Elizabeth – Das goldene Königreich (2007)

Im Jahr 1998 erschien ein indi­scher Regisseur mit einem Historiendrama über die eng­li­sche Königin Elisabeth I. auf der inter­na­tio­na­len Bühne, durfte sich sogleich über sie­ben Oscarnominierungen freuen und sei­ner Kostümbildnerin zuse­hen, wie sie eine der Statuetten mit nach Hause nahm. Nebenbei ver­half er auch noch sei­ner Hauptdarstellerin Cate Blanchett zu anhal­ten­dem Weltruhm.

Neun Jahre spä­ter brachte Shekhar Kapur dann eine Fortsetzung ins Kino. Während es im ers­ten Teil um die frü­hen Jahre und den Aufstieg der Königin ging, wollte er dies­mal die Zeit ihrer ruhm­reichs­ten Taten auf die Leinwand brin­gen. Natürlich wurde alles grö­ßer und teu­rer, und der Kostümoscar war auch wie­der fest ein­ge­plant. Aber ansons­ten war es, nun ja, eben eine Fortsetzung…

Die Geschichte

Wenn wir mal von dem mythi­schen Artus und viel­leicht noch Richard Löwenherz abse­hen, des­sen Name aus hun­der­ten von Umsetzungen des Robin-Hood-Stoffs bekannt ist und über den man ansons­ten auch höchs­tens noch weiß, dass er im ent­schei­den­den Moment nicht zu Hause war, dann gehört Elisabeth I. sicher­lich zu den berühm­tes­ten eng­li­schen Monarchen — in einem Atemzug zu nen­nen mit Victoria, nach der immer­hin auch ein Zeitalter benannt ist, Wilhelm dem Eroberer, der die Zahl 1066 für sich gepach­tet hat, und sonst nur noch ihrem Vater, dem alten Weiberhelden, und ihrer Halbschwester, die als Wodka mit Tomatensaft in die Geschichte ein­ge­gan­gen ist. Sogar auf dem Kontinent soll­ten die meis­ten Leute schon mal was von all die­sen Figuren gehört haben.

Dass Elisabeth der­art popu­lär war und ist, liegt daran, dass ihre Regierungszeit nicht zu Unrecht als gol­de­nes Zeitalter gilt. Freilich, der Glanz des bri­ti­schen Empires lag noch in fer­ner Zukunft. England war noch nicht die Großmacht, die es sich erlau­ben konnte, die Staaten auf dem Kontinent zu Schachfiguren sei­ner Balance-of-Power–Politik zu degra­die­ren, son­dern immer noch eher eine abge­le­gene Insel am Rande Europas, und noch nicht mal eine ganze. Aber es wur­den Grundsteine gelegt in der zwei­ten Hälfte des 16. Jahrhunderts: Der Handel blühte, eng­li­sche Seefahrer mach­ten eigene Entdeckungen in der neuen Welt, man wies die über­mäch­ti­gen Spanier in die Schranken, und Shakespaere schrieb sich für alle Zeiten in den Olymp der Dichter. Ob die Königin für all dies aktiv mit­ver­ant­wort­lich war, kann man mit guten Gründen bezwei­feln, wenn man mag, aber ihr Verdienst besteht zumin­dest darin, dem Land durch ihre lange Regierungszeit Stabilität gege­ben und sich den posi­ti­ven Entwicklungen jeden­falls nicht in den Weg gestellt zu haben.

Natürlich gab es auch Probleme, und die hatte Elisabeth von ihrem Vater geerbt. Heinrich VIII. hatte im Bemühen, einen männ­li­chen Nachfolger zu zeu­gen, nach­ein­an­der sechs Frauen gehei­ra­tet und nicht nur ihre jewei­li­gen Vorgängerinnen auf teils mehr als unro­man­ti­sche Weise abser­viert, son­dern auch die Kirche gespal­ten, weil der Papst die Annullierung sei­ner ers­ten Ehe nicht abseg­nen wollte. Die Religion barg für alle Staaten Europas erheb­li­ches Konfliktpotenzial, aber wäh­rend andern­orts die Herrscher den Streitereien durch eine klare Linie ein oft blu­ti­ges Ende setz­ten, blie­ben die Konflikte auf der Insel jahr­hun­der­te­lang erhal­ten. Heinrich hatte sich zwar zum Oberhaupt der Kirche auf­ge­schwun­gen, aber er war kein reli­giö­ser Führer, an dem sich das Volk hätte ori­en­tie­ren kön­nen, und die unge­klärte Nachfolgefrage schürte bei vie­len die Hoffnung, dass England irgend­wann zum katho­li­schen Glauben zurück­keh­ren könnte. Tatsächlich ver­suchte sich Elisabeths Schwester Maria Tudor zwi­schen 1553 und 1558 unter groß­zü­ger Zuhilfenahme des Scheiterhaufens an einer sol­chen Restauration. Wäre sie nicht so früh gestor­ben oder hätte sie wenigs­tens ein Kind zur Welt gebracht, hätte sie damit mög­li­cher­weise auch Erfolg gehabt.

Elisabeth war dage­gen ver­gleichs­weise tole­rant in Religionsfragen. Sie bän­digte Versuche des Parlaments, nach dem Ende von Marias Exzessen nun­mehr eine Katholikenverfolgung vom Zaun zu bre­chen, und behielt zum Missfallen der radi­ka­le­ren Protestanten viele Elemente des katho­li­schen Glaubens bei. Solche Kompromisse genüg­ten aller­dings in der frü­hen Neuzeit nicht, um sich mit den Anhängern des ande­ren Glaubens aus­zu­söh­nen. Die neue Hoffnung der Katholiken war Maria Stuart, Königin von Schottland, die selbst Anspruch auf den eng­li­schen Thron erhob und spä­tes­tens nach dem Tod der kin­der­lo­sen Elisabeth die wahr­schein­lichste Nachfolgerin gewe­sen wäre. Diese gefähr­li­che Rivalin befand sich zwar seit 1568 in eng­li­scher Gefangenschaft, aber  das bedeu­tete nicht, dass keine Gefahr mehr von ihr aus­ging; der Papst hatte Elizabeth exkom­mu­ni­ziert, kei­nen Zweifel gelas­sen, wen er für die wahre Königin Englands hielt, und seine bri­ti­schen Schäfchen auf­ge­for­dert, sich der ket­ze­ri­schen Usurpatorin Elisabeth zu entledigen.

Obwohl meh­rere auf­ge­deckte katho­li­sche Verschwörungen kei­nen Zweifel daran lie­ßen, dass einige Katholiken durch­aus geneigt waren, den Befehlen des Heiligen Stuhls Folge zu leis­ten, wei­gerte sich Elizabeth lange, das Problem durch die Hinrichtung Marias end­gül­tig zu lösen. Dazu war erst eine Intrige von Sir Francis Walsingham nötig, des Urahns aller undurch­schau­ba­ren Geheimdienstchefs. Er öffnete der ansons­ten völ­lig iso­lier­ten Maria absicht­lich eine Kommunikationsmöglichkeit mit der Außenwelt, über­wachte aber ihren Briefwechsel und konnte so schließ­lich nach­wei­sen, dass sie an Planungen zu einem Attentatbetei­ligt war. Das genügte; Maria Stuart wurde Anfang des Jahres 1587 enthauptet.

Die Religion war jedoch nicht nur ein innen­po­li­ti­sches Thema. Die Rivalität zwi­schen Spanien und England mochte hand­feste wirt­schaft­li­che Gründe gehabt haben, aberKönig Philipp II. war vor allem auch streng katho­lisch; er bekämpfte den Protestantismus in sei­nen eige­nen Ländern mit allen Mitteln. Wenn der Papst dazu auf­rief und sich die Gelegenheit bot, wäre er sicher der Letzte gewe­sen, der einem Krieg mit England aus dem Weg gegan­gen wäre. Die einen sagen, die Hinrichtung Maria Stuarts sei schließ­lich der Auslöser gewe­sen, die ande­ren ver­mu­ten, dass schon die Verschwörung gegen Elisabeth Teil von Philipps Invasionsplänen war; jeden­falls lief im Mai 1588 eine rie­sige Flotte aus dem Hafen von Lissabon aus, um England zu erobern.

Nun, der Ausgang die­ser Unternehmung ist weit­hin bekannt,  was soll man also sagen?Die Spanische Armada war allem, was die Engländer auf­brin­gen konn­ten, zah­len­mä­ßig um ein Vielfaches über­le­gen; wären die Umstände weni­ger unglück­lich gewe­sen, würde Großbritannien heute von Madrid aus regiert. Aber der Wind im Ärmel­ka­nal stand ungüns­tig für die Spanier, die weni­gen eng­li­schen Schiffe erwie­sen sich als wen­di­ger, viel­leicht waren ihre Kapitäne geschick­ter (und wur­den jeden­falls berühm­ter), und die Invasion fiel aus. Statt des­sen zwan­gen Stürme die geschla­gene Armada auf einen wei­ten Heimweg über Schottland und Irland.

Spätestens mit die­sem glück­li­chen Sieg war Elisabeths Nachruhm besie­gelt, und das Tor zu Englands gro­ßer Zukunft stand weit offen. In den letz­ten Jahren ihrer Regierungszeit sank ihre Popularität unter den Zeitgenossen zwar etwas — vor allem auf­grund wirt­schaft­li­cher Probleme, durch die ja schon immer selbst die wei­ses­ten und gütigs­ten Herrscher beim Volk in Ungnade fal­len konn­ten. Man darf aber ver­mu­ten, dass es unter ihren unge­lieb­ten Nachfolgern aus dem Hause Stuart nicht lange dau­erte, bis die Untertanen ihre Meinung wie­der kor­ri­gier­ten, und sich hem­mungs­los der bis heute anhal­ten­den nost­al­gi­schen Glorifizierung ihrer jung­fräu­li­chen Königin hingaben.

Der Film

Weil der erste Elizabeth–Film von 1998 ein ordent­li­cher Erfolg war und all­seits als klei­nes Meisterwerk unter den his­to­ri­schen Filmen gilt, sind wir in der glück­li­chen Situation, dass das Sequel bereits in in allen Details im Internet zer­pflückt wor­den ist. Man muss also nicht lange recher­chie­ren, wenn man wis­sen will, was alles nicht ganz genau so gewe­sen ist wie im Film. Ein Blick in die eng­li­sche (oder sogar nur diedeut­sche) Wikipedia genügt.

Die Liste ist lang und vol­ler Details, bei denen man sich manch­mal fragt, wozu die Abweichung gut sein soll, ent­hält aber wenig, was im Rahmen einer dra­ma­ti­schen Verfilmung his­to­ri­scher Ereignisse bedenk­lich wäre. Dass bei­spiels­weise Walter Raleigh mit Francis Drake gewis­ser­ma­ßen zu einer Person ver­schmol­zen wird, wäre zwar eine die­ser gefähr­li­chen Kleinigkeiten, die sowohl irre­füh­rend als auch rela­tiv leicht im Gedächtnis zu behal­ten sind; aber ande­rer­seits hätte ein sepa­rat auf­tre­ten­der Drake wohl keine sehr große Rolle spie­len kön­nen und daher nur wenig zur his­to­ri­schen Wahrheit, aber viel zu einer grö­ße­ren Unübersichtlichkeit beige­tra­gen. Auch dass der Babington-Plot im Film mit einem Anschlag endet, statt schon zuvor von Francis Walsingham auf­ge­deckt zu wer­den, ist eigent­lich reich­lich star­ker Tobak, wird aber für mei­nen Geschmack ganz knapp aus­rei­chend dadurch gerecht­fer­tigt, dass die Strippenzieherei die­ses früh­neu­zeit­li­chen Geheimdienstmannes dadurch etwas film­rei­fer insze­niert wer­den kann.

Die wei­te­ren Abweichungen, die dem Goldenen Königreich ange­krei­det wer­den, bezie­hen sich größ­ten­teils auf sim­ple erzäh­le­ri­sche Notwendigkeiten; dass man etwa nicht stän­dig ver­mit­teln kann, dass gewisse Ereignisse nur mit monate– oder gar jah­re­lan­gem Abstand zuein­an­der ein­ge­tre­ten sind, ver­steht sich von selbst, und eben­so­we­nig kann sich ein Film die Zeit neh­men, zu erklä­ren, warum eine Nebenfigur einen fran­zö­si­schen Akzent gehabt haben soll, wenn sie doch die Königin von Schottland war. Also ent­schei­det man sich logi­scher­weise für eine schot­ti­sche Sprachfärbung, sonst müsste man den Zuschauern irgend­wann zusam­men mit der Kinokarte gleich ein Buch aus­hän­di­gen, damit sie alle Hintergründe ver­ste­hen. Der Drehbuchautor Michael Hirst, der ja auch für den ers­ten Film und für die groß­ar­tige Fernsehserie Die Tudors ver­ant­wort­lich ist und sicher nicht völ­lig naiv an sol­che Dinge her­an­geht, hat völ­lig recht, wenn er dafür ein gewis­ses Maß an künst­le­ri­scher Freiheit ein­for­dert.

Wie bei den meis­ten his­to­ri­schen Filmen liegt auch bei der zwei­ten Elizabeth die Problematik weni­ger in Kleinigkeiten als in der Interpretation, und in die­ser Hinsicht kann man Michael Hirst auch nicht ganz so ein­fach aus der Verantwortung ent­las­sen: Die Darstellung des spa­ni­schen Königs Philipp II. schwankt zwi­schen „dia­bo­lisch“ und „leicht zurück­ge­blie­ben“, und das wird der Realität die­ses wohl etwas neu­ro­ti­schen, aber auch sehr gebil­de­ten Herrschers sicher nicht ganz gerecht, zumal sein tief­ver­wur­zel­ter Katholizismus im 16. Jahrhundert in all sei­ner Radikalität der Normalfall war. Schließlich würde man den Stellenwert der Frage nach der rich­ti­gen Religion in die­ser Zeit noch deut­lich unter­schät­zen, wenn man ihn mit, sagen wir, den ideo­lo­gi­schen Differenzen im Kalten Krieg ver­glei­chen würde.

Möglich wäre natür­lich, dass das nega­tive Philipp-Bild ganz gut dem ent­spricht, was die eng­li­schen Zeitgenossen damals über ihn gedacht haben. Ich tue mich aus dem Stegreif schwer, über ein so wenig hand­greif­li­ches Thema wie die öffent­li­che Meinung vor 400 Jahren zu urtei­len, aber letzt­lich bliebe die Schwarzweißmalerei auch in die­sem Fall ein Schwachpunkt des Films, denn das Medium gibt so etwas ein­fach nicht her. Mit weni­gen, eng begrenz­ten Ausnahmen wie Traumsequenzen ver­mit­teln Filme gemäß Konvention durch­ge­hend den Eindruck, die objek­tiveRealität zu zei­gen, daher sind sol­che Feinheiten nicht ohne Weiteres darstellbar.

Es herrscht weit­ge­hend Einigkeit dar­über, dass Elizabeth — Das gol­dene Königreichkeine kon­ge­niale Fortsetzung sei­nes Vorgängers ist, und ich würde mich der Mehrheitsmeinung in die­sem Fall anschlie­ßen. Woran es genau liegt, dass der­selbe Regisseur zusam­men mit dem sel­ben Autor und der sel­ben Hauptdarstellerin eine so deut­lich schwä­chere Arbeit ablie­fern kann, ist ein biss­chen schwer fest­zu­ma­chen. Ich per­sön­lich würde es aber im Wesentlichen auf die Struktur der Erzählung zurück­füh­ren. Im ers­ten Teil durf­ten wir einer jun­gen Königin zuse­hen, wie sie sich gegen Zweifel und Widerstände durch­setzt, was der Handlung eine klare Richtung gab und die Hauptfigur als unum­strit­te­nen Sympathieträgerin eta­blierte. Dagegen haben wir es im Sequel mit min­des­tens zwei kaum zusam­men­hän­gen­den Gefahren zu tun, und die Aufgabe der Königin beschränkt sich nun dar­auf, den Status quo zu ver­tei­di­gen. Hinzu kommt, dass es da plötz­lich auch eine Hofdame (Abbie Cornish) gibt, die mit Cate Blanchett um die Gunst des Zuschauers kon­kur­riert, und da kommt die zurecht kom­ple­xere Charakterzeichnung der altern­den Virgin Queen gegen die süße Mädchenliebe ein­fach nicht an.

Es ist auch im Prinzip eine rich­tige Idee, das Goldene Königreich grö­ßer, präch­ti­ger und hel­ler erschei­nen zu las­sen als das England des ers­ten Films, aber es funk­tio­niert lei­der nicht hun­dert­pro­zen­tig. Man merkt den Kulissen an, dass sie teu­rer waren, aber man merkt eben oft auch, dass es Kulissen sind. So etwas ist außer­halb von Comicverfilmungen natür­lich fatal. Dazu kom­men immer wie­der klei­nere Augenroll-Momente: Wenn etwa die Bilder von adli­gen Freiern aus aller Herren Länder an der Königin vor­bei­pro­zes­sie­ren. Oder, fast noch schlim­mer, wenn Walter Raleigh aus der neuen Welt heim­kehrt und aus­ge­rech­net Kartoffeln, Tabak und ein paar Eingeborene mit­bringt. So etwas ist die zuver­läs­sigste Methode, aus beein­dru­cken­dem Prunk und tie­fer Symbolik ganz schlich­ten Kitsch zu machen.

Fazit

Als kleine Geschichtsstunde ist Elizabeth — Das gol­dene Königreich durch­aus akzep­ta­bel, es ist nur die Frage, ob das die beste Wahl wäre bei einer Epoche, über die es der­art viel popu­lär­wis­sen­schaft­li­che Literatur und sicher auch ein paar brauch­bare Dokumentarfilme gibt. Als Kinoerlebnis ran­giert der Film aller­dings nur im obe­ren Mittelmaß.