Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (2007)

Jetzt habe ich tat­säch­lich mehr als einen Monat gebraucht, um den Artikel zu die­sem Film end­lich fer­tig zu schrei­ben. Und zwar nicht, weil das Thema so lang­wei­lig gewe­sen wäre oder weil ich keine Zeit gehabt hätte (obwohl spe­zi­ell in die­ser Hinsicht natür­lich immer Verbesserungspotenzial besteht). Im Gegenteil.

Jesse James war für mich bis­her eine Figur aus den Lucky-Luke-Comics. Dass er nicht frei erfun­den war, war mir klar, aber viel mehr als das und eine dif­fuse Vorstellung von einem edlen Wildwest-Robin Hood hat sich durch die dicke Hülle euro­päi­scher Sozialisation dann auch nicht bis zu mir durch­kämp­fen kön­nen. Und sobald ich ein biss­chen mehr wusste, haben sich eher immer mehr Fragen auf­ge­tan, denn edel war die­ser Mann tat­säch­lich eher nicht. Und sicher kein Robin Hood. Wie ist er also zu die­sem schmei­chel­haf­ten Image gekommen?

Die Geschichte

Es hilft viel­leicht, ein biss­chen aus­zu­ho­len. James‘ Heimatstaat Missouri war in den Jahren vor dem Ausbruch des ame­ri­ka­ni­schen Bürgerkrieg ein Sonderfall: Der nörd­lichste Staat, in dem Sklaverei legal war, im Norden und Osten begrenzt von den skla­ven­freien Nordstaaten Iowa und Illinois, und ob die Staaten, deren Gründung man im Westen erwar­ten konn­ten, die Sklaverei zulas­sen wür­den, stand in den Sternen. In vie­len Städten des Landes fan­den sich mehr­heit­lich Gegner der Sklaverei (keine Humanisten aller­ding, son­dern ganz nor­male ras­sis­ti­sche Weiße, die Angst hat­ten, von bil­li­gen schwar­zen Arbeitskräften aus­ge­boo­tet zu wer­den), und im Vergleich zu den „ech­ten“ Südstaaten war der Anteil der Schwarzen an der Bevölkerung recht niedrig.

Lediglich „Little Dixie“, ein Landstreifen an den Ufern des Missouri, der von Jefferson City bis an die Westgrenze des Staates reichte und haupt­säch­lich von Südstaatlern besie­delt wor­den war, bil­dete eine Hochburg der Sklavenhalter. Hier war fast jeder zweite Mensch ver­sklavt, hier muss­ten die Farmer um ihre Existenz fürch­ten, falls die Abolitionisten sich durch­setz­ten. Und hier war es, wo die Konflikte, die spä­ter zum Bürgerkrieg füh­ren soll­ten, als ers­tes eska­lier­ten. Banden aus Westmissouri beein­fluss­ten Abstimmungen in Kansas zu ihren Gunsten, Abolitionisten aus Kansas befrei­ten Sklaven aus Missouri, die Staatsgrenzen wur­den bedeu­tungs­los, als sich auf bei­den ideo­lo­gi­schen Seiten para­mi­li­tä­ri­sche Trüppchen her­aus­bil­de­ten, und Ende des Jahres 1855 kam es erst­mals zu ernst­haf­ten Kämpfen zwi­schen den skla­ver­ei­freund­li­chen „Border Ruffians“ und den „Jayhawkern“ auf der ande­ren Seite. Die Auseinandersetzungen waren nicht durch­ge­hend blu­tig, aber sie zogen sich bis zum Beginn des Bürgerkriegs hin und gin­gen dann naht­los in einen Guerillakrieg über.

In die­sen unru­hi­gen Zeiten wuch­sen auf einer Farm nörd­lich von Kansas City die James-Brüder auf. Ihre Familie hielt selbst einige Sklaven, also war eigent­lich klar, auf wel­cher Seite sie ste­hen wür­den, aber dass Unionsmilizen ihren Stiefvater fol­ter­ten und den jun­gen Jesse miss­han­del­ten, hat sicher­lich nicht dazu geführt, dass sie Fans von Abe Lincoln wur­den. Der ältere Frank kämpfte schon 1861 — als Achtzehnjähriger — in der kon­fö­de­ra­ti­ons­treuen Missouri State Guard und schloß sich 1863 den inzwi­schen als „Bushwhackers“ bekann­ten sezes­sio­nis­ti­schen Guerillatruppen an. Sein jün­ge­rer Bruder folgte ihm wenig später.

Die Bushwhacker kann­ten keine klare Front und inter­es­sier­ten sich nicht für den fei­nen Unterschied zwi­schen Soldaten und Zivilisten; wer nicht auf ihrer Seite stand, konnte ihrer Mordlust jeder­zeit zum Opfer fal­len. In die­ser Beziehung stan­den ihnen die unio­nis­ti­schen Milizen frei­lich in nichts nach, aber die leg­ten am Ende des Krieges die Waffen nie­der und führ­ten wie­der ein nor­ma­les Leben; die sezes­sio­nis­ti­schen Guerillas dage­gen ter­ro­ri­sier­ten ihre Mitmenschen oft ein­fach weiter.

Frank und Jesse James haben wohl eine Zeit lang ver­sucht ein fried­li­ches Leben zu füh­ren (oder sind aus ande­ren Gründen eine Weile nicht auf­fäl­lig gewor­den), aber am 13. Februar 1866 gehör­ten sie wohl zu einer Bande, die die Clay County Savings Bank in der Stadt Liberty über­fiel und diese — klar unio­nis­ti­schen Kreisen zuge­hö­rige — Institution um ein klei­nes Vermögen erleich­terte. Damit war der Grundstein gelegt für die Outlaw-Karriere des Jesse James, aber nur durch seine Raubüberfälle wäre er wohl kaum zum berühm­tes­ten Amerikaner neben Mark Twain auf­ge­stie­gen. Für sol­che Publicity-Wunder brauchte man damals wie heute die Unterstützung der Presse.

Ab 1869 arbei­tete er mit dem unver­bes­ser­li­chen sezes­sio­nis­ti­schen Hardliner John Newman Edwards zusam­men, der sich nach Kriegsende in Kansas City nie­der­ge­las­sen hatte und dort eine Zeitung her­aus­gab. Er war es, der James‘ erstaun­lich stil­si­cher for­mu­lierte „Bekennerbriefe“ ver­öf­fent­lichte und ihm den Ruf des Gentleman-Gauners und Rächers der Entrechteten andich­tete, obwohl seine Über­fälle objek­tiv betrach­tet nicht immer ech­ten poli­ti­schen Symbolwert hat­ten und die Beute defi­ni­tiv nie unter den Armen und Geknechteten ver­teilt wurde. Aber die unschö­nen Tatsachen inter­es­sier­ten seine Anhänger nicht. Er wurde in den fol­gen­den Jahren zur Identifikationsfigur der Bürgerkriegsverlierer und war der wahr­schein­lich berühm­teste Amerikaner sei­ner Zeit.

Der Niedergang die­ses Helden einer hal­ben Nation begann schließ­lich mit einem Über­fall auf eine Bank in Minnesota im Jahr 1876, der gran­dios schief ging. Bis auf Frank und Jesse James selbst wurde die gesamte Bande ent­we­der ver­haf­tet oder erschos­sen, und auch die James-Brüder ent­ka­men nur knapp. Beide sie­del­ten sich unter fal­schen Namen in Tennessee an, wo sie wahr­schein­lich den Rest ihres Lebens zusam­men mit ihren Familien in aller Ruhe hät­ten genie­ßen hät­ten kön­nen, und Frank schien tat­säch­lich gewillt zu sein, die wil­den Zeiten hin­ter sich zu las­sen. Aber Jesses kannte seit sei­ner Kindheit nichts ande­res als das Dasein als Outlaw. Sich zur Ruhe zu set­zen ent­sprach nicht sei­nem Charakter.

Er ver­sam­melte eine neue Bande um sich, die dies­mal aber nicht aus Bürgerkriegsveteranen bestand, son­dern aus ganz nor­ma­len Kleinganoven, und er begann erneut, Züge und Banken zu über­fal­len. Doch die guten alten Zeiten kamen nicht wie­der: Mag sein, dass er Pech hatte, mag sein, dass seine neuen Mitstreiter über­for­dert waren, jeden­falls wur­den einige ver­haf­tet, Streitereien bra­chen aus, der Zusammenhalt der Gruppe ging ver­lo­ren. Jesse James wit­terte Verrat und erschoß eines der Bandenmitglieder (Ed Miller), was dazu führte, dass sich die ande­ren nun von ihm bedroht fühlten.

Letztlich nutzte im Frühjahr 1882 einer der letz­ten Menschen, denen Jesse noch ver­traute, einen Moment der Unaufmerksamkeit und erschoß ihn hin­ter­rücks in sei­nem eige­nen Haus. Robert Ford wurde vom Gouverneur von Missouri für die­sen Mord sofort begna­digt, aber die vie­len Anhänger Jesse James‘ ver­zie­hen ihm nie. Er über­lebte ein ers­tes Attentat, fiel aber 1892 dem zwei­ten zum Opfer. Jesse James dage­gen wurde nach sei­nem Tod end­gül­tig zur Legende. Menschen bezahl­ten dafür, ste­reo­gra­phi­sche Bilder sei­ner Leiche zu betrach­ten, er wurde zum Helden von Heftchenromanen, und bis heute exis­tie­ren meh­rere Museen, die sich exklu­siv mit ihm befassen.

Der Film

Die Handlung der Ermordung des Jesse James setzt kurz vor dem letz­ten Zugraub der James-Brüder im September 1881 ein und ver­folgt in allen Einzelheiten die Konflikte inner­halb der Bande, die schließ­lich zu Robert Fords Verrat führ­ten. Der Film gilt als sehr authen­ti­sche Wiedergabe der letz­ten Monate im Leben sei­nes Titelhelden, und ich sehe wenig Anlass, an die­ser Einschätzung zu zwei­feln. Dass nicht jedes Detail auf über­lie­fer­ter his­to­ri­scher Wahrheit basie­ren kann, ver­steht sich bei der Lebensgeschichte eines Mannes, des­sen „Beruf“ es war, uner­kannt zu blei­ben und seine Spuren zu ver­wi­schen, ganz von selbst. Die grobe Abfolge der Ereignisse ist aber nach­prüf­bar kor­rekt bis auf die Tatsache, dass Jesse James Ed Miller in Wirklichkeit schon vor dem Blue-Cut-Zugraub erschos­sen hatte. Aber das ist eine Veränderung, die ganz offen­sicht­lich aus sehr guten dra­ma­tur­gi­schen Gründen erfolgt und dabei hilft, die von Regisseur und Autor Andrew Dominik vor­ge­schla­gene Interpretation zu illus­trie­ren: Dass näm­lich Robert Ford tat­säch­lich kein Feigling gewe­sen ist, son­dern sich durch den unbe­re­chen­ba­ren Charakter Jesse James‘ gera­dezu zu sei­ner Tat gezwun­gen sah.

Diese Bewertung dürfte heut­zu­tage höchs­tens bei ein paar unver­bes­ser­li­chen mis­sou­rischen Amateurgelehrten mit Konföderiertenflagge im Vorgarten umstrit­ten sein. Die Legenden vom Robin Hood des Wilden Westens glaubt jeden­falls kein ver­nünf­ti­ger Mensch mehr. Eher unge­wöhn­lich ist dage­gen das psy­cho­lo­gi­sche Element der Heldenverehrung, das Dominik ins Spiel bringt. Der Robert Ford des Films ist seit frü­hes­ter Kindheit ein Fan des Outlaws und wünscht sich nichts mehr als zur James-Bande zu gehö­ren und von Jesse als gleich­be­rech­tigt aner­kannt zu wer­den. Ich finde für diese Charakterisierung keine Hinweise, und ich bin nicht ein­mal sicher, ob es die Romanheftchen über Jesse James, die Ford in der Ermordung unter sei­nem Bett lagert, in den 1870ern schon exis­tiert haben. Ausschließen kann ich es aber natür­lich nicht, womög­lich habe ich nur nicht genug recherchiert.

Wie so oft bei his­to­ri­schen Stoffen ist ein gewis­ses Vorwissen dem Filmgenuss nicht gerade abträg­lich. Ich nehme an, dass das ame­ri­ka­ni­sche Publikum mit der James-Legende in gro­ben Zügen ver­traut ist, aber für Europäer ist anfangs ein biss­chen Konzentration erfor­der­lich, bis man alle Figuren aus­ein­an­der­sor­tiert und ein biss­chen Über­blick gewon­nen hat. Davon abge­se­hen füllt die Ermordung des Jesse Jamesihre 160 Minuten erstaun­lich gut aus — man mag es nicht gerade mit­rei­ßend nen­nen ange­sichts der poe­ti­schen Bilder und und der gemäch­li­chen Erzählgeschwindigkeit, aber es kommt defi­ni­tiv keine Langeweile auf. Brad Pitt als Jesse James gibt eine ange­mes­sen bedroh­li­che Vorstellung ab, und seine Mitstreiter nei­gen zwar ein klei­nes biss­chen zum Overacting, machen ihren Job als ein­ge­schüch­terte Desperados aber auch nicht schlecht. Das gilt auch und vor allem für Casey Affleck, des­sen Manierismen in der Rolle des Robert Ford zwar hart an der Nerv-Grenze lie­gen, der es aber gleich­zei­tig schafft, sich gra­du­ell vom ein­fach gestrick­ten neun­zehn­jäh­ri­gen Fanboy zu einer ganz ver­zwei­fel­ten und zer­ris­se­nen Figur zu ent­wi­ckeln, ohne dass es im Geringsten geküns­telt wir­ken würde. Abgerundet wird das Ganze noch von einem hüb­schen Soundtrack aus melan­cho­li­schen Westernmotiven, der sich sel­ten in den Vordergrund drängt, aber immer für die rich­tige Stimmung sorgt.

Fazit

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford ist, schon ganz unab­hän­gig von der Qualität der his­to­ri­schen Darstellung, ein Kunstwerk — nicht anspruchs­los, aber den­noch fas­zi­nie­rend und aus­sa­ge­kräf­tig. Und die Geschichte kommt dabei dann doch auch sehr gut weg.