Maos letzter Tänzer (2009)

Ein Elfjähriger wird Anfang der 1970er Jahre von kom­mu­nis­ti­schen Kadern aus sei­nem chi­ne­si­schen Bergdorf nach Peking ver­schleppt und einem jah­re­lan­gen, har­ten Drill unter­zo­gen. Auf die­ser Basis könnte man auch einen Jackie-Chan-Film kon­stru­ie­ren, aber hier geht es nicht um Martial Arts, son­dern um Ballett, und es ist tat­säch­lich so pas­siert. Maos letz­ter Tänzerbasiert auf der Autobiographie von Li Cunxin, der eigent­lich nur als Austauschstudent in die USA kam, aber nicht mehr nach China zurück­kehrte, son­dern im Westen zum Ballettstar aufstieg.

Nun ver­stehe ich weder viel von Ballett noch ver­füge ich über beson­dere Kenntnisse zur jüngs­ten chi­ne­si­schen Geschichte, also hält sich meine Autorität hin­sicht­lich des Wahrheitsgehalts die­ser „wah­ren Geschichte“ eini­ger­ma­ßen in Grenzen. Allgemein ist es aber so, dass Autobiographien schon in Buchform nicht als die bes­ten his­to­ri­schen Quellen gel­ten, weil natür­lich kaum jemand objek­tiv bleibt, wenn er über sein eige­nes Leben schreibt. Im Film, wo alles expli­zit gemacht wer­den muss und Komplexitäten, Zweifel und Zwischentöne schwer dar­zu­stel­len sind, poten­ziert sich die­ses Problem natür­lich noch.

Da merkt man dann bei­spiels­weise, dass Regisseur Bruce Beresford zwar gerne ver­mei­den möchte, in plat­ten Antikommunismus abzu­rut­schen und ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von Kommunismus und Kapitalismus zeich­nen will. Aber das funk­tio­niert bei so einer Story wohl nur bis zu einer gewis­sen Grad. Letztlich sind die chi­ne­si­schen Kader für Li eben doch alles andere als Sympathieträger, und letzt­lich ist seine Begeisterung für den ame­ri­can way of life eben doch erheb­lich grö­ßer als sein Glaube an den Vorsitzenden Mao. Der Versuch, das in klei­nen, kli­schee­haf­ten Szenen über Shopping und Coca Cola zu ver­ste­cken, führt da zu nichts und wirkt letzt­lich genauso pein­lich wie die phra­sendre­schen­den Kommunistenroboter, die Beresford auch nicht hat ver­mei­den können.

Interessant ist zudem, wie die Geschichte von Li Cunxins ers­ter Ehe behan­delt wird. Die Liebe zwi­schen ihm und der erfolg­lo­sen Tänzerin Elizabeth Mackey ist näm­lich genau so lange ein zen­tra­les Element der Handlung, bis er die Erlaubnis in der Tasche hat, in Amerika zu blei­ben. Danach ver­schwin­det das Mädchen — mit dem er tat­säch­lich sechs Jahre lang ver­hei­ra­tet war — inner­halb von drei, vier Szenen und ohne guten Grund kom­plett aus der Handlung und wir bekom­men umstands­los seine zweite Frau prä­sen­tiert. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster leh­nen, weil ich nicht weiß, wie das in der Buchvorlage aus­sieht, aber es würde mich nicht wun­dern, wenn Li hier ent­we­der eine Green-Card-Ehe zur gro­ßen Liebe auf­ge­bla­sen oder ein paar schmut­zige Details einer sehr unschö­nen Trennung dis­kret unter den Teppich gekehrt hätte.

Maos letzte Tänzer ist alles in allem ziem­lich durch­schnitt­li­cher Film mit ein paar Macken und ohne große Höhepunkte — außer wenn man sich für Ballett begeis­tern kann. Alle rele­van­ten Rollen sind näm­lich tat­säch­lich mit erst­klas­si­gen Tänzern besetzt, und das gibt dem Film die Möglichkeit, echte Choreographien zu zei­gen statt nur an den Hüften abge­schnit­tene Bilder von flie­ßen­den Armbewegungen, wie man sie zuletzt bei Black Swan bewun­dern konnte. Wenn einem das anspruchs­lose Gehüpfe dort gefal­len hat und man jetzt wis­sen will, wie Ballett wirk­lich aus­sieht, dann kann man sich das also ruhig mal anschauen.