde, bis der Artikel fer­tig ist.

Dass sie trotz­dem so erfolg­reich waren, lag wahr­schein­lich zu 95% an Johnny Depp. Der hat ja per­ver­ser­weise immer noch kei­nen Oscar, obwohl man inzwi­schen gut auch einen hoch­ran­gi­gen Schauspielpreis nach ihm benen­nen könnte. Seine Interpretation des exzen­tri­schen Piratenkapitäns Jack Sparrow funk­tio­niert so präch­tig, dass man unbe­dingt ein­fach immer noch mehr davon sehen will und das drin­gende Bedürfnis ver­spürt, drei Freunde mit­zu­neh­men, wenn man sich den Film ein zwei­tes Mal anschaut. Oder das Sequel zum ers­ten Mal. Unter die­sen Umständen ist es nach den Gesetzen der Mathematik unver­meid­bar, dass die Fortsetzungen erfolg­rei­cher sind als der Erstling, und es ist ganz egal, wenn sie ansons­ten nur eine Aneinanderreihung originell-sein-wollender Actionszenen mit kur­zer Halbwertszeit sind. Das Publikum war gar nicht kom­plett ver­blö­det, als es die Reihe an den Kinokassen zu immer neuen Rekorden trieb; es hat ledig­lich Prioritäten gesetzt. Und da gleicht ein gut auf­ge­leg­ter Captain Sparrow das biss­chen sinn– und ziel­lose Handlung alle­mal aus.

Klar ist aber auch, dass diese Masche kaum noch ein drit­tes Mal funk­tio­niert hätte. Es gibt inzwi­schen genug Leute, die der völ­lig kor­rek­ten Ansicht sind, dass die Serie immer schlech­ter gewor­den ist, die daher extra­po­lie­ren, dass der neue Film rich­tig übel sein muss, und des­we­gen der Versuchung bequem wider­ste­hen kön­nen, dafür ins Kino zu ren­nen. Da muss­ten sich die Geldsäcke in Hollywood also was ein­fal­len las­sen, und Fremde Gezeiten macht tat­säch­lich den Eindruck, als hät­ten sie das zumin­dest versucht.

Der vierte Teil ver­fügt mit der Quelle der ewi­gen Jugend über einen sehr über­zeu­gen­den MacGuffin, hat also wenig Probleme, dem Zuschauer klar­zu­ma­chen, worum es die ganze Zeit über­haupt geht. In die­sen Rahmen ein­ge­bet­tet wir­ken die Johnny-Depp-Selbstdarstellungsszenen und die teil­weise auch wie­der etwas lang­wie­ri­gen Actionsequenzen wesent­lich auf­ge­räum­ter, und zwi­schen­durch wer­den nicht nur Lacher und Wiedererkennungseffekte pro­du­ziert, son­dern tat­säch­lich so etwas wie ganz alt­mo­di­sche, rein dra­ma­tur­gisch erzeugte Spannung: Wir wis­sen nicht, ob die Quelle gefun­den wird, falls ja von wem, und was dort gesche­hen wird. Und es inter­es­siert uns tat­säch­lich. Normalerweise sollte so etwas zu den Grundvoraussetzungen gehö­ren, wenn man eine Ansammlung von Buchstaben als „Drehbuch“ bezeich­nen will, aber die Teile 2 und 3 hat­ten das so gut wie nicht. Die Fremden Gezeiten wür­den dage­gen viel­leicht sogar ohne Captain Sparrow funk­tio­nie­ren, wer weiß.

Ach nein, ich über­treibe ja maßlos.

Natürlich kommt das alles bei wei­tem nicht an der ers­ten Teil heran und wirkt nach wie vor etwas hek­tisch quietsch­bunt und über­la­den, aber das muss viel­leicht so sein bei einem Film, der aus einer Disneyland-Attraktion her­vor­ge­gan­gen ist. Also, bit­te­s­ehr, da die Kinos ja eh nichts ande­res brin­gen, kann man sich das gerade noch so anschauen. Nur die 3D-Version sollte man nach Möglichkeit ver­mei­den. Es stellt sich mehr und mehr her­aus, dass der ein­zige Film, der jemals zurecht in 3D gedreht wurde, Avatar war. Danach hätte man die neuen Projektoren eigent­lich gleich wie­der abmon­tie­ren können.