The Fighter (2010)

Mit The Fighter sind die Nominierten für den Best-Picture-Oscar 2010 end­lich voll­stän­dig in Deutschland ange­kom­men. Dass man Ordentliches, aber nichts Weltbewegendes erwar­ten durfte, ist nach den ande­ren Vorstellungen aus die­sem eher schwa­chen Jahr eigent­lich schon klar gewe­sen. Und das Unterschichtsfamiliendrama-Schrägstrich-Biopic über den rela­tiv unbe­kann­ten Boxer Micky Ward erfüllt ins­ge­samt die Erwartungen, sowohl in posi­ti­ver als auch in nega­ti­ver Hinsicht. Wo genau die bes­se­ren und schlech­te­ren Aspekte dann zu fin­den sind, ist aller­dings dann doch etwas überraschend.

Bei sechs Nominierungen hat The Fighter am Ende zwei Oscars geholt, und zwar für die Nebenrollen von Christian Bale als dro­gen­ab­hän­gi­gem Bruder und Melissa Leo als eifer­süch­ti­ger Mutter. Beide gehö­ren tat­säch­lich aber zu den eher weni­ger beein­dru­cken­den Mitgliedern des Casts; wenn über­haupt, dann zeich­nen sie sich dadurch aus, dass sie sehr viel und sehr sicht­bar schau­spie­lern, wie es sich für Oscarpreisträger tra­di­tio­nell gehört. Ob das dann beson­ders gut ist, steht auf einem ganz ande­ren Blatt. Bales Auszeichnung für den hyper­ak­ti­ven Crackjunkie ist noch im Rahmen, er war ja irgend­wie sowieso fäl­lig und es han­delt sich eben um eine die­ser Rollen, die extra für’s Preise-Abräumen geschrie­ben wer­den: Irre, Behinderte, Drogensüchtige, das kommt immer an.

Vollkommen irr­sin­nig ist dage­gen die Idee, aus­ge­rech­net Melissa Leo eine die­ser gol­de­nen Statuetten zu geben. Dass ihre Figur extrem unsym­pa­thisch ange­legt ist, kann man schlecht gegen sie ver­wen­den, aber es reicht eben auch nicht für eine beson­dere Belobigung. Dafür hätte sie es schaf­fen müs­sen, ihre Rolle wenigs­tens ein ganz klei­nes biss­chen emo­tio­nal zugäng­lich zu machen, damit man bei aller Abneigung auch ein wenig Verständnis für diese ter­ro­ris­ti­sche Glucke emp­fin­den kann, die aus Egoismus und Dummheit die Karriere ihres Sohnes völ­lig an die Wand fah­ren würde, wenn man sie ließe.

Davon ist aber nichts zu spü­ren. Man muss zu Leos Entschuldigung natür­lich sagen, dass sie ledig­lich das Hauptproblem des gan­zen Films ver­kör­pert. The Fighter will ja nicht in ers­ter Linie Box-Action à la Rambo sein, son­dern vor allem ein „authen­ti­sches“ Working-Class-Familiendrama. Aber das ist ein ehren­wer­tes Ziel, an dem schon Bessere geschei­tert sind. Denn es gibt ja einen Grund, warum Theaterdichter seit der Antike Tragödien in der Welt des Adels spie­len lie­ßen: Der Unterschicht fehlt ein­fach die Fallhöhe für das ernste Fach, und The Fighter ist ein gutes Beispiel dafür. Die pri­mi­ti­ven Sperenzchen von Micky Wards unmög­li­cher Familie inter­es­sie­ren ein­fach nie­man­den, kei­ner kann wirk­lich nach­voll­zie­hen, warum er nicht schon längst über alle Berge ist und sein Glück ohne die­sen stu­pi­den Haufen sucht, und vor allem will man ein­fach gar nicht glau­ben, dass das alles über­haupt irgend­ei­nen Bezug zur Realität hat. Nirgends auf der Welt und in kei­nem Milieu sind echte Menschen so sys­te­ma­tisch däm­lich wie die­ses Gruselkabinett von Nebenfiguren. So etwas kann aus­schließ­lich der Phantasie ver­wöhn­ter Mittelschichtssöhnchen ent­sprin­gen, die als Drehbuchautoren über Menschen schrei­ben, mit denen sie im rich­ti­gen Leben nie­mals ein Wort wech­seln würden.

Jedenfalls hoffe ich, dass das so ist.

Dass der Film trotz­dem noch recht gut gewor­den ist, ver­dankt er Amy Adams, die in einer per­fek­ten Welt Melissa Leos Oscar mit nach Hause genom­men hätte, David O. Russell, der die Rahmenhandlung so vir­tuos in Szene setzt, dass die White-Trash-Klischees schnell ver­ges­sen sind — und aus­ge­rech­net Mark Wahlberg. Das ehe­ma­lige rap­pende Unterhosenmodel hat ja in den letz­ten Jahren schon ein paar ganz respek­ta­ble schau­spie­le­ri­sche Leistungen abge­lie­fert, aber mit The Fighter zeigt er, dass er wirk­lich zu allem fähig ist. Seine Rolle ist ver­gleichs­weise zurück­hal­tend und fast ein biss­chen wei­ner­lich ange­legt, aber immer, wenn seine preis­ge­krön­ten Mitstreiter um ihn herum ihre über­dreh­ten Gefühlsausbrüche vom Stapel las­sen, dann bleibt er ein­fach nur sou­ve­rän und glaub­wür­dig und ret­tet dadurch eine Szene nach der anderen.

Normalerweise bliebe hier auch noch zu klä­ren, ob The Fighter eine authen­ti­sche Darstellung von Micky Wards Karriere ist, aber bei einem Boxer, des­sen aktive Karriere erst seit ein paar Jahren vor­bei ist und den vor­her außer­halb von Neuengland ohne­hin nie­mand gekannt hat, müsste man glatt Quellenstudium betrei­ben und Interviews füh­ren, um das nach­zu­prü­fen, denn Literatur gibt’s über sowas natür­lich nicht. Es heißt immer­hin, der echte Micky habe am Set mit­ar­bei­ten dür­fen und sei zufrie­den gewe­sen. Das muss dann wohl genü­gen. Und wenn eine „wahre Geschichte“ über­haupt erst durch ihre Verfilmung Relevanz gewinnt, ist es eigent­lich ja auch wirk­lich egal.