12. Landshuter Kurzfilmfestival

Ja, rich­tig gele­sen: Ich habe hier ein rich­ti­ges Filmfest direkt vor der Haustür. Niederbayern hin oder her. Ich bin in einer Viertelstunde zu Fuß bei allen Spielstätten. Und, wie man hört, ist das Landshuter Kurzfilmfestival nicht ein­mal ganz unbe­deu­tend.

Nun sind Kurzfilme natür­lich selbst nicht gerade das bedeu­tendste Format der Filmkunst. Es gibt Leute, die von einer „Kurzfilmszene“ spre­chen, aber wenn man genau hin­schaut, gehö­ren die bes­ten Leute die­ser Szene eher unfrei­wil­lig an. Die über­wie­gende Mehrheit zumin­dest derer, die ihre Filme in Landshut zei­gen, sind Studenten, und die stel­len sich natür­lich alle vor, dass sie dem­nächst „rich­tige“ Spielfilme dre­hen und am bes­ten in Hollywood lan­den oder wenigs­tens in Cannes abräu­men, und wenn sie das nicht schaf­fen, dann lan­den sie beim Fernsehen oder in der Werbung oder suchen sich weni­ger gla­mou­röse Jobs. Kurzfilme sind da eher eine bio­gra­phi­sche Randerscheinung.

Und warum sollte es auch anders sein. Seit im Kino keine Vorfilme mehr gezeigt wer­den, kann man Kurzfilme eigent­lich nur noch auf arte sehen. Oder eben auf Festivals. Theoretisch soll­ten Youtube und Konsorten für mehr Öffent­lich­keit sor­gen, aber bis­her tau­chen da fast aus­schließ­lich völ­lige Amateurproduktionen auf. Kurzfilm-Sammlungen auf DVD gibt es auch kaum. Das führt zu der selt­sa­men Situation, dass man jeden noch so absei­ti­gen nige­ria­ni­schen Neunzigminüter heute inner­halb von ein paar Tagen in den Briefkasten gelie­fert bekom­men und jedes Urlaubsvideo von irgend­ei­nem Hobbypapi auf Knopfdruck sehen kann, aber ernst­hafte Kurzfilme ver­schwin­den prak­tisch mit Drehschluss im kul­tu­rel­len Nirvana.

Das ist wirk­lich schade, denn das Format ist durch­aus reiz­voll. Es scheint zum Beispiel fast unmög­lich zu sein, einen rich­tig unin­ter­es­san­ten Kurzfilm zu dre­hen. Es kann kaum nur an der Qualität des Festivals in Landshut lie­gen, dass man sich jeden belie­bi­gen Wettbewerbsblock anse­hen kann, ohne auch nur für eine halbe Minute gelang­weilt zu sein — schließ­lich schaf­fen es sogar man­che Oscarpreisträger, einen inner­halb weni­ger Szenen zum Gähnen zu bringen.

Wenn also auch kaum eine Chance besteht, dass irgend­ei­ner mei­ner Leser anders als durch Zufall noch­mal einen die­ser Filme sieht, möchte ich doch aus den viel zu weni­gen Wettbewerbsbeiträgen, die ich sehen konnte, eine ganz sub­jek­tive Auswahl her­aus­grei­fen und ein paar Worte dazu schrei­ben. Und wenn es nur dem Zweck dient, dass ich in ein paar Jahren, wenn einer die­ser jun­gen Filmemacher ganz groß her­aus kommt, sagen kann: Dass ich es gleich gewusst habe.

Live Stream

Die Festivalmacher hier in Landshut haben sich aus­drück­lich der Förderung „mit­tel­lan­ger“ Filme ver­schrie­ben. Für die gilt näm­lich das, was oben über Kurzfilme gesagt wurde, noch in ver­schärf­tem Maß: Die meis­ten ande­ren Kurzfilmfestivals begren­zen die Länge der Beiträge auf drei­ßig Minuten, fürs Internet sind sie auch zu lang, und für die übli­chen Spielfilm-Vertriebskanäle wie­derum zu kurz. In die­sem Jahr hat­ten die mit­tel­lan­gen Filme erst­mals ihren eige­nen Wettbewerb, was wohl aus orga­ni­sa­to­ri­schen Gründen nötig war, aber auch ansons­ten sinn­voll erscheint, denn irgendwo jen­seits der 25 Minuten ver­läuft nach mei­nem ganz sub­jek­ti­ven Eindruck eine Grenze, ab der die dra­ma­tur­gi­schen Standards von Kurzfilmen nicht mehr gel­ten und die Geschichten sich plötz­lich ganz anders anfüh­len — sie brau­chen detail­lier­tere Charakterzeichnungen, eine rich­tige Exposition und über­haupt etwas mehr Fleisch außen­rum, was die Aufgabe von Autoren und Regisseuren nicht gerade erleichtert.

Live Stream von Jens Wischnewski und Julia C. Kaiser, ent­stan­den an derFilmakademie Baden-Württemberg, hat in Landshut nicht gewon­nen, aber schon auf ver­schie­de­nen ande­ren Festivals quer durch Europa abge­räumt. Und zu Recht: Die Story einer Romanze zwi­schen einem intro­ver­tier­ten Professor und einer dank Videoblog sehr öffent­lich leben­den Studentin ist fes­selnd, gefühls­stark und trotz der cha­rak­ter­lich etwas neben der Spur ste­hen­den Protagonisten voll und ganz glaub­wür­dig. Dazu spielt Wischnewski auf einer brei­ten sti­lis­ti­schen Klaviatur, ohne grob dane­ben­zu­grei­fen, und das ist bei einem jun­gen Filmemacher keine Selbstverständlichkeit. Wie man auf einem Kurzfilmfestival ohne Weiteres fest­stel­len kann…

Underground Odyssey

Die rich­tig kur­zen Filme gehen auch auf einem Kurzfilmfestival manch­mal ein biss­chen unter. Wie man einen Sechsminüter macht, der über­all mit­hal­ten kann, zei­genChristos DassiosUli Grohs und Robert Nacken mit Undergrund Odyssey, der sich in sei­nem Vorwettbewerb zum Publikumspreis zu mei­ner per­sön­li­chen und sehr posi­ti­ven Über­ra­schung tat­säch­lich durch­ge­setzt hat. Da lau­fen zwei Leute in grob­kör­ni­gem Schwarzweiß durch eine Tiefgarage, und einer erzählt Homers Epen nach. Auf Kölsch. Klingt nicht so sen­sa­tio­nell, darf man aber nicht ver­pas­sen. (Wenn er jemals wie­der irgendwo läuft).

Der Schübling

Ganz anders funk­tio­niert der drei­ßig­mi­nü­tige Schübling von Visar Morina von derKunsthochschule für Medien Köln. Die Geschichte eines alba­ni­schen Flüchtlings, der von den deut­schen Behörden rück­sichts­los abge­scho­ben wird, wäh­rend seine Frau allein auf der Straße ein Kind gebiert, bringt seine poli­ti­sche Botschaft knall­hart und scho­ckie­rend an den Mann. Wie bei vie­len Filmen über beson­ders krasse Missstände ist das ein­zige Problem, dass man sich als Zuschauer stän­dig denkt, dass das ja wohl alles gar nicht wahr sein kann. Ist es aber lei­der, im Großen und Ganzen, und man möchte hof­fen, dass Morina das im Lauf sei­ner Karriere auch noch­mal etwas öffent­lich­keits­wirk­sa­mer dar­stel­len darf.

Silent River

Dieses Werk von Anca Miruna Lazarescu (HFF München) fällt als his­to­ri­scher Kurzfilm irgend­wie sogar in mein Ressort; womög­lich hätte ich also sogar etwas dar­über geschrie­ben, wenn er bloß mit­tel­mä­ßig gewe­sen wäre. Glücklicherweise komme ich nicht in die mora­lisch frag­wür­dige Situation, über einen Studentenfilm her­zie­hen zu müs­sen, der mit viel Herzblut, in enor­mem Stress und ohne Aussicht auf mehr als ein läp­pi­sches Abschlusszeugnis ent­stan­den ist, denn Silent River ist rich­tig gut gewor­den. Es geht um die Flucht dreier Rumänen über die Donau nach Serbien, und man steckt als Zuschauer mit­ten­drin bis an die Grenze zum angst­vol­len Luftanhalten. Viel Zeitkolorit kann man in 28 Minuten natür­lich nicht dar­stel­len, und ich habe auch nicht nach­re­cher­chiert, aber Lazarescu stellt die sozia­lis­ti­sche Vergangenheit ihres Geburtslandes glaub­haft und nach­voll­zieh­bar dar und lie­fert mit ein paar geschickt plat­zier­ten Textzeilen sogar gute Motivationen für die Grenzsoldaten, die ja auch nur ganz nor­male Jungs mit unmensch­li­chen Befehlen sind.

Daniels Asche

Der Gewinner des Publikumspreises, was bei kaum einem Festival der höchst­do­tierte Preis ist, aber immer die größte Auszeichnung; schließ­lich wer­den Filme nicht für Filmfestjurys gemacht. Das Rezept ist bei Daniels Asche, wie fast immer bei rich­tig guten Filmen, eine fein kon­stru­ierte Story und eine unauf­fäl­lige, aber sou­ve­räne Regiearbeit. Hier erfüllt ein Mädchen gegen die Widerstände der ande­ren Angehörigen den letz­ten Wunsch ihres ver­stor­be­nen Freunds und sorgt dadurch für ein hüb­sches Super-Happy-End. Davor gibt’s eine exakt dosierte Mischung aus Tragik und Humor, die nie­man­den kalt las­sen kann. Verantwortlich für das Ganze istBoris Kunze von der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, und wenn man von dem nicht noch mehr hört, dann will ich Heinz-Rüdiger heißen.