Good Night, and Good Luck (2005)

George Clooney ist der Sohn eines Fernsehjournalisten, und er macht sich Sorgen, dass sein Status als Sexsymbol ihm nicht für immer und ewig die Millionen in seine ita­lie­ni­sche Villa schwem­men wird. Außerdem hat er Geschichte und Politik stu­diert, und ins­ge­samt ist es da nur fol­ge­rich­tig, dass er 2005 ein Drehbuch über einen der ein­fluss­reichs­ten ame­ri­ka­ni­schen Anchormenwäh­rend der gro­ßen Kommunistenangst der fünf­zi­ger Jahre geschrie­ben und dafür auch gleich selbst auf dem Regiestuhl Platz genom­men hat. Was ihm immer­hin gleich eine Oscarnominierung einbrachte.

Man darf wohl pro­phe­zei­hen, dass Herr Clooney so bald keine Schwierigkeiten mit sei­ner Finanzsituation bekom­men wird.

Die Geschichte

Sozialistisches Gedankengut scheint etwas zu sein, was der ame­ri­ka­ni­schen Seele zutiefst wider­strebt. Schon kurz nach dem ers­ten Weltkrieg, ange­sichts der bol­schwis­ti­schen Revolution in Russland und eini­ger anar­chis­ti­scher Bombenanschläge im eige­nen Land, ver­an­stal­te­ten ame­ri­ka­ni­sche Behörden eine Hexenjagd auf Gewerkschaftsführer, Antikriegsaktivisten und andere mehr oder weni­ger der Umstürzlerei ver­däch­tige Figuren. Dieser First Red Scare ebbte aller­dings recht bald ab, als die Öffent­lich­keit sich der Tatsache bewusst wurde, dass die Machtübernahme der Kommunisten kei­nes­wegs kurz bevorstand.

Wo es einen First Red Scare gab, muss es aber logi­scher­weise zumin­dest auch einenSecond Red Scare gege­ben haben. Diese zweite große Welle der Kommunistenangst ließ eine Weile auf sich war­ten, ins­be­son­dere, da die USA im Zweiten Weltkrieg mit der Sowjetunion ver­bün­det war. Nach dem Sieg über Nazideutschland war es mit der Freundschaft aber schnell vor­bei; Stalin instal­lierte will­fäh­rige Satellitenregimes in den ost­eu­ro­päi­schen Ländern, zeigte sich als wenig koope­ra­ti­ver Partner unter den Siegermächten und machte sich gänz­lich unbe­liebt, indem er viel schnel­ler als ver­mu­tet eine eigene Atombombe zün­den konnte.

Die Vermutung lag nahe, dass gerade letz­te­res auf Spionage zurück­zu­füh­ren war — und wie sich spä­ter her­aus­stellte, war diese Vermutung auch kor­rekt. Russische Agenten waren dar­über hin­aus auch schon vor­her gele­gent­lich ent­tarnt wor­den, aber mit der plötz­li­chen nuklea­ren Bedrohung und dem Korea-Krieg, der aus dem begin­nen­den Kalten Krieg einen lokal begrenz­ten hei­ßen Krieg gemacht hatte, gewan­nen sol­che Fälle erheb­lich an Bedeutung. Anfang 1950 wurde Alger Hiss, ehe­mals ein hoher Beamter im Außenministerium, de facto der Spionage über­führt, und ein bis dahin rela­tiv unbe­kann­ter Senator aus Wisconsin, Joseph McCarthy, machte öffent­lich auf sich auf­merk­sam, indem er behaup­tete, eine Liste von 200 wei­te­ren Sowjetagenten in zen­tra­len Regierunskreisen zu besitzen.

Was folgte, war ein jah­re­lang andau­ernde Kommunistenhatz auf allen gesell­schaft­li­chen Ebenen. Von Regierungsangestellten über Militärs bis hin zu Journalisten und Hollywoodschauspielern muss­ten sich Tausende den pein­li­chen Befragungen ver­schie­de­ner Kommittees zur Verfolgung „uname­ri­ka­ni­scher Aktivitäten“ (ein ganz offi­zi­el­ler Begriff) stel­len, und viele stan­den auf­grund faden­schei­ni­ger Verdächtigungen danach vor den Trümmern ihrer Karriere. Im Namen der natio­na­len Sicherheit schreckte man auch vor zwei­fel­haf­ten und manch­mal schlicht ille­ga­len Methoden nicht zurück; beson­ders per­fide war, dass Denunzianten mit bevor­zug­ter Behandlung rech­nen durf­ten, wodurch immer noch mehr Menschen in die Fänge der Gesinnungskontrolleure gerieten.

Joseph McCarthy war eigent­lich nur einer von vie­len Anstiftern die­ser anti­kom­mu­nis­ti­schen Massenpanik, und sicher­lich nicht ein­mal der Bedeutendste. Aber er stand als Senator beson­ders im Rampenlicht und war noto­risch ziel­stre­big und starr­köp­fig. Weil er oben­drein aus­sah wie der iri­sche Amateurboxer, der er war, gab er für seine vie­len Gegner eine gute Zielscheibe ab und wurde daher schon für die Zeitgenossen zu einer Symbolfigur. Heute steht der Begriff McCarthyism in den USA nicht nur für die kon­kre­ten Ereignisse in den fünf­zi­ger Jahren, son­dern für fast jede Form gro­tes­ker Anschuldigungen, die ohne brauch­bare Beweise erho­ben werden.

Wir wis­sen heute, dass McCarthy diese trau­rige Form von Berühmtheit nicht ganz zu Recht erlangt hat. Die sowje­ti­schen Spionageaktivitäten, die man damals hin­ter jeder Ecke ver­mu­tete, waren keine völ­lig irreale Bedrohung, und Joseph McCarthy lag mit sei­nen Verdächtigungen auch weni­ger oft dane­ben, als man ihm spä­ter unter­stel­len wollte. Es steht aber auch fest, dass er und seine Mitstreiter die Bedrohungslage voll­kom­men über­zo­gen dar­ge­stellt haben und der ame­ri­ka­ni­schen Demokratie durch die inqui­si­to­ri­schen Methoden der Antikommunisten letzt­lich wesent­lich mehr Gefahr drohte als durch umstürz­le­ri­sche Aktivitäten von Kommunisten.

Diese Einsicht war es letzt­lich auch, die dem Spuk irgend­wann ein Ende setzte. McCarthys Niedergang ist dabei wie­derum nur ein Symbol, aber ein recht aus­sa­ge­kräf­ti­ges: sobald die ame­ri­ka­ni­schen Medien den Mut gefun­den hat­ten, sich gegen ihn zu stel­len, sank seine Popularität mit jedem öffent­li­chen Auftritt wei­ter ins Bodenlose, und ebenso die der Ideen, für die er stand. Ende 1954 sprach ihm der Senat das Misstrauen aus. In den fol­gen­den Jahren ver­fiel er dem Alkohol, 1957 starb er als ein Geächteter, und das ist er im öffent­li­chen Bewusstsein der Amerikaner bis heute geblieben.

Der Film

Good Night, and Good Luck greift sich aus der Geschichte des zwei­ten Red Scare ein klei­nes, aber bedeu­ten­des Detail her­aus, näm­lich die Berichte des CBS-Nachrichtenmagazins See It Now, in denen McCarthys Methoden scharf ange­grif­fen wur­den. Für den Sender und den Moderator Edward R. Murrow war das ein ris­kan­tes Unterfangen, denn ange­sichts der nach wie vor brei­ten Unterstützung, die McCarthy genoss, stan­den Sponsorengelder auf dem Spiel und es stand zu befürch­ten, dass die ver­ant­wort­li­chen Journalisten selbst unter Verdacht gera­ten und aus dem Verkehr gezo­gen wür­den. McCarthy ver­suchte tat­säch­lich, sich auf diese Weise zu ret­ten, aber der beliebte Fernsehmann Murrow genoss letzt­lich offen­bar mehr Vertrauen in der Bevölkerung. See it Now war einer der ers­ten und wich­tigs­ten Sargnägel für die Karriere des Senators.

George Clooney hat als Regisseur und Co-Autor (zusam­men mit Grant Heslov) sicher­lich nicht den Gipfel des Massenentertainments bestie­gen. Der gesamte Film spielt fast aus­schließ­lich in den Redaktionsräumen von See It Now, und wir sehen nicht viel mehr als die Sendungen selbst und die Debatten zwi­schen den Verantwortlichen des Senders und den Redakteuren über das ob und wie des Vorgehens gegen McCarthy. Man muss also Geduld und Interesse mit­brin­gen, umGood Night, and Good Luck wert­schät­zen zu können.

Es heißt, dass alles an die­sem Film authen­tisch ist; jeder ein­zelne Dialog soll ent­we­der wört­lich belegt oder zumin­dest nach tat­säch­li­chen Ereignissen rekon­stru­iert sein, und die Produktion wurde durch­ge­hend von Zeitzeugen beglei­tet. Solche Behauptungen kann man nur schwer über­prü­fen, aber wenn es so ist, dann dürfteGood Night, and Good Luck gera­dezu ein Maßstab für his­to­ri­sche Genauigkeit sein.

Die Selbstbeschränkung auf die Ereignisse in der Redaktion von See It Now engt natür­lich den Fokus erheb­lich ein — Spekulationen über grö­ßere Bedeutungszusammenhänge oder die Schuld oder Unschuld ein­zel­ner Verdächtiger haben nur inso­weit Platz, als sie von den dar­ge­stell­ten Personen im Jahr 1953 tat­säch­lich auch ange­stellt wur­den. Wenn man eine objek­tive Analyse der McCarthy-Ära sucht, ist man hier falsch, denn hier gibt es nur den authen­ti­schen, aber ganz sub­jek­ti­ven Blickwinkel der Angestellten von CBS. Inhaltlich macht das den Film prak­tisch unangreifbar.

Man könnte etwa dar­über strei­ten, ob Murrows Einsatz gegen McCarthy tat­säch­lich so hel­den­haft und bedeu­tend gewe­sen ist, wie Good Night, and Good Luck es nahe­legt. See It Now war schließ­lich kei­nes­wegs die erste Sendung, die das Thema auf­griff, und es ist vor­stell­bar, dass der mediale Widerstand den Red Scare frü­her oder spä­ter auch ohne diese spe­zi­elle Sendung been­det hätte. Aber bei genauer Betrachtung behaup­tet der Film auch gar nichts ande­res — er zeigt nur Ereignisse, die Interpretation fin­det erst im Kopf des Zuschauers statt. Und wenn der kon­ser­va­tive Verteidiger McCarthys M. Stanton Evans 2007 schreibt:

This Clooney opus por­trays McCarthy as a fear­some dra­gon and Murrow as the brave knight-errant who dared to slay him. In a mix of modern pro­duc­tion methods and video clips taken from the archi­ves, the movie affects to be a study in cinema verité, sup­po­sedly revea­ling the evil of McCarthy sim­ply by showing him in action.

dann gilt das­selbe. Clooney steht zwar sicher nicht auf McCarthys Seite und zeigt ihn wirk­lich nicht im aller­bes­ten Licht, aber eine Charakterisierung des Senators ist gar nicht seine Absicht. Solange die Darstellung die Atmosphäre wie­der­gibt, in der die See-It-Now–Sendungen ent­stan­den sind, ist der his­to­ri­schen Wahrheit Genüge getan. Dass die Furcht vor dem Verlust ihrer Karriere die CBS-Angestellten nicht gerade zu den bes­ten Freunden des Senators gemacht haben wird, steht ziem­lich außer Zweifel. Wer das mit dem Versuch einer objek­ti­ven Wertung ver­wech­selt, rea­giert ein­fach über­emp­find­lich. Und das ist ja wohl kaum George Clooneys Fehler.

Fazit

Good Night, and Good Luck ist ein gut gemach­ter Film, des­sen Unterhaltungswert eher ver­nach­läs­sig­bar sein dürfte und des­sen Wert als his­to­ri­sche Darstellung auf­grund der engen Fokussierung des Themas ziem­lich begrenzt ist. Gerade das gibt ihm aber die Chance, auf eine Weise authen­tisch zu sein, die im Kino sonst sel­ten mög­lich ist.